Buchvorstellung Roman über die geheimnisvolle Fotografin Vivian Maier

Christina Hesselholdts Roman "Vivian" ist eine Art fiktive Biografie einer wahren Person: der US-amerikanischen Hobby-Fotografin Vivian Maier, deren Bilder erst posthum bekannt geworden sind. Ein vielschichtiges Porträt, das Raum für Rätselhaftes lässt.

Vivian Maier
Vivian Maier auf einem ihrer vielen Selbstporträts Bildrechte: imago/ZUMA Press

Vivian Maiers Gesicht hat etwas Unlesbares. Auf den unzähligen Selbstporträts, die sie von sich angefertigt hat, verrät ihr Gesicht keine Regung des Gemüts. Diese Rätselhaftigkeit passt gut zur ganzen Geschichte von Vivian Maier. Die Kurzfassung: Kindermädchen fotografiert auf Spaziergängen in New York und Chicago das Leben auf der Straße, die Fotos lässt sie aber niemanden sehen (teilweise entwickelt sie die Filme nicht einmal).

Nach ihrem Tod stößt ein Immobilienmakler zufällig auf die Fotos, stellt ein paar ins Internet und "entdeckt" so eine der wichtigsten Fotografinnen des zwanzigsten Jahrhunderts. Letzteres ist die Version ihrer Fans. Kunstexperten sind zurückhaltender, vor allem, weil Maiers Arbeit nie durch die Hände von Galeristen und Experten gegangen ist.

Vom Kindermädchen zur Fotografin

John Maloof, der geschäftstüchtige Entdecker von Maiers Fotografien, hat außerdem einen Dokumentarfilm über sie gedreht. Maier beflügelt die Fantasie, denn warum diese Frau diese wunderschönen Fotos gemacht hat und warum sie sie für sich behalten hat, weiß keiner. Vivian Maier bleibt ein Rätsel.

Christina Hesselholdt, Vivian, Cover
Christina Hesselholdts Roman "Vivian" rankt sich um das rätselhafte Leben der Fotografin Vivan Maier (1926–2009). Bildrechte: Hanser

Daran ändert auch die dänische Schriftstellerin Christina Hesselholdt mit ihrem Roman "Vivian" wenig. Hesselholdt nimmt das, was über Maier bekannt ist und "fabuliert" sich ihre eigene Vivian zusammen. Was war sie für eine? Warum hat sie fotografiert? Warum hat sie fotografiert, was sie fotografiert hat? Und warum hat sie die Fotos nie jemandem gezeigt?

Es entsteht ein vielschichtiges Bild der Fotografin

Hesselholdt steigt im Jahr 1968 ein. In Chicago findet Vivian bei einem gewissen Mr. Rice Anstellung als Kindermädchen, sie soll auf die Tochter Ellen aufpassen. Mutter Sarah arbeitet als Journalistin und versucht, mit Gärtnern ihrer sexuellen Frustration zu entkommen. Da zieht nun also diese seltsame, große Frau mit den energischen Schritten ein, wie so eine Mary Poppins, und nimmt Tochter Ellen mit auf ihre Fotostreifzüge.

Hesselholdt lässt verschiedenste Figuren über Vivian sprechen, Vivian selbst kommt ebenfalls ausgiebig zu Wort und eine Erzählerin greift immer wieder ein und bietet Kontext. So entsteht ein vielschichtiges Bild von Vivian Maier. Aber das Rätsel um diese Frau vermag auch Hesselholdts Roman nicht zu lösen.

Das heißt aber nicht, dass der Roman nicht gelungen ist, ganz im Gegenteil. Hesselholdt gelingt das Kunststück, ihre Protagonistin zu psychologisieren, ohne ihr ihre Geheimnisse zu entreißen. "Die Leute lieben Rätsel, das Unabgeschlossene und das Unerklärliche sind wahnsinnig anziehend. Ich bin die geheimnisvolle Dame, die durgesägte Dame, deren Vergangenheit abgetrennt wurde", lässt sie Vivian an einer Stelle sagen.

Die Faszination entsteht erst aus dem Rätselhaften

Bei Hesselholdt wird aus der Fotografin eine Frau, die sich bewusst den Blicken entzieht, auch denen der Männer. Sie macht das mit so einer Konsequenz, dass man die vielen Selbstporträts, die Maier von sich gemacht hat, fast schon als Vergewisserung der eigenen Existenz ansehen könnte. Dass sie ein Rätsel bleibt, trägt am Ende auch zur Faszination ihrer Bilder bei.

Wäre ihr ihr letztes Geheimnis entrissen, würde wohl auch die Aura ihrer Bilder darunter leiden. Der so verrätselte Gesichtsausdruck in ihren Selbstporträts wäre dann vielleicht einfach nur ausdruckslos. Christina Hesselholdt fabuliert sich respektvoll und verspielt ihre ganz eigene Vivian Maier zusammen. Wie viel sie mit der echten gemeinsam hat, ist dabei eigentlich völlig egal. Was bleibt, sind bemerkenswerte Fotografien, eine faszinierende Fotografin und ein sehr schöner Roman.

Angaben zum Buch Christina Hesselholdt: "Vivian"
Übersetzt aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Hanser
208 Seiten
21 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Juni 2020 | 07:40 Uhr