Filmrezension "Bohemian Rhapsody": Queen setzt sich selbst ein Denkmal

Freddie Mercury lebt! Zumindest auf der Leinwand. Mit "Bohemian Rhapsody" startet ein Biopic über den legendären Sänger von Queen in den Kinos. Dabei setzt der Film vor allem der Band selbst ein Denkmal, aber nimmt es mit der historischen Genauigkeit nicht so ernst. Trotzdem ist der Film gelungen, wie MDR KULTUR-Redakteur Hendryk Proske findet.

Schaut man sich "Bohemian Rhapsody" im Kino an, dann sieht man Queen. Die Illusion, der echten Band beim Spielen zuzusehen, diese Power und Theatralik der Band in ihren besten Konzertmomenten nachzuempfinden, ist den Machern ziemlich gelungen. Genau da hat der Film seine starken Momente und ist fast versessen detailverliebt. Vor allem im großen Finale, wenn der legendäre Auftritt von Queen beim Live-Aid-Festival im Sommer 1985 im Londoner Wembley Stadiom fast komplett nachgestellt wird.

Perfekte Imagination von Queen

Szene aus dem Film "Bohemian Rhapsody", in der Freddie Mercury auf der Bühne steht.
Rami Malek als Freddie Mercury. Bildrechte: Twentieth Century Fox

Diese Szene ist bemerkenswert: Die Gesten sitzen, die Kleidung, der Bühnenhintergrund – da stimmt selbst die zufällig wirkende Anordnung der Bier- und Colabecher auf dem Flügel, an den Freddie Mercury zu Beginn tritt, um das Intro von "Bohemian Rhapsody" zu spielen. Das ist mit Detailbesessenheit noch vorsichtig umschrieben.

In diesen Momenten glänzt vor allem Rami Malek als Freddie und zeigt, dass er in dieser Besetzung eine gute Wahl war. Besser ist eigentlich nur noch Gwillyn Lee als Gitarrist Brian May, bei dem man gar fast keinen Unterschied zum Original erkennen kann – was die Imagination der Band Queen live auf einer Bühne angeht, was das musikalische Erlebnis bei diesem Film angeht, ist das alles ohne Fehl und Tadel.

Absurde, kreative Freiheiten

Die Mühe, die man sich bei der Detailgenauigkeit der Darstellung gemacht hat, fehlt jedoch bei der Geschichte, die man eigentlich erzählen will. Der Film geht mit Daten und Fakten der Queen-Biografie recht kreativ um. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass man sich einige Fakten passend gemacht hat, um es dramaturgisch schöner erzählen zu können – es handelt sich eben nicht um einen Dokumentar-, sondern Spielfilm. Allerdings wird es an einigen Punkten übertrieben bis albern.

Szene aus dem Film "Bohemian Rhapsody".
Nicht alle Begebenheiten in "Bohemian Rhapsody" haben sich so zugetragen, wie es im Film dargestellt wird. Bildrechte: Twentieth Century Fox

So war es sicher nicht so, dass die Spenden-Telefone beim Live-Aid-Konzert erst beim Auftritt von Queen zu klingeln begannen und ein beeindruckter Bob Geldof aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Ganz wild wird es dann, wenn die AIDS-Erkrankung Mercurys nicht nur ziemlich zufällig aufpoppt, da die wilde Zeit in der Schwulenszene nur sehr kurz und ziemlich nebenbei dargestellt wird – sondern auch noch als dramaturgische Klammer und Zuspitzung dient, um den Live-Aid-Auftritt als letzte Chance für Freddie und die Band zu stilisieren, als finalen Auftritt vor dem Tod. Das ist insofern Quatsch, als dass Brian May selbst in seiner Biografie davon geschrieben hat, dass die Band erst viel später von Frieddie Mercurys Erkrankung erfuhr und nicht, wie im Film, direkt vor dem Auftritt im Wembley.

Vor allem ist es aber unnötig – die Bedeutung dieses Auftrittes allein reicht aus. Denn – das stimmt zumindest – die Band hatte sich in den Jahren zuvor getrennt und auch zerstritten. Live Aid war eine spektakuläre Reunion und eigentlich in Wahrheit erst der Auftakt für die Live-Magic-Tour im Jahr darauf. Die größte und erfolgreichste Tour, die Queen jemals spielen sollte, mit dem großen Finale vor 120.000 Fans im Knebworth, was das letzte, gemeinsame Konzert der Band sein sollte.

Zwiespältiges Spiel von Rami Malek

Bohemian Rhapsody
Rami Malek überzeugt vor allem in den Konzert-Passagen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als Biografie-Ersatz taugt der Film nicht, da einige wichtige Momente im Leben des Freddie Mercury nur angerissen werden. Darunter leidet dann zum Teil auch die Schlüssigkeit im Ablauf, sowie das Spiel von Rami Malek. Als Bühnen-Freddie ist er top, als Darsteller des real lebenden Freddie ist er in vielen Szenen seltsam farb- und leblos und naiv bis schläfrig.

Auf der anderen Seite wird die Restband fast schon übertrieben freundlich dargestellt wird. Auch das kann man sich schwer vorstellen, dass nur Freddie durch die Parties zog, nur er Drogen nahm und Alkohol und May, Taylor und Deacon nette, biedere Familienväter blieben die nur auf der Bühne die Sau herausließen.

Rami Malek spielt Freddy Mercury im Film "Bohemian Rhapsody" 5 min
Bildrechte: IMAGO

Queen-Fans waren sich vor der Premiere von "Bohemian Rhapsody" einig: Rami Malek kann niemals Freddie Mercury verkörpern! Mittlerweile gilt er als Oscar Favorit. Anna Wollner hat den Schauspieler getroffen.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 20.02.2019 18:05Uhr 05:17 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Rami Malek spielt Freddy Mercury im Film "Bohemian Rhapsody" 5 min
Bildrechte: IMAGO

Queen-Fans waren sich vor der Premiere von "Bohemian Rhapsody" einig: Rami Malek kann niemals Freddie Mercury verkörpern! Mittlerweile gilt er als Oscar Favorit. Anna Wollner hat den Schauspieler getroffen.

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Ein Denkmal für sich selbst

Allerdings hat die Mehrheit der Queen-Interessierten nicht die ganze Zeit die Biografie zum Abgleich auf dem Schoß – sie wollen sich an die Band und an die Zeit, womöglich ihre Zeit mit dieser Musik, erinnern. Das funktioniert hervorragend. Wem die genauen Fakten und Abläufe egal sind, der bekommt eine Ahnung von der Persönlichkeit Freddie Mercurys – was ihn antrieb, was ihn zeriss, was ihn kreativ ausmachte. Aber eben nur eine Ahnung.

Eine Zeitung schrieb sinngemäß: das Werk sei wie ein verfilmter Wikipedia-Eintrag. Und das trifft es ein bisschen. Man spürt die Intention der überlebenden Queenmitglieder, die den Film ja auch mitproduziert haben: Sie wollten kein tiefschürfendes, schweres Drama einer zerrissenen kreativen Seele, sondern ein schön klingendes, filmisches, familienfreundliches Denkmal ihrer selbst. Und das ist gelungen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. November 2018 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. November 2018, 13:58 Uhr

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