Corona-Forschung aktuell: 11. November Selbst ausrechnen: So hoch ist das Corona-Risiko in Innenräumen

Seit 1. November sind unter anderem Restaurants, Sportstätten und Theater geschlossen. Neue Daten zeigen: Die Beschränkungen wirken offenbar, die Zahl der täglichen Neuinfektionen wächst weniger schnell. Und Max-Planck-Forscher haben ein Online-Tool entwickelt, mit dem das Ansteckungsrisiko in Innenräumen berechnet werden kann.

Eine Lehrerin steht in der Erfurter Grundschule Steigerblick vor ihrer Klasse
Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse über Corona

Während die Impfstoffentwicklung mit Hochdruck weiterläuft und die Zulassungsverfahren möglicherweise bald beginnen, wächst täglich auch das Wissen der Forscher über das Coronavirus und seine Ausbreitung. MDR Wissen verschafft Ihnen hier den Überblick über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Online-Rechner für Corona-Ansteckungsrisiko in Räumen

Wie hoch ist das Risiko, sich bei einer Versammlung im Büro oder bei der Chorprobe mit Corona anzustecken? Forscher des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie haben dazu jetzt einen Online-Rechner zur Verfügung gestellt. Auf der Webseite können Besucher eintragen, wie groß der Raum ist, wie gut er belüftet wird (also ob ein Lüftungssystem vorhanden ist, oder ob stoßweise gelüftet wird) und wie lange das Treffen dauert. Daneben können Schätzungen zu einer infizierten Person eingetragen werden, wie laut sie spricht oder was für eine Maske sie trägt. Aus diesen Werten berechnet das System das individuelle Ansteckungsrisiko und das weiterer Teilnehmer, sofern ein Infizierter bei einem solchen Treffen anwesend ist.

Grundlage für den Algorithmus sind Messdaten über die Virenlast von Aerosolen, also den Kleinstpartikeln in der Luft, an die sich das Virus anheften und über die es übertragen werden kann. "Wir möchten einen Beitrag leisten, damit zum Beispiel eine Schule oder ein Geschäft selbst ausrechnen kann, wie hoch das Infektionsrisiko in den Räumen ist und wie effektiv welche Sicherheitsmaßnahme ist," sagt Jos Lelieveld, Autor der Studie, in der der Algorithmus erklärt wird. "Unsere Berechnungen zeigen, dass man das Infektionsrisiko durch regelmäßiges Stoßlüften etwa um die Hälfte, durch zusätzliches Maskentragen sogar um einen Faktor fünf bis zehn senken kann."

Vitamin C gegen Corona: Auf die Kombination kommt es an

Vitamin C stärkt bekanntermaßen die Abwehrkräfte. Deshalb wird derzeit in klinischen Studien getestet, ob es gegen das neue Coronavirus hilft. Dazu verabreichen Forscher mitunter stark erhöhte Dosen von Vitamin C, die dem bis zu Zehnfachen der in den USA empfohlenen Tagesdosis von 65 bis 90 mg entsprechen (in Deutschland liegen diese Empfehlungen für Erwachsene bei 95 bis 110 mg). Das Vitamin wird dafür direkt ins Blut gespritzt. In einem Beitrag in der Fachzeitschrift "Aging and Desease" weist der Alterforscher Carlos Isales allerdings darauf hin, dass das Vitamin wirkungslos oder sogar schädlich sein kann, wenn es nicht genügend sogenannte Transporter gebe, die es in die Zellen bringen. Damit Vitamin C tatsächlich als Immunbooster und Antioxidans wirken kann, brauche es die Stoffe, die es durch die Zellhüllen schleusen. Ob genügend dieser Transporter vorhanden seien, könne unter anderem mit dem PCR-Test gemessen werden, der auch zum Nachweis des Coronavirus verwendet wird.

Vor allem ältere Menschen hätten oft niedrigere Niveaus von diesen Transportmolekülen, die mit einem schwächeren Immunsystem einhergehen. Dadurch könnte aber auch die Beigabe von zusätzlichem Vitamin C keinen zusätzlichen Schutz entfalten.

Ergebnisse zur Wirksamkeit von Vitamin C gegen Corona wurden noch nicht veröffentlicht, die Arbeit an den Studien läuft nach Angabe der Autoren noch.

Deutlich mehr Covid-19-Infektionen in Kenia als bekannt - aber mildere Verläufe

Deutliche mehr Menschen in Kenia als bislang bekannt haben sich in diesem Jahr mit dem neuen Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert. Darauf deutet eine Analyse von über 3.000 Blutspenden hin, wonach rund 4,3 Prozent der Spender Antikörper gegen das Virus im Blut haben. Dieser Anteil liegt deutlich über dem, was laut offizieller Zählung der Infektionen der Fall sein dürfte. Afrika, zweitgrößter Kontinent der Erde, wird immerhin von etwa 17 Prozent der Weltbevölkerung bewohnt. Zugleich wurden dort bislang aber nur fünf Prozent der weltweiten Covid-19-Fälle und nur drei Prozent der mit Corona verbundenen Todesfälle gezählt. In Kenia wurde der erste Fall Mitte März registriert, es folgten rasche Lockdowns, die die Wirtschaft in der Region und auch die medizinische Versorgung von Frauen und Kinder stark geschwächt haben. Bis Ende Juli entfaltete die Pandemie laut offiziellen Daten eine deutlich geringere Dynamik als zuvor in China oder den USA. Die neue Studie, die jetzt in Science erscheint, zeigt: Es haben sich zwar mehr Kenianer, als bislang bekannt, mit Corona angesteckt. Die Autoren des Papers gehen aber davon aus, dass die kenianische Bevölkerung aufgrund ihrer jungen Altersstruktur viel kleinere Risikogruppen hat. Im Ergebnis unterstütze die Studie den Eindruck, dass die Seuche in Afrika offenbar gedämpft ablaufe.

Falsche Informationen über Corona Haupthindernis bei Pandemie-Bekämpfung

Zwei neue Studien von Forschenden der Universität Delaware weisen auf das enorme Risiko hin, das von falschen Informationen und Stigmata über Covid-19 ausgeht. Das Team um Professorin Valerie Earnshaw hatte im April 845 Personen über einen Onlinefragebogen interviewt. Dabei wollten die Wissenschaftler unter anderem wissen, was die Menschen davon abhält, sich auf das neue Coronavirus Sars-CoV-2 testen zu lassen.

Wie sich bei der jetzt im Journal "Stigma and Health" veröffentlichten Auswertung zeigt, sind Menschen weniger bereit, wenn sie Vorurteile über Corona haben oder wenn sie eine starke Stigmatisierung von Infizierten empfinden. Valerie Earnshaw sieht hier große Parallelen zu HIV und psychischen Krankheiten. "Durch ihre Stereotype können Menschen glauben, dass die HIV- oder Covid-Infizierten einfach Fehler gemacht haben, die ihnen selbst nicht passieren."

Bei der zweiten, im Journal Translational Behavioral Medicine erschienenen Studie geht es um Verschwörungstheorien um Corona. Ein Drittel aller Befragten gab an, einer oder mehrerer dieser Theorien Glauben zu schenken. Zugleich gaben sie an, Maßnahmen des Gesundheitssystems zu Eindämmung der Pandemie weniger zu unterstützen. Auch war die Bereitschaft zu Impfung hier geringer.

Wachstumsgeschwindigkeit bei Neuinfektionen und Intensivbetten-Belegung nimmt ab

Die verschärften Corona-Beschränkungen könnten erste Wirkung zeigen. Laut Berechnungen des Science Media Center auf Basis von Daten des Robert Koch-Instituts konnte inzwischen das Wachstum der täglichen Neuinfektionen leicht gebremst werden. Das bedeutet, dass die täglich gemeldeten positiven Corona-Testungen zwar weiterhin zunehmen, die Geschwindigkeit aber abgenommen hat. Gleiches gilt auch für den Zustrom vom Covid-19-Patienten in die Krankenhäuser. Die Betten auf den Intensivstationen füllen sich ebenfalls zwar weiterhin, aber auch hier hat die Geschwindigkeit abgenommen. Das geht aus Daten des DIVI-Intensivregisters hervor.

Uwe Janssens, Präsident der deutschen Vereinigung für Intensivmedizin, sieht aber noch keinen Grund zur Entspannung, denn der Anteil der über 60-Jährigen unter den Infizierten steige derzeit überproportional stark an. "Somit muss befürchtet werden, dass auch der Anteil der stationären Behandlungsfälle zunehmen wird – und damit in Konsequenz auch die Zahl der intensivstationären Behandlungsfälle." Dabei müsse eine zeitliche Verzögerung von etwa zwei Wochen bedacht werden. Außerdem bleiben die Intensivbetten dann oft deutlich länger belegt. Covid-19-Patienten blieben mitunter 24 Tage und länger im Krankenhaus. Auch Clemens Wendtner, Chefarzt der München Klinik Schwabing, warnt mit Blick ins europäische Ausland davor, die Situation weniger ernst zu nehmen. "Bei den anderen Ländern kam es auch zu Beginn nur zu einer langsamen Belegung der Intensivkapazitäten im Spätsommer, bevor das System hinsichtlich der Intensivbetten nunmehr im November überlastet erscheint. Patienten müssen derzeit innerhalb dieser Länder in Regionen mit weniger Covid-19-Belastung oder aber ins europäische Ausland verlegt werden", sagt Wendtner. In Bezug auf die Situation der Kliniken in Deutschland fasst er zusammen:

Bereits jetzt haben viele Kliniken intern in den 'Pandemie-Modus' umgeschaltet und neben Eröffnung von Covid-19-Stationen auch bereits elektive Eingriffe (zeitlich frei wählbar, Anm. d. R.) heruntergefahren. Damit sind Intensivkapazitäten, die sonst zum Beispiel für postoperative Patienten zur Verfügung stehen würden, dem Covid-Pool zugeordnet worden. Ein Regelbetrieb in Häusern der Maximalversorgung ist mit jedem Tag weniger möglich und die Vorstellung, dass Betten leer stehen oder künstlich freigehalten werden müssten, ist irreführend.

Dr. Clemens Wendtner, Chefarzt München Klinik Schwabing

(ens)

MDR Aktuell

9 Kommentare

MDR-Team vor 1 Wochen

In eigener Sache: Wenn Sie Ihre Fragen gern einmal persönlich Redaktions- und Programmverantwortlichen stellen möchten, laden wir Sie herzlich zum Redaktionstalk ein.
Kommen Sie mit uns und/oder den Kolleginnen und Kollegen aus anderen Redaktionen am 01. Dezember 2020 bei einer Videokonferenz ins Gespräch. Einfach anmelden: https://www.mdr.de/unternehmen/informationen/gemeinwohl/mdr-mittendrin-redaktionstalk-100.html

MDR-Team vor 2 Wochen

@Lok, wir danken Ihnen. Und wir stimmen Ihnen absolut zu: Die Auswirkungen zu messen, ist sehr schwierig und möglicherweise gibt es erst in den nächsten Jahren verlässliche Aussagen dazu. Und auch mit der Interpretation der Zahlen haben Sie nicht Unrecht. Um so wichtiger ist es in unseren Augen, im Gespräch zu bleiben, Informationen auszutauschen und natürlich auch kritisch zu hinterfragen.

Lok vor 2 Wochen

Liebes mdr-Team,
danke für die sachliche Antwort. Ich denke, es ist nicht vermessen zu behaupten, dass viele Menschen erst zum Test gehen, wenn sie tatsächlich Symptome bemerken. Aber im Prinzip sekundär, da selbst die 5-6 Tage reine Inkubationszeit plus 2-3 Tage Meldeverzug RKI zeitlich bewirken, dass eine Lockdown-Wirkung jetzt eben noch nicht beurteilt werden kann, erst recht nicht in Bezug auf das zeitlich deutlich nachgelagerte Geschehen in den Intensivstationen.
Es stellt sich ja sowieso grundsätzlich die Frage, wie man die Auswirkungen bemessen will, dazu bräuchte es ja immer ein alternatives Szenario und nochmal, der relative Anstieg bremst nachweislich bereits seit einigen Wochen ab, auch wenn das in den absoluten Zuwächsen nicht gleich zu sehen ist. Am Ende kann sich jede Seite alle Zahlen immer auch passend in die eigene Argumentation einarbeiten, dass ist ja so ein bisschen das Problem. Herzliche Grüße.