Lehrermangel Vom Informatiker zum Lehrer: Ein Seiteneinsteiger erzählt von seinem Berufswechsel

Phillip Klimmey hat seinen Job als Informatiker aufgegeben und nun zwei Schuljahre als Lehrer an einem Gymnasium in Halle hinter sich. Allerdings hat er unterschätzt, wie viel er neben dem Unterrichten arbeiten muss. Warum er seinen Berufswechsel trotzdem zu keiner Zeit bereut.

Ein Mann mit T-Shirt und kurzer Hose steht vor einem Schulgebäude.
Seit zwei Jahren ist der Informatiker Phillip Klimmey Lehrer an einem Gymnasium in Halle – und glücklich mit seinem Jobwechsel. Bildrechte: MDR/Kerstin Koretz

Man macht halt etwas für die Gesellschaft, was durchweg positiv ist. Es geht nicht darum, Gewinn zu erwirtschaften. Es geht darum, jungen Menschen etwas beizubringen.

Phillip Klimmey, Lehrer-Seiteneinsteiger

Für Phillip Klimmey geht gerade das zweite Schuljahr als Seiteneinsteiger ins Lehramt zu Ende. Er unterrichtet Mathematik und Informatik an einem Gymnasium in Halle-Neustadt. Und er sagt, dass er jederzeit wieder von seinem Job als Informatiker an die Schule wechseln würde.

Phillip Klimmey hat Mathematik in Leipzig studiert, war dann in der Softwareentwicklung und hat später für einen Microsoft-Partner programmiert. "Ich war einfach unzufrieden. Man hatte viel gearbeitet und das Gefühl gehabt, dass ein großer Teil dieser Arbeit verloren geht – man muss es nochmal machen, es wird dann doch nicht genutzt oder versandet andersartig", erinnert er sich.

Jetzt ist er zufrieden als Lehrer. Er arbeitet gern mit den Kindern. Phillip Klimmey hat selbst ein Kind und ist verheiratet, er wohnt allerdings nicht in Halle, sondern in Leipzig. In oder um Leipzig hätte er nicht Lehrer werden können, da waren Seiteneinsteiger nicht gefragt. Deshalb arbeitet er jetzt in Sachsen-Anhalt.

Arbeitspensum höher als gedacht

Vom Entschluss, an die Schule zu wechseln, bis er zum ersten Mal vor einer Klasse stand, ist nur ein Dreivierteljahr vergangen. Beworben hat sich der 32-Jährige beim Land Sachsen-Anhalt über eine Online-Plattform. Ein vierwöchiger Didaktik-Kurs in den Sommerferien folgte, dann die erste Schulstunde. 25 Unterrichtsstunden pro Woche sind es, dazu immer mal eine Hospitation bei ihm von einem Kollegen. "Der setzt sich mit rein und sagt, das musst du noch verbessern, das musst du anders machen", erzählt Klimmey.

Das Arbeitspensum war dann allerdings ein Aha-Effekt für ihn. "Das ist ein allgemeiner Irrglaube, dass Lehrer nicht so viel zu tun haben. Nicht nur das Unterrichten ist Arbeitszeit, sondern da kommt viel mehr dazu, was die Arbeit außerhalb des Unterrichts ist. Man hat als Schüler früher nie gesehen, wie viel Lehrer im Hintergrund machen müssen", sagt Klimmey. Als Informatiker hatte er etwas weniger zu tun. Das Gehalt sei fast gleich.

Weniger Geld als studierte Lehrkräfte

Momentan bekommt Phillip Klimmey weniger Gehalt als studierte Lehrkräfte. "Wir werden eine Stufe niedriger bezahlt als die Lehrer und sind nicht verbeamtet. Mich stört das überhaupt nicht", so der 32-Jährige. Er habe eine Aussicht darauf, verbeamtet zu werden. Gerade mache er eine zweijährige Fortbildung ähnlich dem Referendariat, um danach eine Gehaltsstufe aufzusteigen und eventuell doch verbeamtet zu werden.

An manchen Schulen verschweigen Seiteneinsteiger den Schülerinnen und Schülern, dass sie keine "gelernten" Lehrer seien, doch Phillip Klimmey war da offen. Seine Klassen seien sogar sehr interessiert gewesen, hätten wissen wollen, was er vorher gemacht habe.

Auch mit seinen neuen Kolleginnen und Kollegen hat er geredet. "Von ihnen habe ich noch nie etwas Negatives gehört. Es war eher das Gegenteil, sie haben sich extra gekümmert, dass es mir hier gefällt und mich unterstützt." Eine Kollegin von ihm, die seit 39 Jahren Naturwissenschaften unterrichtet, sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Ich denke, wenn wir Fachleute kriegen, dann ist das ein Gewinn für die Schule."

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So wählt das Bildungsministerium Sachsen-Anhalt Seiteneinsteiger aus

Mehr als 600 Seiteneinsteiger arbeiten inzwischen an den Schulen in Sachsen-Anhalt. Es sind Mathematikerinnen, Künstler, Biologinnen und viele andere. Sie alle mussten ein zweistufiges Prüfverfahren durchlaufen.

  1. Schritt: Zuerst wird ermittelt, ob der Studienabschluss den Einstellungsvoraussetzungen entspricht und welches Fach bzw. welche Fächer der jeweiligen Schulform sich ableiten lassen.
  2. Schritt: Danach wird die persönliche Eignung durch ein Auswahlgespräch geprüft. In dem standardisierten Gespräch soll festgestellt werden, ob die Bewerber und Bewerberinnen als Lehrkräfte geeignet sind. Es geht um die Motivation und um den Umgang mit pädagogischen Herausforderungen im Schulalltag.

Wie viel Geld Seiteneinsteiger-Lehrkräfte bekommen

Die Einstellung erfolgt nach dem Tarifvertrag der Länder, die Eingruppierung richtet sich nach der Entgeltordnung für Lehrkräfte. "Die individuelle Eingruppierung erfolgt je nach Schulform und den bisherigen Ausbildungsabschlüssen. Für gewöhnlich sind dies die Entgeltgruppen E 9 bis E 12", teilte das Bildungsministerium MDR SACHSEN-ANHALT mit.

Das sind die Einstellungsvoraussetzungen für Seiteneinsteiger ins Lehramt

Voraussetzung ist ein Hochschulabschluss, teilweise genügt ein Bachelor. Mit einem ausländischen Hochschulabschluss, der die Kriterien des Landes Sachsen-Anhalt erfüllt, ist ein Seiteneinstieg ebenfalls möglich.

Seit April 2021 besteht zudem die Möglichkeit, auch ohne Ableitung eines Fachs aus dem Studienabschluss im Schuldienst des Landes Sachsen-Anhalt zu arbeiten, allerdings nur an entsprechend ausgewiesenen Stellen an Sekundar- und Gemeinschaftsschulen.

MDR/Kerstin Koretz, Luise Kotulla

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 22. Juli 2021 | 12:30 Uhr

4 Kommentare

Anhaltiner vor 9 Wochen

Seiteneinstieg: Warum das Land potenzielle Lehrer in andere Bundesländer ziehen ließ. Ja das kann nur der Bildungsexperte Tullner beantworten. Nun ist Ihm aber der Glücksgriff mit den Seiteneinsteigern gelungen. Billiger sind sie ja auch. Wenn das keine Leistung ist!

Altlehrer vor 9 Wochen

Die ersten Erfahrungen mit Seiteneinsteigern sind vorwiegend positiv. Sie bereichern den Unterricht mit neuen praxisbezogenen Blickwinkeln; haben aber die Schwere der Aufgabe oft unterschätzt. Gebraucht werden sie vor allem an den Sekundarschulen und hier ist der Einstieg noch wesentlich schwerer als am Gymnasium. Das Land steht auch in der Verantwortung, für möglichst alle Seiteneinsteiger ein entsprechendes Zusatzstudium anzubieten und nicht nur für wenige.

Todli vor 9 Wochen

Ich hoffe nur das er dann nicht so vor den Schülern steht!

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