Ein Kreuz vor einer Regenbogenfahne.
In manchen kirchlichen Gemeinden wird offen mit homosexuellen Menschen umgegangen. In einigen Kirchen gibt es sogar queere Gottesdienste. (Symbolbild) Bildrechte: picture alliance/dpa | Henning Kaiser

Queer in der Kirche Schwuler Katholik: "Vorurteile, die immer wieder wütend machen"

24. September 2023, 12:02 Uhr

Die Kirche versucht, sich im Umgang mit homosexuellen und queeren Personen zu öffnen. Dennoch hinkt sie der Gesellschaft hinterher. Viele haben noch Vorurteile, andere wettern gegen queere Personen. Das ärgert auch einen Leipziger, der seit vielen Jahren mit einem Mann zusammenlebt. Er erzählt von katholischen Priestern, die mit Tricks schwule Paare einsegnen, und erinnert sich an eine Aussage, die ihn bis heute besonders wütend zurücklässt.

In einem kleinen Wohnzimmer im Leipziger Westen hängen viele orthodoxe Christus- und Ikonenmalereien an den Wänden. "Ich fühle mich auch der Orthodoxie sehr verbunden", sagt Gerhard W., der anonym bleiben und nicht mit richtigem Namen genannt werden will. Der 67-Jährige ist katholisch, schwul und lebt seit fast 30 Jahren mit einem Mann zusammen.

Gerhard W. bemerkt erst mit Anfang 30, dass da noch etwas anderes in seinem Leben ist. "Das darf doch eigentlich nicht sein", habe er damals zuerst gedacht. "'Aber wenn Gott mich so geschaffen hat, dann muss ich so leben wie ich bin', sagte ich mir." Er sei fast 40 gewesen, als er sich wirklich sicher war, dass er homosexuell ist. "Zu der Zeit hatte ich auch meinen jetzigen Partner kennengelernt", sagt der Rentner.

Schwules Paar darf in kirchlichem Hilfswerk arbeiten

Gerhard W. arbeitet damals bei dem kirchlichen Hilfswerk Caritas. Er ist lange krank und weiß danach nicht, wie er die aufgestauten Aktenberge in der Buchhaltung abarbeiten soll. "Ich sagte meinem Chef damals, dass ich da jemanden hätte, der helfen könnte", erinnert sich Gerhard W. Sein Lebenspartner hilft ihm und leistet so gute Arbeit, dass der Chef auch ihn einstellen will.

Ich schenkte ihm reinen Wein ein und sagte ihm, dass ich und mein Freund zusammenleben.

Gerhard W. lebt seit fast 30 Jahren mit einem Mann zusammen

Ein schwules Paar, das zusammen in einer kirchlichen Einrichtung arbeitet? "Ich schenkte meinem Chef reinen Wein ein und sagte ihm, dass ich und mein Freund zusammenleben." Nach damaligem kirchlichen Arbeitsrecht hätte ihm sein Vorgesetzter kündigen können, erklärt Gerhard W. die schwierige Situation.

Doch mein Chef sagte zu mir: "In der Bibel steht: 'Liebt einander, wie ich euch geliebt habe.'" Während das Gerhard W. erzählt, stockt und zittert kurz seine Stimme. "Mein Chef sagte 'Sie bleiben.' Und: 'Ich will auch ihren Freund anstellen.'"

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Von Kirchgemeinde freundlich aufgenommen

Von den Mitarbeitenden, aber auch in der Katholischen Gemeinde in Leipzig-Lindenau werden Gerhard W. und sein Freund danach freundlich aufgenommen. Ihre Beziehung sei ein "offenes Geheimnis" gewesen, sagt Gerhard W. "Wir sind nicht damit hausieren gegangen. Aber wir haben gesagt, dass wir zusammen wohnen und das er mein Freund ist", sagt der Senior. Beide seien danach auch zu Feiern und Geburtstagen gemeinsam eingeladen worden: "Wir wurden behandelt wie ein Ehepaar."

Wir sind nicht damit hausieren gegangen. Wir wurden aber behandelt wie ein Ehepaar.

Gerhard W. ist mit seinem Lebenspartner freundlich in der Kirchgemeinde aufgenommen worden

Sind Glaube und Homosexualität kein Widerspruch?

Doch wie kann der Christ seine Homosexualität mit seinem Glauben verbinden? In der Bibel fehlten eindeutige Textstellen, die Homosexualtität per se verbieten, meint Gerhard W. Viele Stellen in der Bibel seien für uns heute nicht mehr verständlich: "Da lesen wir etwas mit den Augen von heute - unsere Lebensgewohnheiten sind aber heute ganz anders", betont er und fügt hinzu: "Die geschichtlichen Zusammenhänge von vor 2.000 Jahren kennen wir teilweise nicht mehr."

Ablehnung durch Aufklärung zerstreuen

Gerhard W. erinnere sich in diesem Zusammenhang gerne an eine Glaubenskonferenz in Birkenwerder bei Berlin vor 20 Jahren. Damals habe Pater Reinhard Körner ein Schreiben Joseph Ratzingers - der damals noch kein Papst war - komplett auseinander gepflückt. In dem Schreiben habe Ratzinger Homosexualität verurteilt. "Pater Körner hatte uns dann erklärt, was wirklich in der Bibel steht und was spätere Generationen rein gelesen haben", erinnert sich Gerhard W.

Auch mit Blick auf die Naturwissenschaften habe der Pater gezeigt, wie normal Homosexualität ist und es auch keinen Widerspruch zum Glauben gebe. Der Pater sei so überzeugend gewesen, dass nach der Konferenz einige zu Gerhard W. gekommen seien, die sagten: "Hätte uns das vorher jemand so gut erklärt, hätten wir schon lange anders darüber gedacht."

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Konservative Kurie verhindert Reformen

Die christlichen Gemeinden seien generell sehr viel offener als noch vor 20 Jahren, sagt Gerhard W. "Da sind auch viele für den CSD oder für queere Gottesdienste", sagt der 67-Jährige. Doch die offizielle Meinung der Katholischen Kirche sei bis heute eine andere, betont er. Papst Franziskus hätte da sicher schon Vieles geändert, wenn er nicht die Mehrheit einer erzkonservativen Kurie im Rücken hätte, meint der Rentner. Auch einige deutsche Bischöfe würden lieber Altes "bewahren" wollen, als in der heutigen Gesellschaft anzukommen.

Vorurteile, die wütend machen

Gerhard W. denkt an dieser Stelle über einen Artikel in einer christlichen Zeitung von vergangenem Jahr nach. Thema des Artikels war eine Priesterkonferenz im Bistum Görlitz, bei der auch die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz teilnahm. Auf der Konferenz habe sie die Einsegnung homosexueller Paare vehement abgelehnt. "Das kritisierte Gerl-Falkovitz mit aller Schärfe", sagt Gerhard W.

Diese diskriminierenden Aussagen machen mich bis heute so wütend.

Gerhard W. hat sich mit seinem Freund einsegnen lassen

Er fasst zusammen, was Gerl-Falkovitz sinngemäß gesagt haben soll: "Wenn man begründen wollte, dass jemand homosexuell veranlagt ist und deshalb das gleiche Geschlecht liebt, dann könnte man auch begründen, warum ein Mörder jemanden umgebracht hat." Als Gerhard W. das erzählt, wird seine Stimme laut und unruhig: "Diese diskriminierenden Aussagen machen mich bis heute so wütend."

Gerl-Falkovitz sei bereits auf der Konferenz und nach Erscheinen des Artikels für ihre Aussagen stark kritisiert worden, sagt der Senior. Es habe Leserbriefe und Artikel gegeben, die die diskriminierenden Aussagen der Religionsphilosophin verurteilten und diesen widersprachen.

Tricks ermöglichen homosexuelle Einsegnung

Dabei segneten katholische Priester schon längst homosexuelle Paare ein - auf Umwegen, wie Gerhard W. betont. Weil es immer noch untersagt sei, homosexuelle Paare einzusegnen, behelfen sich die Priester mit Tricks. Wie Gerhard W. erklärt, bereiten sie die Einsegnung nur vor, die Ausführung - wie das Gelübde zu sprechen - macht das Paar selbst. Auch er und sein Freund haben sich so einsegnen lassen.

Für Gerhard W. sei es nur noch eine Frage von einigen Jahren, bis auch bei der Katholischen Kirche die letzten Schranken aufgehen und Dämme brechen. "Oder es passiert in 300 Jahren. Dann kommt Rom auch endlich mal dahinter", sagt er und lacht.

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