Russische Invasion Freischärler und Saboteure: Belarussen im Ukraine-Krieg

Das Regime in Minsk betont: Belarus beteilige sich nicht an Kämpfen in der Ukraine. Viele Belarussen wollen aber nicht tatenlos zusehen, wie ihr Nachbarland von Putins Truppen kaputtgeschossen wird, und greifen freiwillig zu den Waffen, um die Ukraine mit zu verteidigen. Andere beteiligen sich an einer Art Widerstandsbewegung, die russische Truppenbewegungen veröffentlicht und Sabotageakte gegen russische Militärzüge verübt. Einige Belarussen ziehen aber auch auf Seite des Angreifers in den Krieg.

Ukrainische Soldaten der Aufklärungsgruppe «Fireflies» springen von der Ladefläche eines Pickups an der Frontlinie in der Region Mykolajiw.
Neben Ukrainern kämpfen auch Freiwillige aus Belarus gegen die russische Invasion. Bildrechte: dpa

"Belarus, ich schwöre, dich zu schützen, egal wo ich bin!" – so klingt das Gelöbnis von Soldaten des Kastus-Kalinouski-Regiments, das in der Ukraine gegen die russischen Invasoren kämpft. Die Einheit mit ungefähr 1000-1500 Freiwilligen aus Belarus wurde nach Kastus Kalinouski benannt, dem Anführer eines Aufstandes gegen den russischen Zaren im 19. Jahrhundert.

Belarussen kämpfen freiwillig in der Ukraine

Die Kämpfer stammen aus unterschiedlichen Milieus: Es sind Juristen, Ingenieure, ehemalige Polizisten. Ein Teil von ihnen sind Dissidenten, also politische Gegner des Regimes von Alexander Lukaschenko. Das Regiment nahm an Kämpfen um Kiew, Irpin, Butscha und Lyssytschansk teil. Mindestens vier Soldaten wurden dabei getötet, mindestens drei sind in Gefangenschaft geraten - darunter der ehemalige politische Gefangene Vasil Parfiankou, der schon seit 2014 in der Ukraine kämpft, zunächst gegen die Separatisten im Donbas. Im Frühling wurde seine Mutter gezwungen, ihren Sohn vor laufender Kamera dafür zu kritisieren. "Ich schäme mich, dass ich einen solchen Sohn habe", sagte die 68-Jährige in einer Hauptnachrichtensendung des belarussischen Fernsehens. Im Hintergrund sah man dabei den großen Buchstaben "Z", der für den russischen Krieg gegen die Ukraine steht.

Eine andere belarussische Einheit, die auf ukrainischer Seite kämpft, ist das Pahonia-Regiment. Der Name leitet sich vom ersten belarussischen Wappen nach der Unabhängigkeit ab, das vom Lukaschenko-Regime wieder abgeschafft wurde – einem Reiter mit Schwert, der auf Belarussisch Pahonia genannt wird. Ein prominenter Vertreter dieser Freiwilligentruppe ist Vadzim Prakopjeu, der in Minsk ein luxuriöses Restaurant betrieb, nach den Protesten von 2020 aber sein ganzes Vermögen verkaufte und in die Ukraine zog. Er sagt: "Wir müssen Belarus befreien, auch unsere Zukunft wird gerade in der Ukraine entschieden". Das Szenario, das er anstrebt: Belarussen, die in der Ukraine kämpfen, sollen sich mit Belarussen in der Heimat zusammenschließen, um Belarus zu befreien.

Regime greift durch – bis zu sieben Jahre Haft

Nach belarussischem Recht machen sich Freiwillige, die in einem Krieg im Ausland kämpfen, strafbar. Ihnen drohen bis zu fünf Jahre Haft, und wenn es sich um ein bezahltes Söldnerheer handelt, dann sogar bis zu sieben Jahre. Der stellvertretende Innenminister prahlte im Staatsfernsehen, dass man Dutzende junge Leute, die als potenzielle Kämpfer identifiziert worden waren, aufhalten konnte. Außerdem seien Strafverfahren gegen 50 freiwillige Kämpfer eingeleitet worden, allesamt auf Seiten der Ukrainer im Kampf.

Trotz dieser Repressalien gibt es nach wie vor junge Männer, die über Litauen und Polen in die Ukraine flüchten, um das Land gegen die Russen zu verteidigen. Manche desertieren sogar aus der belarussischen Armee oder anderen bewaffneten Einheiten. Im Juli beispielsweise floh ein Grenzbeamter mit dem Ziel, in die ukrainische Armee einzutreten.

Der belarussische Staat versucht das zu verhindern. Offiziere von Polizei und Spezialeinheiten werden aufgefordert, ihre Reisepässe beim Vorgesetzten zu deponieren. Um ins Ausland zu reisen, brauchen sie eine Genehmigung. Außerdem wird empfohlen, Urlaub in "freundlichen Ländern" wie Russland und der Türkei zu machen.

Russland-Kämpfer bleiben straffrei

Während Belarussen, die der überfallenen Ukraine helfen wollen, mit schweren Strafen rechnen müssen, werden Belarussen, die auf russischer Seite kämpfen weder verfolgt noch in der Öffentlichkeit thematisiert. Die staatlichen Medien wiederholen das Mantra, dass sich Belarus am Ukraine-Krieg nicht beteiligt. Mittlerweile sind allerdings mindestens fünf tote Belarussen bekannt, die auf russischer Seite gefallen sind, alle in privaten Söldnerheeren. Der ukrainische Sicherheitsdienst verdächtigt zudem zwei Belarussen aus der Gruppe Wagner, Verbrechen gegen Zivilsten in der Nähe von Kiew begangen zu haben.  

Belarus – ein Partisanenland

Seit Kriegsbeginn beteiligen sich manche Belarussen außerdem an konspirativen Aktivitäten. Sie wollen damit ihren Protest gegen den russischen Überfall auf die Ukraine und die indirekte Beteiligung ihres Landes daran ausdrücken. In einem speziellen Telegram-Chat posten sie beispielsweise Informationen über russische Truppen auf belarussischem Territorium und über russische Raketen, die von dort Richtung Ukraine abgefeuert werden.

Einheimische aus dem Grenzgebiet veröffentlichten dort Fotos und Videos. Manche sitzen jetzt deshalb in Haft. Die junge Anna Pyshnik aus der Kleinstadt Mozyr, in der russische Truppen zu Kriegsbeginn stationiert waren, bekam für Fotos russischen Militärgeräts drei Jahre Haft aufgebrummt. Der Lokalreporter Yuri Hancarevitch aus Baranowitschi, wo sich ein russischer Fliegerhorst befindet, von dem Maschinen Richtung Ukraine starten, muss wegen Fotos der russischen Flugzeuge für zweieinhalb Jahre hinter Gitter. Ähnlich erging es vielen weiteren Beteiligten.

Sabotage bei der Eisenbahn

Harte Urteile haben wahrscheinlich auch die sogenannten Eisenbahn-Partisanen zu erwarten. Bahn-Mitarbeiter und andere anonyme Saboteure haben die Schieneninfrastruktur beschädigt, um russische Militärzüge aufzuhalten. Dazu hatte "Bypol" aufgerufen – ein Verband ehemaliger belarussischer Polizisten, die 2020 nach Polen flüchteten. "Wir sollen unseren ukrainischen Kollegen helfen, gegen die russischen Besatzung zu kämpfen", heißt es in ihrem Aufruf.

Und offenbar hatten die Saboteure zumindest zeitweise Erfolg. Mitte März sagte der Chef der Ukrainischen Bahn, Aleksander Kamyschyn: "Ich habe unsere belarussischen Kollegen gebeten, die verbrecherische Befehle nicht auszuführen und russische Transportzüge nicht durchzulassen. Ich bin unseren Kollegen dankbar, kann die Einzelheiten zwar nicht erzählen, aber es gibt momentan keine Eisenbahnverbindung zwischen Belarus und der Ukraine." Doch der Preis für diese Unterstützung der kämpfenden Ukraine ist hoch. Dutzende Saboteure wurden bereits festgenommen, darunter mindestens 30 Bahn-Mitarbeiter. Sie werden in Belarus als Terroristen angeklagt – damit droht ihnen sogar die Todesstrafe.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 04. Mai 2022 | 19:30 Uhr

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