Landwirtschaft Puffbohnen sterben Hitzetod - Dürre wird zum Problem für Gemüse-Anbau

Einst wurde die Puffbohne rund um Erfurt angebaut - heute kaum noch. Wegen der Hitze sind die Erträge in diesem Jahr gering. Die Sonne sorgt aber auch beim Anbau anderer Gemüsesorten für Probleme. Der Erfurter Gemüse-Gärtner Lars Fischer kämpft mit seinem Familienbetrieb gegen die Trockenheit.

Ein Mann steht vor mehreren Kisten in einer Hütte.
Gemüse-Gärtner Lars Fischer suchte in allen Kisten und fand sie nicht: Puffbohnen-Samen. Bildrechte: MDR/Antje Kristen

Er wühlt in allen Kisten und findet: keine. Selbst die Samen der berühmten Erfurter Puffbohnen hat der Erfurter Gemüse-Gärtner Lars Fischer aktuell nicht in Sack und Tüten. "Alles weg, mein Bruder hat die vermutlich auch aus Frust gleich entsorgt", sagt er. Erstmals seit Jahrzehnten konnte der Familienbetrieb in Erfurt-Dittelstedt in dieser Saison keine Puffbohnen verkaufen. "Was wir vom Feld geholt haben, war schon so welk und sah aus, als ob die Bohne seit Wochen in der Kiste lag. Das war nicht zu verkaufen."

Puffbohne gehört zu Erfurt - und vertrocknet

Die Puffbohne wurde untergepflügt und die Kunden - die Bohne hat ihren Liebhaberkreis - über die sozialen Medien informiert. Die Ernte war nicht die Bohne wert. Erfurts Uralt- und Traditionsgemüse wird im Familienbetrieb ohnehin nur noch aus Liebhaberei angebaut. "Aber die Puffbohne gehört nun mal zu Erfurt und deshalb haben wir sie immer auf einer kleinen Fläche angebaut", sagt Lars Fischer.

Eigentlich will er mir auf seinem Hof einige dieser dicken Bohnen zeigen, aber er findet keine mehr, auch keine verschrumpelte. Die Puffbohne wurde einst in Massen rund um Erfurt angebaut, ein billiges und nahrhaftes Gemüse. Die Erfurter bezeichnen sich selbst als Puffbohnen. "Sie ist nun mal unser Spitzname."

Die Puffbohne ist in diesem Sommer vertrocknet. Der kleine Familienbetrieb kann nach eigenen Angaben die fehlende natürliche Regenmenge nicht mit Beregnung und Technik ersetzen. Und weil aktuell jede Kultur zusätzliches Wasser braucht, wurde entschieden: Die Bohne wird nicht bewässert, weil sich mit ihr ohnehin nie Geld verdienen ließ. Von den im Thüringer Landesverband organisierten Gärtnern sind die Fischers die Einzigen, die die Saubohne, so wird sie auch genannt, noch anbauen.

Anbaufläche für Gemüse verkleinert

Das Maskottchen von Erfurt ist in dieser Saison den Hitzetod gestorben. Damit ist die Puffbohne aber nicht das einzige Gemüse. Es staubt, als wir übers Feld laufen. Die Fischers bewirtschaften rund 50 Hektar, davon bauen sie eigentlich auf 35 Hektar Gemüse an. Doch die Fläche haben sie jetzt bereits auf 25 Hektar verkleinert und denken über eine weitere Verkleinerung nach. "Die Rahmenbedingungen machen es uns immer schwerer, Gemüse so zu produzieren, dass wir auch nur annähernd davon leben können. Aktuell buttern wir eher privat zu und dass, obwohl wir 16-Stunden-Tage haben."

Der Betrieb arbeitet mit Saisonkräften unter anderem aus Polen. Ihnen müsse er längst mehr als den Mindestlohn zahlen: "Sonst kommt da niemand mehr. Und die Hitze jetzt macht es noch mal schwerer. Wir haben die Arbeitszeiten schon in die frühen Morgenstunden verlegt. Aktuell ist es bei uns wie in Spanien." Mittags - bei 40 Grad auf dem Feld - wird Siesta gemacht.

Ein Mann auf einem Blumenkohlfeld.
Auch eine Erfurter Gemüsetradition: der Blumenkohl. Aber auch er ist viel zu klein. Bildrechte: MDR/Antje Kristen

Blumenkohlanbau nahezu unmöglich

Hitze und Trockenheit sind das eine. Bürokratie, die neue Dünge- und Pflanzenschutzverordnung der EU mache beispielsweise den Blumenkohlanbau nahezu unmöglich. Auch Blumenkohl ist ein Gemüse, für das Erfurt berühmt ist. Der Blumenkohl aber benötigt nach Fischers Angaben eine gewisse Menge an Dünger, um genug Blattwerk zu entwickeln. Fehlen die Blätter, ist der Blumenkohl der Sonne ausgesetzt, wird er gelb und gilt als unverkäuflich.

Es bringe nichts, wenn man bis zu 80 Prozent der Ernte deshalb auf dem Feld lassen muss, sagte er und schüttelt die vielen weißen Fliegen von den Blättern des Wirsings. "Die machen uns auch zu schaffen, sie kommen, weil es so trocken ist und zerfressen die Blätter."

Ein blumenkohl auf einem Feld.
Zu klein, zu gelb… Bildrechte: MDR/Antje Kristen

EU verlangt Nachweise für Prämien

Rund 15.000 Euro EU-Prämie erhalten die Fischers im Jahr. Im Gegenzug müssen sie viel dokumentieren und Erntebeträge nachweisen. "Für unsere kleine Firma mit im Schnitt zehn Mitarbeitern ist das eine immense Summe, auf die wir eigentlich nicht verzichten können. Aber wenn das mit der Gängelei so weitergeht, werden wir wohl drauf verzichten müssen. Dann muss es eben auch so gehen. Die EU will zum Beispiel in ihren Karten eingezeichnet haben, was wo wie wächst. Wir haben aber im Schnitt 30 Kulturen und jeder Gullideckel muss rausgerechnet werden", macht Lars Fischer seinem Unmut Luft.

Gedanken ans Aufgeben

Lars Fischer steht auf seinem Acker - traurig, frustriert. "Es macht einfach keinen Spaß mehr. Wir müssten in weitere Beregnungsanlagen investieren. Bräuchten dazu aber mindestens 15.000 Euro, die wir einfach nicht haben."

Aufgeben? Der Gedanke komme ihm schon immer mal: "Wenn ich höre, welche Gehälter in so manchen Unternehmen oder auch nur auf dem Bau gezahlt werden und man dann auch noch einen geregelten Urlaub hat."

Aber nein, wischt er den Gedanken dann doch wieder weg. Nach der Wende hatten seine Eltern den Betrieb aufgebaut, darum werde er mit seinem Bruder sicher noch eine Zeit lang kämpfen. "Und irgendjemand muss doch unsere Lebensmittel produzieren."

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MDR (jn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 11. August 2022 | 13:30 Uhr

8 Kommentare

Lumberjack vor 6 Wochen

"für sinnlose Gewerbegebiete nicht erweitert werden!" Genau. Wenn ich mich hier umschaue: vor 20-30 Jahren wurde hektarweise Acker- und Weideland unbrauchbar gemacht, geologische Strukturen und Ökosysteme zerstört. Für Brachflächen! Diese Brachflächen werden nun umgenutzt als "Solarparks", weil die erhofften Investitionen zur Schaffung von Arbeitsplätzen ausgeblieben sind. Vielleicht müssen wir noch erleben, wie es sich ohne genügend Nahrung und Trinkwasser auskommen lässt?

JanErfurt vor 6 Wochen

"Deutschland wird selbstbewusst die Ackerflächen für die Stromproduktion nutzen und mit Geothermie das Biotop Grundwasser zerstören, wäre doch denkbar?" - Da wird wieder ein Thema sinnloser Weise gegen ein anderes ausgespielt. Hauptsache man kann kundtun, was man selbst von der Energiewende hält. Danke für garnichts!

Gucker vor 6 Wochen

"... sterben den Hitzetod" ... dramatischer ging es wohl nicht mehr bei der MDR Redakteurin? Es geht hier um Bohnen - nicht Hundewelpen. Eigentlich denkt man, beim MDR könnte es ein bisschen sachlicher zugehen. Landwirtschaft ist übrigens immer extrem vom Wetter abhängig. Im vorigen Jahr war es zu kühl und sehr nass ... war auch nicht gut. Wer Landwirtschaft betreibt - gerade im Erfurter Becken - der weiß, dass er ggf. auch an Bewässerung denken muss. Das machen die Gemüsebauern hier schon immer. Aber die Autorin hat es offenbar nicht so mit der Landwirschaft ...

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