Jewgeni Prigoschin, Chef der Söldnerarmee Wagner, Russland
Jewgeni Prigoschin, Chef der Söldnertruppe "Wagner", zeigt deutlich die Missstände in Russland. Viele fragen sich deshalb: Ist es eine Art Wahlkampf vor der Präsidentschaftswahl 2024? Oder kann er sich das erlauben, weil er kompromittierendes Material gegen Putin besitzt? Bildrechte: IMAGO / ITAR-TASS

Russland Jewgeni Prigoschin – will er Putins Nachfolger werden?

15. Juni 2023, 05:00 Uhr

Der Chef der Söldnerarmee "Wagner" sagt Dinge, für die man in Russland als "Normalsterblicher" ins Gefängnis geht. Öffentlich beleidigt er den Verteidigungsminister in obszönen Worten und baut gleichzeitig sein Image als eine Art Robin Hood auf. Warum tut er das und warum kommt er mit all dem durch? Hat er womöglich politische Ambitionen? Will er etwa Putins Nachfolger als russischer Präsident werden?

Daria Boll-Palievskaya
Daria Boll-Palievskaya Bildrechte: Mischa Blank

Jewgeni Prigoschin hat viele Images: verurteilter Straftäter, "Putins Koch" und Gastronom, Medienmogul, Chef der privaten Söldner-Armee "Wagner", Gründer der sogenannten "Trollfabrik". Bis vor kurzem hat er Häftlinge für seine Armee rekrutiert, jetzt scheint Prigoschin zum Politiker geworden zu sein. Er führt einen regelrechten Wahlkampf durch und bereist damit ganz Russland. In Jekaterinburg, Nischni Nowgorod, Nowosibirsk und Wladiwostok warb er für sein neues Projekt, die sogenannte "Zweite Front".

Wer ist Jewgeni Prigoschin?

Jewgeni Prigoschin wurde 1961 in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, geboren. Während des Ukraine-Krieges ist er als Chef der Privatarmee "Wagner" bekannt geworden. Dafür rekrutierte er in großem Stil Straftäter aus russischen Gefängnissen - nach ihrem Fronteinsatz bei der Wagner-Truppe sollte diesen der Rest ihrer Strafe erlassen werden.

Außerdem wird ihm die Verstrickung in verdeckte Propagandaaktivitäten der russischen Regierung vorgeworfen, die über so genannte "Troll-Fabriken" oder "Troll-Farmen" laufen.

Außerdem betreibt er ein Gastronomieunternehmen und ein Restaurant im Gebäude des russischen Parlaments. Seine Erfolge verdankt er, wie allgemein vermutet wird, der Protektion von Russlands Präsident Wladimir Putin, der bereits in den 2000er-Jahren seine Restaurants in Sankt Petersburg besucht haben soll.

Laut Prigoschin handelt es sich dabei um eine Medienfront. Denn das Vaterland benötige Schutz und müsse gegen diejenigen verteidigt werden, die Menschen manipulieren und ihnen einreden würden, es sei alles perfekt. Damit helfe man dem Feind und dagegen wolle er ankämpfen. Auf Pressekonferenzen trug Prigoschin Jeans und einen Pullover – keine Militäruniform, in der man ihn in letzter Zeit sonst immer sah.

Prigoschin greift Militär und Politik verbal an

Jewgeni Prigoschin
Als Macho und Scharfmacher in Uniform – so ist Jewgeni Prigoschin den meisten Russen bekannt. Doch inzwischen trägt er häufiger Zivil – will er etwa das Metier wechseln? Bildrechte: IMAGO / ITAR-TASS

Prigoschin hat eine eigene Pressestelle, ihrem Telegram-Kanal folgen fast eine halbe Million Abonnenten. Dort und auf vielen seiner anderen YouTube- und Telegram-Kanäle lässt der Söldnerchef täglich Videos verbreiten, in denen er sich über die russische Armee lustig macht, seine Truppen als die tapfersten der Welt und sich selbst als Verteidiger der "Erniedrigten und Beleidigten" preist.

Seit die grenznahe russische Region Belgorod zunehmend zum Schauplatz des Krieges gegen die benachbarte Ukraine wird, schreiben Einwohner von Belgorod Briefe an Prigoschin, in denen sie sich beschweren, dass sie niemand schütze. Prigoschins "Pressedienst" verbreitet die Nachrichten auf seinem Telegram-Kanal: "Lassen Sie die Region Belgorod nicht im Stich!", schreibt eine Bewohnerin. "Im Namen der gesamten Region": "Wir bitten die Wagner-Gruppe um Schutz. Wir glauben an Sie!"

Inzwischen greift Prigoschin nicht nur die militärische Führung Russlands aufs Schärfste an, sondern auch das politische System an sich. "Bei dem enormen Ausmaß an Korruption und Bürokratie heute ist es das Gleiche, Regionalgouverneur zu werden, als wenn man am Topf vorbei pissen würde" – damit meint er, die Aufgabe sei so sinnentleert, dass sie praktisch jeder erfüllen könnte. So antwortete Prigoschin auf die Frage, ob er für das Amt des Gouverneurs der Region Belgorod kandidieren wolle. All das erweckt bei manchen Russen den Eindruck, als wollte er höher hinaus – in den Kreml.

Will Prigoschin Putin beerben?

Eine Umfrage der rechtsgerichteten Internet-Zeitung "Zargrad" ergab, dass der Wagner-Chef bei den Präsidentschaftswahlen 2024 fast neun Prozent der Stimmen erhalten könnte. Prigoschin streitet zwar ab, Politiker zu sein. Doch hat er insgeheim vielleicht doch politische Ambitionen? Da gehen die Meinungen auseinander.

Wann ist die nächste Präsidentenwahl in Russland?

Die nächste Präsidentschaftswahl wird in Russland im März 2024 abgehalten. Durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine wird sie unter politisch völlig anderen Vorzeichen stattfinden. Da militärische Erfolge ausbleiben, die über Jahrzehnte aufgebauten Wirtschaftsbeziehungen mit dem Westen zerstört sind und Russland auf internationalem Parkett geschwächt ist, ist Amtsinhaber Wladimir Putin auch innenpolitisch geschwächt.

Olga Romanowa, Journalistin und Gründerin der Menschenrechtsorganisation "Russland hinter Gittern", die Häftlingen und ihren Familien hilft, beobachtet Prigoschins Aufstieg schon seit Langem. Sie glaubt nicht, dass er vorhat, sich an irgendeinem Wahlkampf zu beteiligen. Dazu verachte er Parteien jeglicher Couleur und das Parlament zu sehr.

Dabei könnte er durchaus eine gewisse, wenn auch kleine treue Anhängerschaft um sich scharen, meint Romanowa. Er sei nämlich zum Anführer der rechtsradikalen nationalistischen Opposition in Russland und zum Sprachrohr aller Hurra-Patrioten geworden. "In seinem engsten Umfeld und bei seinen potenziellen Anhängern betreibt er einen regelrechten Personenkult, dort ist er Zar und Gott", sagt Romanowa.

Der Politologe Abbas Galljamow ist der Meinung, dass Prigoschin durchaus politische Ambitionen hat. Allerdings schätzt auch er es als unwahrscheinlich ein, dass der Wagner-Chef sich an einer Wahl im herkömmlichen Sinne beteiligen würde. Denn Prigoschin sei als Kandidat zu angreifbar. Hinzu komme, dass der Kreml keine Protestwahl zulassen würde. Außerdem stoße er die Massenwähler vor den Kopf, weil er zur Eskalation aufruft, während die Menschen Deeskalation wollen. Selbst wenn ihn einige als denjenigen schätzten, der unumwunden die Wahrheit sage, sei man von seiner Strategie nicht begeistert. Russische Wähler wollten kein Nordkorea, sondern zurück in die seligen Vorkriegszeiten, so Galljamow. "Nach einem Sturz des Regimes wird es eine Nachfrage nach Politikern geben, deren Zukunftsmodelle darauf beruhen, die Konfrontation mit der Außenwelt abzulehnen", glaubt der Politikwissenschaftler.

Trübe Aussichten nach Regimewechsel

Prigoschin nimmt gleichzeitig mehrere Rollen ein, erklärt Galljamow. Er sei sowohl ein klassischer autoritärer Populist als auch ein Herold der Revolution. Seine militärischen Erfolge stabilisierten das System, doch der öffentliche Aktivismus führe genau zum Gegenteil, denn er zeige deutlich, dass das System "verrottet ist und nichts taugt". Das wiederum provoziere einen Anstieg der Anti-System-Stimmung in der Gesellschaft. "Mit anderen Worten, er arbeitet auf demselben Feld wie Nawalny", sagt Galljamow. Trotzdem scheine er paradoxerweise der Einzige zu sein, der das System in einer Situation "voller Handlungsunfähigkeit aller anderen, einschließlich des Präsidenten", retten kann. Damit spielt Galljamow auf Prigoschins Erfolge im Ukraine-Krieg an.

Luftaufnahme von zerstörten und qualmenden Gebäuden in Bachmut
Prigoschins private Wagner-Truppe hat das ukrainische Bachmut in Schutt und Asche gelegt – einer der wenigen "Erfolge" Russlands im Ukraine-Krieg. Bildrechte: IMAGO / SNA

Olga Romanowa glaubt, dass Prigoschin gar nichts anderes übrig bleibt, als sich nach oben zu kämpfen. Früher habe er Geld mit dem Krieg verdient, jetzt stehe sein Leben auf dem Spiel: "Entweder gewinnt er an politischem Gewicht oder er wird aufgefressen". Prigoschin habe sich durch seine öffentlichen Beleidigungen viele sehr mächtige Feinde gemacht, die ihm das nicht verzeihen würden. Sobald er aufhöre, sich zu wehren, müsse er deren Rache befürchten. Außerdem habe er sehr viele Ressourcen angehäuft, sowohl finanzielle als auch personelle. Sobald er Schwäche zeigt, werden diese Ressourcen geplündert, ist Romanowa überzeugt.

Sollte das Putin-System einmal zerfallen, dann wird für jeden, der danach an die Macht kommt die Versuchung groß, Prigoschin ins Gefängnis zu stecken, glaubt Politologe Galljamow. Sei es nun der inhaftierte Oppositionspolitiker Alexej Nawalny oder Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin, der dann auf Putin folge. Denn Prigoschin hinter Gittern – das würde dem Wunsch der Mehrheit in der Bevölkerung entsprechen. Nach einem Machtwechsel würde der Chef von Wagner schutzlos dastehen. Deshalb versucht er, sich eine breite soziale Basis zu schaffen und ist "medienaktiv", so Galljamow.

Hat Prigoschin belastendes Material gegen Putin?

Mittlerweile gibt es keine einzige Regel der russischen Politik mehr, die der Wagner-Chef nicht gebrochen hätte. Trotzdem kommt er damit durch. Selbst mit Anspielungen auf einen gewissen "glücklichen Opa", der in einem Bunker sitzt und "denkt, dass es ihm gut geht", was viele als Angriff auf Putin verstanden haben. Galljamow zufolge ist Putins politisches Schicksal zu sehr mit dem Krieg verknüpft, und Putin glaubt offenbar nicht daran, den Krieg ohne Prigoschin gewinnen zu können. "Putin ist wegen der militärischen Erfolge Wagners gezwungen, Prigoschins innenpolitische Eskapaden zu tolerieren". Eine Niederlage im Krieg wäre für den russischen Präsidenten gleichbedeutend mit dem Verlust der Macht.

Olga Romanowa vermutet, dass die Ursache für Prigoschins Unantastbarkeit darin liegt, dass er eine Geheimakte über Putin hat. "Es ist allgemein bekannt, dass Putin stets geheime Dossiers über alle anlegte". Jetzt gebe es so eine Akte über ihn selbst. Prigoschin kennt Putin seit Anfang der 1990er Jahre und war bei geheimen Treffen der Stadtverwaltung von St. Petersburg mit Vertretern der organisierten Kriminalität dabei. "Ich denke, er hat alles aufbewahrt", mutmaßt Romanowa.

Prigoschins Beharrlichkeit nicht unterschätzen

Dennoch bereitet der Chef der Söldnertruppe dem Kreml inzwischen möglicherweise zu viele Kopfschmerzen. Einige Analysten sehen seinen Stern im Sinken begriffen. Dafür spricht zum Beispiel, dass Prigoschin im Konflikt mit Ramsan Kadyrow, dem tschetschenischen Präsidenten und Führer einer konkurrierenden Privatarmee, einen Rückzieher gemacht hat. Die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Olga Romanowa sieht das jedoch anders. "Prigoschin ist ein Stehaufmännchen. Wir haben ihn mehr als einmal politische Schlachten verlieren sehen, aber er hat niemals resigniert."

So ist der Wagner-Chef Anfang 2023 der russischen Nachrichtenagentur Interfax zufolge zu einer der zehn wichtigsten "Medienpersönlichkeiten" in Russland aufgestiegen, obwohl föderale TV-Kanäle ihn zu ignorieren versuchen. "Er ist der wichtigste News-Maker und wird sich seinen Weg durch die vom Kreml angeordnete Stille bahnen. Er spielt eine zu große Rolle im politischen Prozess, um unbemerkt zu bleiben", ist der Politologe Galljamow überzeugt. Welche Rolle er aber in Zukunft anstreben könnte, kann man derzeit nur bedingt voraussagen. "Die Situation ändert sich zu schnell, nichts lässt sich heute mit Sicherheit sagen", so Galljamow. 

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Heute im Osten | 17. Juni 2023 | 07:17 Uhr

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