Porträt von Prof. Dieter Bingen Deutschland,
Dieter Bingen hat sein Wirken seit den 1980er-Jahren der deutsch-polnischen Verständigung und der Versöhnung beider Länder gewidmet. Bildrechte: IMAGO / IPON

Görlitzer Brückepreis für Dieter Bingen Ein Leben für die deutsch-polnische Verständigung

von Bernd Schekauski, MDR KULTUR

08. Dezember 2023, 04:00 Uhr

Die Europastadt Görlitz/Zgorzelec ehrt Dieter Bingen, den langjährigen Leiter des Deutschen Polen-Instituts, am Freitag mit dem internationalen Brückepreis. Die Auszeichnung wird dem Historiker, Experten und Berater für sein Engagement im deutsch-polnischen Verständigungsprozess verliehen.

Mit dem Empfang des Brücke-Preises rückt Dieter Bingen nun in eine Reihe mit hochkarätigen Preisträgern vergangener Jahre, etwa mit den Nobel-Preisträgerinnen Herta Müller und Olga Tokarczuk, mit dem Star-Architekten Daniel Libeskind, dem Historiker Timothy Garton Ash oder mit dem einstigen EU-Kommissions-Präsidenten Jean-Claude Juncker.

Die Brückepreisgesellschaft begründet, Dieter Bingen sei ein international anerkannter Wissenschaftler, geschätzter Experte und Berater in zahlreichen Gremien. "Es gibt kaum Facetten des deutsch-polnischen Verständigungsprozesses, die nicht mit seinem Namen verbunden sind. Seit den 1980er-Jahren waren seine Expertise und Einschätzungen auch in Regierungskreisen in Bonn und später in Berlin gefragt", so die Jury.

Engament für Verständigung zwischen Deutschen und Polen

Damit wird präzise wiedergegeben, was für einen Ruf sich Bingen als Brückenbauer erworben hat. Vor allem in den rund 20 Jahren, in denen er das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt leitete. Was die Dimensionen seines Tuns betrifft, wiegelt Bingen im Gespräch mit MDR KULTUR zunächst bescheiden ab. Aber nur, um diese Dimensionen dann genauer zu beschreiben: "Natürlich kann man mit 15 Mitarbeitern an einem solchen Institut nur sehr begrenzt Einfluss ausüben auf eine Bevölkerung von weit mehr als 80 Millionen Menschen", so Bingen. "Aber einwirken kann man. Man kann Neugier wecken auf Polen, Wissen befördern über das Nachbarland – vor allem bei Jugendlichen."

Blick in den Kuppelsaal der Synagoge in Görlitz.
Die Verleihung des Brückepreises an Dieter Bingen findet im Kulturforum Synagoge Görlitz statt. Bildrechte: dpa

Wissen über Polen in Deutschland auf vielen Wegen befördert

Neben der Arbeit an Schulen hat sich Bingen als Leiter des Deutschen Polen-Instituts auch für die Veröffentlichung und Übersetzung polnischer Bücher eingesetzt, außerdem selbst Texte zu deutsch-polnischen Beziehungen herausgegeben. "Wir haben Gesprächsrunden eingerichtet in unterschiedlichen Formaten, wie etwa die Kopernikus Gruppe", erzählt er. Auch Foren, auf denen Polen und Deutsche über aktuelle Themen diskutieren und "sich um Verständnis, um Konsens bemühen", hat Bingen organisiert. Festveranstaltungen mit den Präsidenten beider Länder sowie zahlreiche kulturelle Veranstaltungen zählen ebenso zu den Leistungen des diesjährigen Brückepreisträgers. 

Wenn man Bingen hört, ahnt man: Wenn es nach ihm ginge, würde noch viel mehr getan für die Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Denn so sehr auf zivilgesellschaftlicher und kommunaler Ebene zuweilen große Nähe zwischen Polen und Deutschen herrscht, auf zwischenstaatlicher Ebene sind die Beziehungen kühl bis eisig.

Dieter Bingen (Direktor des Deutschen Polen-Instituts) während der Gedenkveranstaltung auf der Rückseite des Anhalter Bahnhofs zu sehen.
Dieter Bingen wird u. a. für sein Engagement als Direktor des Deutschen Polen-Institut in Darmstadt geehrt, das er von 1999 bis 2019 geleitet hat. Bildrechte: imago images / Christian Spicker

Bingen macht für die unfreundliche Haltung gegen Deutschland die polnische PiS-Regierung verantwortlich, betont aber zugleich: "Diese Haltung ist über viele Jahre hinweg entstanden: aus einem Gefühl heraus des Nichtbeachtet-Werdens, des Am-Gängelband-Geführtwerdens durch Deutschland in der EU." Dabei werde in Polen übersehen, dass Deutschland sich am stärksten für die Annäherung Polens an die EU eingesetzt habe, beklagt Bingen.

Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg wirken nach

Tief eingebrannt in das kollektive Gedächtnis unserer Nachbarn sind die Erinnerungen an die Verbrechen von SS und Wehrmacht in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Und in diese tiefe Wunde halten die regierenden Rechts-Populisten in Warschau immer wieder den Finger – sehr schmerzhaft etwa mit der erneuten Forderung nach Kriegs-Reparationen.

Im vergangenen Jahr bezifferte die Regierung in Warschau sie mit 1,3 Billionen Euro. Wird es derartige Reparationen etwa geben? Bingen sagt: Nein. Aber: "Es gibt Felder, auf denen Deutschland sich über Jahre einen schlanken Fuß gemacht hat, auf denen es sehr wohl etwas zu leisten gäbe." Als Beispiele nennt er finanzielle Hilfen für die Überlebenden der deutschen Besatzung oder den Wiederaufbau von Kulturbauten in Polen wie dem Sächsischen Palais in Warschau.

So könnte man etwa mit finanziellen Hilfe für die wenigen Überlebenden unter den Opfern der Deutschen Besatzung ein Zeichen setzen. Wie es überhaupt um Zeichen und Gesten geht, die zeigen: Deutschland weiß, dass es immer noch etwas gut zu machen hat.

Dieter Bingen, Historiker und Brückepreisträger

"Symbolik, Gesten, Zeichen der Empathie – da sind die Deutschen besonders schlecht", so Bingen. Väterlich-wohlwollend bis herablassend, so habe sich Deutschland gelegentlich gegen Polen gezeigt. Und sei – schlimmer noch – taub gewesen etwa für Warnungen der Nachbarn vor einem neoimperialen Russland.

Erhaltenes Fragment des Saechsischen Palais mit dem Grab des unbekannten Soldaten in Warschau
Das Sächsische Palais in Warschau wurde durch die deutsche Wehrmacht gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört. Ein Fragment des Barockschlosses ist erhalten geblieben. Bildrechte: IMAGO / Zoonar

Dieter Bingen startete Initiative für "Polen-Denkmal" in Berlin

Schwierig ist freilich auch der Umgang in Deutschland mit dem Wunsch Polens nach einem Denkmal in Berlin zum Gedenken an die Opfer der deutschen Besatzung. Auch darauf wird angespielt in der Begründung zur Brücke-Preis-Vergabe an Bingen. Zumindest indirekt, wenn es lobend heißt, er werbe "unverdrossen und streitbar für die Errichtung eines Gedenkorts in Berlin, ein 'Polendenkmal'".

Gut sechs Jahre ist es nun schon her, dass in Berlin eine "Polen-Denkmal-Initiative" gestartet wurde. Dem folgten lange Debatten, ob und wenn ja wo und wie und wie groß überhaupt so ein Denkmal zu entstehen habe. Weiter folgte ein Bundestagsbeschluss, dann eine Experten-Kommission für ein Konzept, dann eine Kompetenzumverteilung vom Auswärtigen Amt an die Kulturstaatsministerin, ein neuer Konzept-Auftrag und schließlich im vergangen Sommer ein "Eckpunktepapier" – nicht etwa für ein Denkmal, sondern wie es nun heißt für ein "Deutsch-Polnisches Haus".

Aus Sicht von Bingen ist es längst an der Zeit, mit einem Denkmal deutlich an die Verbrechen an der polnischen Zivilbevölkerung zu erinnern.

Deutsche Truppen beim 1939 beim Vormarsch nach Polen.
Als kein offizielles Gedenken zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen in Berlin geplant war, rief Dieter Bingen 2019 die Zivilgesellschaft auf, ein Zeichen zu setzen. Bildrechte: imago/United Archives

Deutsch-polnische Nachbarschaft kann wieder besser werden

Die deutsch-polnische Nachbarschaft birgt vieles zugleich: Partnerschaft und Freundschaft, Ablehnung und Unverständnis, Vorurteile und Ahnungslosigkeit. Und dieses komplexe Beziehungsgefüge dürfte sich etwa wie weiter fügen?

Bingen prognostiziert: "Unter der absehbar neuen Regierung dürften die Beziehungen sicherlicher wieder besser werden – zugleich aber auch komplizierter, weil Polen künftig noch ernster genommen werden muss." Er blicke aber optimistisch auf die Zusammenarbeit der beiden Zivilgesellschaften, die Partnerschaften auf kommunaler Ebene sowie die zwischenmenschlichen Kontakte.

Quelle: MDR KULTUR (Bernd Schekauski)
Redaktionelle Bearbeitung: vp

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 08. Dezember 2023 | 07:40 Uhr

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