Zum zweiten Jahrestag Anschlag von Halle: Initiativen kritisieren fehlende Aufarbeitung durch die Stadt

Der antisemitische Anschlag von Halle hat das ganze Land erschüttert und bewegt. Zum zweiten Jahrestag kritisieren Akteure aus der Zivilgesellschaft nun: Die Stadt habe bislang zu wenig für die Aufarbeitung getan.

Der 9. Oktober 2019, der Tag des Attentats von Halle – Mamad Mohamad wird sich sein Leben lang daran erinnern. Die Ungewissheit war groß. Ununterbrochen klingelte das Telefon.

"Die muslimischen Menschen, die angerufen haben, hatten enorme Sorgen, dass der Attentäter einen muslimischen Hintergrund hat", erinnert sich der Geschäftsführer des Landesnetzwerks der Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA). "Das war so ein Panik-Gefühl. Die Menschen hatten Sorge, dass sie in diesem Fall stigmatisiert werden würden."

Hunderte sorgenvolle Anrufe bei Hotline

LAMSA organisierte noch am selben Tag eine Hotline. Mehr als 700 Anrufe wurden von 50 Ehrenamtlichen mehrsprachig betreut. Einer von ihnen: Djamel Amelal von der islamischen Religionsgemeinschaft Sachsen-Anhalt. "Die Menschen hatten in der ersten Stunden sehr viel Angst", sagt er rückblickend. "Was könnte danach kommen? Wird das bei uns genau so passieren? Sind wir noch dran?“

Zwei Jahre sind seitdem vergangen. Nun sitzen Mohamad und Amelal in den Büroräumen von LAMSA, damals wie heute nur wenige Straßen von der Synagoge, vom Kiez-Döner entfernt. Im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT erinnern sie sich – und kritisieren, dass in Halle bis heute kaum eine Aufarbeitung des Anschlags stattgefunden habe.

Stadt Halle sieht Situation anders

Die Zivilgesellschaft werde allein gelassen, so der Vorwurf. "Wir haben den Eindruck, dass es in Vergessenheit geraten ist", sagt Mohamad. "Was auf der einen Seite auch gut so ist, weil die Menschen in den Alltag zurückfinden müssen." Aber: "Es muss auch eine zivilgesellschaftliche Aufarbeitung stattfinden." Heißt: "Es müssen Formate und Räume für die Menschen in Halle geschaffen werden, wo sie zusammenkommen und auch sagen können, was sie eigentlich bedrückt." Sprich: weniger Staatsakte und Politiker-Besucher, mehr Fokus auf die Bürgerinnen und Bürger. Diese Aufarbeitung fehle.

Die Stadt bewertet das anders und erklärt auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT: "Halle ist nach dem Anschlag zusammengerückt. Es hat zum ersten Jahrestag sehr bewegende Veranstaltungen gegeben, an denen auch der Bundespräsident teilgenommen hat. Vor allem aber hat es eine enorme Anteilnahme der Stadtgesellschaft gegeben. Unbestritten ist, dass der Anschlag als Narbe bleiben wird und Teil der Zeitgeschichte Halles ist. Die Narbe werden wir nicht verstecken; sie wird mahnen und muss erinnern."

Stadt: Koordinatoren für Demokratieförderung geschaffen

Weiter heißt es: "In der Stadtverwaltung wurde die Stelle eines Koordinators für Demokratieförderung geschaffen, der die Antisemitismus-Bekämpfung gemeinsam mit verschiedenen Akteuren der Stadt (Bündnis gegen Rechts, Sportvereine, Kirche, Initiativen) koordiniert und unterstützt. Die Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung und Jüdischer Gemeinde wurde weiter intensiviert. Es hat sich der Verbund 'Koalition gegen Antisemitismus' gegründet, der unter Trägerschaft des Friedenskreises Halle e.V. und mit partnerschaftlichen Unterstützung der Stadt, Antisemitismus auf lokaler Ebene erkennt und die Handlungsfähigkeit sowie Aktionen verschiedener Akteure organisiert. Dazu gehören Info-Veranstaltungen und politische Weiterbildung."

Mamad Mohamad
Bildrechte: dpa

Es müssen Formate und Räume für die Menschen in Halle geschaffen werden, wo sie zusammenkommen und auch sagen können, was sie eigentlich bedrückt.

Mamad Mohamad Vorsitzender des Landesnetzwerks der Migrantenorganisation Sachsen-Anhalt (LAMSA)

Auch "Halle gegen Rechts" sieht Stadt in der Pflicht

LAMSA-Geschäftsführer Mamad Mohamad bewertet die Stelle des Koordinators für Demokratieförderung positiv. Er sagt: "Das ist eine wichtige Stelle, weil es einen strukturierten Prozess der Aufarbeitung geben muss." Die Aktionen von verschiedenen Akteuren wie beispielsweise LAMSA oder dem Bündnis "Halle gegen Rechts" und vielen anderen müssten besser koordiniert werden. Mohamad dazu: "Das hätte diese Stelle jetzt zum zweiten Jahrestag schon machen können. Ich weiß nicht, wie andere Träger eingebunden sind, aber zumindest mit uns ist das aber nicht passiert." Die Stadt müsse mehr tun, sagt auch Djamel Amelal von der islamischen Religionsgemeinschaft.

Auch das Bündnis "Halle gegen Rechts" begrüßt die Stelle des Koordinators für Demokratieförderung zwar. Doch Sprecher Valentin Hacken sagt: "Wir warten noch darauf, dass sie sich bei uns vorstellen. Das wird jetzt bald kommen. Es gibt einen ersten Termin. Dann sehen wir die Konzeption. Bisher können wir dazu nichts sagen, weil bisher nicht sichtbar ist, was diese Stelle tut." Ohnehin hätte sie viel früher, schon im Jahr 2019, geschaffen werden müssen, so Hacken.

Valentin Hacken (Halle gegen Rechts)
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist natürlich sehr leicht, auf das Engagement von Menschen zu verweisen, die das in ihrer Freizeit, die das als Aktivisten und Aktivistinnen ehrenamtlich tun. Auch bei uns ist die Frage weiter offen, was die Stadt als Stadt tut.

Valentin Hacken Bündnis "Halle gegen Rechts"

Zahlreiche Aktionen zum zweiten Jahrestag

Auch am zweiten Jahrestag des Anschlags auf die Synagoge in Halle soll am Sonnabend mit zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen der Opfer, Hinterbliebenen und Betroffenen gedacht werden. Neben dem offiziellen Programm von Stadt und Land haben auch zahlreiche Initiativen zur Beteiligung an Aktionen aufgerufen, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. LAMSA und "Halle gegen Rechts" wollen versuchen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und Gedanken auszutauschen.  

Am 9. Oktober 2019 hatte der inzwischen wegen Mordes verurteilte Attentäter versucht, in die Synagoge in Halle einzudringen, um ein Massaker anzurichten. Als ihm dies nicht gelang, erschoss er die 40 Jahre alte Passantin Jana L. und im Kiez-Döner den 20-jährigen Kevin S. Im Dezember 2020 wurde er unter anderem wegen Mordes in zwei Fällen und versuchten Mordes in mehr als 55 Fällen zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

MDR/Marie Landes, Daniel George

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 07. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

hinter-dem-Regenbogen vor 7 Wochen

@ " . . . wurde die Stelle eines Koordinators für Demokratieförderung geschaffen, der die Antisemitismus-Bekämpfung . . . "

"Demokratieförderung" kann nur an sich selbst durchgeführt werden.
Demokratieförderung an meinem Nachbarn oder den Bewohnern einer Stadt, ist ideologische Scharlatanerie.
Andere würden sagen, "Propaganda oder Indoktrination".

PS:
Demokratie bezeichnet einen Zustand - es handelt sich nicht um ein Instrument, welches man "fördern" oder gar "schärfen" müsste. Demokratie kann man auch nicht verteidigen - man kann diese höchstens an sich heranlassen und leben.
Letztendlich entscheidet die Auslegung der Demokratie über die Sinnhaftigkeit, den Verlauf und auch über den Erfolg.
Wobei der Erfolg sich nicht nur auf einen Gruppierung beschränken darf, die sich darauf beruft, die Mehrheit zu sein.

ElBuffo vor 7 Wochen

Die "Stadt" hat ganz offensichtlich andere Schwerpunkte.

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