Rettungskräfte an Unfallstelle
Bei schweren Unfällen kommen manchmal auch erfahrene Einsatzkräfte manchmal an ihre Grenzen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

PSNV für Einsatzkräfte Wenn Retter Hilfe brauchen: Psychosoziale Notfallversorgung in Thüringen

27. Januar 2024, 05:00 Uhr

Ein Unfall mit tragischen Folgen, eine Leiche in einem verbrannten Haus, ein Kind, das beim Baden ertrinkt oder eine Naturkatastrophe, die viele Opfer fordert: Solche Situationen sind zum Glück selten. Aber wenn sie eintreten, dann sind sie nicht nur Familienangehörige und Freunde, sondern auch für die Einsatzkräfte schwer zu ertragen. Wer kümmert sich dann um die seelische Not der Retter?

MDR Redakteurin Grit Hasselmann
Bildrechte: MDR

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Sie sind die Helden unserer Zeit: Feuerwehrleute, Rettungstaucher, Katastrophenschützer, Rettungssanitäter und die Menschen bei der DLRG. Ob in der Leitstelle, beim Einsatz oder bei der Pflege der Technik opfern sie ihre Freizeit, um anderen Menschen zu helfen. Aber was ist, wenn sie selber Hilfe brauchen?

Wenn die Feuerwehr beim Löschen eine Leiche findet, wenn bei schweren Unfällen Menschen ums Leben kommen, wenn ein Einsatz nach der Flut sie an ihre Grenzen bringt? Wenn sie tagelang Vermisste suchen, die dann tot im Wasser gefunden werden, wenn eine Reanimation nicht gelingt?

Besonders schlimm ist es, wenn die Einsatzkräfte die Opfer kennen. Oder wenn ein Kind stirbt, das vielleicht im gleichen Alter ist wie das eigene.

Mandy Petri

"Besonders schlimm ist es, wenn die Einsatzkräfte die Opfer kennen. Oder wenn ein Kind stirbt, das vielleicht im gleichen Alter ist wie das eigene." Das sagt Mandy Petri. Seit fünf Jahren betreut sie Einsatzkräfte in solchen Ausnahmesituationen. "Damals wurden Leute dafür gesucht, und obwohl ich nie bei der Feuerwehr war, habe ich mich sofort angesprochen gefühlt."

Eine junge Frau
Schon seit vielen Jahren engagiert sich Mandy Petri im PSNV-Team. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Das, wovon sie sich da angesprochen fühlte, war die psychosoziale und seelsorgliche Notfallversorgung (PSNV) für Einsatzkräfte.

Anspruchsvolles Ehrenamt

Eigentlich ist Mandy Petri Diplom-Pädagogin, hat in Erfurt studiert und arbeitet heute im Landratsamt in Apolda. Für ihr neues Ehrenamt standen zunächst Weiterbildungen auf dem Plan. Dort hat sie auch ihre Mitstreiter kennengelernt.

"Es gibt zum einen die Peers, also Leute, die selber Mitglied eines Rettungsdienstes oder einer Feuerwehr sind oder eben psychosoziale Fachkräfte, wie das bei mir der Fall ist aufgrund meiner beruflichen Praxis und meiner beruflichen Vita. Nach dieser Ausbildung kann ich also auch für Einsatzkräfte da sein, ohne dass ich jetzt selber Mitglied der Feuerwehr oder des Rettungsdienstes bin."

Eine junge Frau
Auch hauptberuflich kümmert Mandy Petri sich um Menschen. Sie arbeitet im Landratsamt Apolda. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Praktisch sieht das so aus, dass das PSNV-Team in jeder Region einen Bereitschaftsplan hat. "Bei uns läuft der von Montag bis Montag, von 9:00 bis 9:00 Uhr. Wir melden uns in der Leitstelle in Erfurt an als diensthabende Fachkraft. Und dann werden eingehende Anrufe von Einsatzkräften auf unser privates Telefon umgeleitet."

Anrufen kann ein Feuerwehrmann, der merkt, dass er bestimmte Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekommt, ein Sanitäter, der beobachtet, dass sein Kollege sich verändert hat und Hilfe braucht oder eine Einsatzleiterin, die sich Sorgen um die ihr anvertrauten Rettungskräfte macht.

Auch die Leitstelle kann Mandy Petri und ihre Kollegen alarmieren, wenn es beispielsweise einen besonders schlimmen Unfall gibt. "Manchmal kommen aber auch Anfragen von Einsatzkräften, die selber in der PSNV mitarbeiten wollen". Sagt Petri.

Der Jüngste im Team ist Noah Grunert. Er ist gerade 22 Jahre alt und er hat schon mehreren Menschen das Leben gerettet. Das liegt daran, dass er fast jede freie Minute bei der DLRG und beim Katastrophenschutz arbeitet – ehrenamtlich natürlich.

Erste Hilfe für die Seele

Seit er 16 Jahre alt ist, arbeitet er als Rettungsschwimmer. "Bei einem Lehrgang ging es unter anderem darum, wie oder was kann ich tun, wenn ich selber nicht mehr weiterweiß? Wenn ich selber überlastet oder gestresst bin. Das fand ich super interessant", erinnert er sich.

Ein junger Mann
Noah Grunert studiert noch, will Lehrer werden. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Bei der DLRG Thüringen gab es aber bis dahin noch niemanden, der eine PSNV-Ausbildung absolviert hatte. Für Noah Grunert war schnell klar, dass er tiefer in diesen Bereich eintauchen wollte. "In der Ausbildung geht es generell darum, Einsatzkräfte vor, während und nach Einsätzen zu betreuen, zu begleiten, zu unterstützen."

Und je länger er im Bereich PSNV arbeitet, umso mehr sieht er, wie wichtig das ist. Beispielsweise, als er mit anderen Weimarer Rettungskräften im Juli 2021 im Ahrtal zum Helfen war: "Es gibt Bilder, die bekommst du ohne Hilfe nicht mehr aus dem Kopf". Spätestens seit der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 haben die psychosozialen Unterstützungsangebote für Einsatzkräfte auch in der DLRG an Bedeutung gewonnen.

Folgen der Flut im Ahrtal
Grunert war im Juli 2021 mit einem Weimarer Team selbst zum Helfen im Ahrtal. Bildrechte: privat

In der Ausbildung geht es generell darum, Einsatzkräfte vor, während und nach Einsätzen zu betreuen, zu begleiten, zu unterstützen.

Noah Grunert

Belastungen für Einsatzkräfte sind hoch

Aber nicht nur solche besonders spektakulären Einsätze im Katastrophenfall können für die Helfer belastend sein, sondern auch die vermeintlich "kleinen" Einsätze in der Wasserrettung oder im Sanitätsdienst können für Einsatzkräfte zu einer psychischen Herausforderung werden, sagt Grunert. "Wenn du beispielsweise als Rettungsschwimmer jemanden aus dem Wasser holst und ihn wiederbeleben musst oder wenn die Taucher mehrere Tage nach Personen suchen müssen."

DLRG-Übung
Schon seit er 15 Jahre alt ist, gehört Noah Grunert zur DLRG Weimar. Bildrechte: MDR/Noah Grunert

Deshalb ist ihm auch die Prävention besonders wichtig. Er spricht mit den Einsatz-Teams, erzählt, was alles auf sie zukommen kann. Und auch, woran man erkennen kann, dass es einem Kameraden gerade psychisch nicht so gut geht. "Da gibt es ganz verschiedene Anzeichen, die wir alle in der Ausbildung lernen."

Auch die Einsatzbegleitung spiele eine große Rolle, erzählt er. "Dazu wird man dann extra alarmiert. Letztes Jahr im Oktober wurde ich zum Beispiel zu diesem schweren Verkehrsunfall in der Nähe von Apolda alarmiert, wo eine Mutter ums Leben gekommen ist. Und da geht es dann darum, dass man wirklich an der Einsatzstelle ist, dass die Leute wissen, sie können uns ansprechen."

Schlüsselrolle für Führungskräfte

Wichtig ist für das PSNV-Team der Kontakt zu den Führungskräften. "Wenn eine Einsatzkraft sich anders verhält als sonst, zittrig ist oder unruhig, dann können wir darauf hinweisen. Und dann kann die Person eine andere Aufgabe bekommen, etwas weiter weg vom Verletzten. Sie soll das Auto holen oder Getränke für die anderen, dass man sie so ein bisschen anders beschäftigt."

Die Führungskräfte spielen auch eine wichtige Rolle, was die Akzeptanz der PSNV-Teams betrifft, stellt Grunert fest: "Der Einsatzleiter beziehungsweise die Führungskraft ist ja Vorbild für alle Einsatzkräfte. Und der kann darauf hinweisen, dass einfach jeder ein Auge auf jeden hat. Und dann, im Nachhinein, kann er noch unsere Nummer rausgeben."

Erreichbarkeit für Einsatzkräfte Einsatzkräfte können die Landeszentralstelle PSNV erreichen unter der Telefonnummer: 0361 655 5275

Noah Grunert, Mandy Petri und die anderen Fachkräfte bieten Einzelgespräche an, können aber auch zu Gruppengesprächen eingeladen werden. "Da können wir dann mit den Einsatzkräften, die vor Ort waren, einmal kurz den Einsatz durchsprechen und gucken, welche Reaktionen hatte man? Wie kann man damit umgehen?"

Aber die PSNV ersetzt keine Therapie, darüber sind Grunert und Petri sich einig. "Das heißt, wir sind eine erste Hilfe. Wir sind eine schnelle Hilfe. Oftmals ist sie Gottseidank ausreichend. Manchmal reicht es aber nicht, und dann müssen wir weiterführende Hilfen anbieten. Denn eins dürfen wir nicht vergessen: Wir sind keine Psychologen und keine Therapeuten."

Ein junger Mann
Bei Gesprächen mit älteren Kameraden kommt Noah Grunert seine Einsatzerfahrung zugute. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Aber auch da unterstützt das Team, denn oft ist es gerade für die Retter schwer, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch manche Einsatzleiter und Wehrführer müssen noch vom Nutzen der PSNV überzeugt werden. "Aber mit den meisten von ihnen arbeiten wir gut zusammen", so Petri.

Wir sind eine schnelle Hilfe. Manchmal reicht das aber nicht, dann müssen wir weiterführende Hilfen anbieten.

Noah Grunert und Mandy Petri

Kontaktaufnahme auch anonym möglich

Auch anonym kann man bei der PSNV anrufen. Das findet Noah Grunert auch wichtig. "Wenn ein Taucher beispielsweise Angst hat, zuzugeben, dass der Einsatz ihn belastet hat, weil er ja eigentlich dafür ausgebildet ist. Der Punkt ist, dass das Stresslevel unabhängig davon ist, ob ich das vorher gelernt habe oder nicht. Da spielen so viele Faktoren mit rein."

Über die Zeit, die sie für ihre ehrenamtliche Arbeit aufwenden, wollen beide nicht reden. Aber eins ist für Mandy Petri klar: "Ohne die Unterstützung meiner Familie wäre das nicht möglich. Ich bin wirklich stolz darauf, dass die das alles so mittragen."

Noah Grunert studiert noch, er will Lehrer werden. Aus seiner Sicht gehören Sachen wie Erste Hilfe eigentlich auch in den Lehrplan. "Natürlich immer dem Alter angemessen. Aber alles lässt sich besser verarbeiten, wenn man vorbereitet ist."

Die Landeszentralstelle für psychosoziale und seelsorgerliche Notfallversorgung in Thüringen ist die Schnittstelle für eine behörden- und organisationsübergreifende Zusammenarbeit. Sie ist Ansprechpartner für alle Fragen und Belange der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV). Die Landeszentralstelle PSNV ist aus einer Kooperation zwischen der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM) und dem Thüringer Ministerium für Inneres und Kommunales (TMIK) gewachsen.

Thüringen ist Vorreiter bei der Helfergleichstellung

In den letzten Jahren wurde viel getan zum Aufbau der PSNV in Thüringen, sagt Petri. "Das Besondere ist, dass die Ausbildungen für uns kostenfrei sind und auch der Verdienstausfall geregelt ist." Das sieht in den meisten anderen Bundesländern ganz anders aus. Dort müssen die PSNV-Kräfte Urlaub nehmen für ihre Einsätze und die Ausbildung.

Man spricht hier von einer "Helfergleichstellung". Das Thüringer Innenministerium sagt dazu: "Die Einsatzkräfte im Bereich der Allgemeinen Hilfe und im Katastrophenschutz in Thüringen sind den Einsatzkräften der freiwilligen Feuerwehr gleichgestellt. Die Regelungen des § 14 Thüringer Brand- und Katastrophenschutzgesetz zur Freistellung und Verdienstausfall gelten damit auch für diese Personengruppen."

Aufbau und Vernetzung kommen voran

Seit 2020 bietet das Land jährlich zwei Grundlagen-Lehrgänge an. Bisher haben etwa 60 Einsatzkräfte daran teilgenommen. Zudem finden zahlreiche Fortbildungen an den Standorten der Einsatzkräfte statt. 22 PSNV-Teams gibt es mittlerweile in Thüringen, im Jahr 2022 sind sie 75 Mal zum Einsatz gekommen. Im vergangenen Jahr trafen sie sich dann zum ersten Mal. Mehr als 130 Menschen kamen zum ersten Symposium des PSNV in Mühlhausen.

Ein junger Mann
Auch Noah Grunert war in Mühlhausen dabei und kam mit vielen neuen Ideen zurück. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Um Austausch ging es da, um Vernetzung, auch zwischen den verschiedenen Einsatzorganisationen. Das ist auch deshalb wichtig, weil ja auch die PSNV-Kräfte an ihre Grenzen kommen können. "Dann können wir uns immer gegenseitig anrufen, mal alles abladen, uns Tipps holen", so Mandy Petri.  

Aber die größte Motivation für die Arbeit im PSNV-Team ist für sie das Ergebnis: "Wenn die Einsatzkraft sich vielleicht auch nach einem Jahr meldet und sagt 'Das hat mir damals gutgetan', dann ist das eine riesengroße Freude, eine unbeschreibliche Freude, dass es dem anderen Menschen gut geht und dass man einen Teil dazu beigetragen hat, dass dieser Mensch nicht zerbrochen ist an dem, was er erlebt hat".

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MDR (gh)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 26. Januar 2024 | 16:00 Uhr

3 Kommentare

Hobby-Viruloge007 vor 20 Wochen

Was die vielen Freiwilligen und auch die beruflichen Helfer für die Allgemeinheit leisten, kann nicht genug gewürdigt werden.
Man sollte zum Beispiel daran denken, wenn die Feuerwehr mal wieder eine Straße sperrt und "nervt". Das ist zum Beispiel eine Gelegenheit den Rettungskräften respektvoll gegenüberzutreten.

Hobby-Viruloge007 vor 20 Wochen

.... und als Ergänzung: Die gesellschaftliche Aufarbeitung und psychologischen Betreuung von den Fällen, wo man Menschen ohne ihre Angehörigen zu Covid Zeiten hat sterben lassen. Hier hat der Staat viel menschliches Leid produziert.

Meuselbacher 2007 vor 20 Wochen

Bei all der berechtigten Relevanz der hier Erwähnten: verweise ich auf die Notwendigkeit von psychosozialer Begleitung all der Kinder und Jugendlichen: welchen durch die Corona-Maßnahmen psychische Beeinträchtigungen damit entstanden. Geschlossene Schulen und eine einher gehende Schließung der Sportvereine initiierten bei den Heranwachsenden immense Defizite.

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