Covid-19 Corona-Impfung und das Herz: Neue Studien zu Myokarditis

Karditis, also eine Entzündung des Herzens, ist eine der häufig diskutierten unerwünschten Nebenwirkungen, die nach einer Covid-19-Schutzimpfung in sehr seltenen Fälle auftreten kann. Zwei neue Studien aus den USA und aus Hong Kong zeigen, dass sie vor allem bei jungen männlichen Personen nach der zweiten Impfdosis auftritt, selten ist und in keinem der untersuchten Fälle tödlich war. Die Erkenntnisse decken sich mit den bisher weltweit erhobenen Daten von über 300 Millionen Impfungen.

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Unerwünschte schwere Nebenwirkungen sind eines der Hauptargumente, wenn darüber diskutiert wird, ob eine Covid-19-Impfung ratsam ist oder nicht. Vor allem eine mögliche Myokarditis bringen Impfskeptiker hier oft an. Dabei ist sie sehr selten und stellt vor allem für männliche Jugendlich und junge Männer ein Risiko im Zusammenhang mit einer mRNA-Impfung dar.

Was ist Myokarditis?

Myokarditis ist eine entzündliche Erkrankung des Herzmuskels, die vor allem im Kindes- und Jugendalter und im jungen Erwachsenenalter auftreten kann. In Europa ist die Inzidenz bei fünf bis zehn Fällen pro 100.000 Einwohner, so der Leipziger Kardiologe Christian Besler im Gespräch mit MDR AKTUELL. Die Dunkelziffer könnte jedoch sehr viel höher liegen, so Besler. "Das liegt daran, dass diese Erkrankung häufig unentdeckt bleibt, weil sie oft ganz ohne fassbare Beschwerden verläuft oder nur mit sehr unspezifischen Beschwerden einhergeht."

Wie der klinische Verlauf einer Myokarditis ist, variiert zwischen den Patientinnen und Patienten. Einige benötigen keinerlei Behandlung, andere erleiden eine schwere Herzinsuffizienz, die eine Herztransplantation erforderlich macht oder zum Tod führen kann. Die Symptome einer Myokarditis reichen von Müdigkeit, Abgeschlagenheit bis hin zu Luftnot, Brustschmerzen oder Herzrhythmusstörungen. Normalerweise folgt eine Myokarditis auf einen auslösenden Prozess wie etwa eine Viruserkrankung. Auch eine Covid-19 Erkrankung birgt das Risiko, eine Myokarditis zu erleiden. Seit Einführung der Covid-19-Schutzimpfung geriet die Herzmuskelentzündung als seltene unerwünschte Nebenwirkung in den Fokus. Dass eine mRNA-basierte Covid-19-Impfung eine Myokarditis in sehr seltenen Fällen auslösen kann, ist bereits wissenschaftlich belegt. Unterschiede gibt es aber bei Geschlecht und Alter der Betroffenen.

Wie oft kommt eine Entzündung des Herzens nach einer Covid-19-Schutzimpfung vor?

Laut Deutscher Herzstiftung liegt die Häufigkeit einer impfbedingten Myokarditis (Herzmuskelentzündung) oder einer Perikarditis (Herzbeutelentzündung) durch eine mRNA-Impfung im Schnitt bei ein bis zehn Fällen pro 100.000 Impfungen. Eine Herzentzündung aufgrund einer Impfung ist also selten, tritt demnach nicht häufiger auf als in einer nichtgeimpften Bevölkerung. Zu diesem Ergebnis kommen auch zwei neue Studien aus Hong Kong und den USA. Die erste, kleinere Studie, die in Annals of Internal Medicine veröffentlicht wurde, untersuchte 160 Fallpatienten mit einer Karditis. Dabei fanden sie 20 Fälle von Karditis, die im Zusammenhang mit einer BNT162b2 Impfung (mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer) und sieben Fälle, die mit einer CoronaVac Impfungen (inaktivierter Impfstoff von Sinovac) in Verbindung gebracht wurden. Die Forschenden stellten fest, dass im Vergleich beider Impfstoffe vom mRNA-Impfstoff ein höheres Risiko ausgeht, eine Karditis zu erleiden. Dabei stellten sie auch fest, dass diese unerwünschte schwerwiegende Nebenwirkung vor allem bei jungen Männern nach der zweiten Impfdosis auftrat.

Zum gleichen Ergebnis kamen auch die Forschenden der sehr viel breiter angelegten US-Studie. Darin wurden die Daten von 192.405.448 Personen, die eine mRNA-basierte Covid-19-Impfung erhielten, untersucht. Bei 1.626 Personen konnte eine Myokarditis festgestellt werden. Das ist weniger als ein Fall pro 100.000 Impfungen. Von den Betroffenen waren 82 Prozent männlich, 73 Prozent waren jünger als 30 Jahre, 33 Prozent jünger als 18 Jahre. Beide Studien kommen zu dem Schluss, dass vor allem männliche Jugendliche und junge Männer bis 30 Jahre von seltenen Myokarditisfällen nach einer Covid-19 Impfung betroffen sind.

Wie sind die Fälle verlaufen?

Fast alle Patienten der beiden Studien wurden im Krankenhaus behandelt. Keiner der Fälle führte zum Tod oder benötigte eine Herztransplantation. Nur zwei der Patienten mussten künstlich beatmet werden. Die meisten erhielten aber lediglich eine Schmerzbehandlung und erholten sich von den Symptomen. Die US-Studie macht außerdem deutlich, dass eine impfbedingte Myokarditis in der Regel in den ersten sieben Tagen nach der Impfung auftritt, wohin gegen die Symptome einer Myokarditis in Folge einer Virusinfektion erst Wochen bis Monate nach dem Auslöser auftreten. Außerdem scheinen die Symptome nach einer impfbedingten Myokarditis schneller abzuklingen als bei einer viralen Myokarditis. Hier erfordern zudem sechs Prozent der typischen Virusmyokarditisfälle bei Jugendlichen eine Herztransplantation oder führen zum Tod.

Wie sieht die Lage in Deutschland aus?

Laut Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts vom Dezember 2021 sind bei insgesamt über 107 Millionen Impfdosen Comirnaty/Biontech und Spikevax/Moderna 1.554 Verdachtsfälle einer Myo- oder Perikarditis gemeldet worden. Die Melderate von Verdachtsfällen bei jungen Männern (18 bis 29 Jahre) liegt für den Impfstoff Comirnaty/Biontech nach der zweiten Impfung bei kanpp neun Fällen pro 100.000 Impfungen. Bei Frauen gleichen Alters sind es 1,5 Fälle. Die Melderate für den Impfstoff Spikevax/Moderna nach der zweiten Impfung liegt bei jungen Männern bei 25 Verdachtsfällen pro 100.000 Impfungen. Bei Frauen sind es knapp sechs Fälle. Die Melderate sinkt für beide Impstoffe mit steigendem Alter der geimpften Personen.

Eine Gesamtmelderate für alle Altersgruppen und Impfungen lag für Comirnaty/Biontech bei knapp 0,8 Verdachtsfällen pro 100.000 Impfungen bei Frauen und bei 1,5 Verdachtsfällen pro 100.000 bei Männern. Für Spikevax/Moderna lag eine Melderate von 1,28 Verdachtsfällen pro 100.000 für Frauen und 4,6 Verdachtsfällen pro 100.000 bei Männern vor. Weil die Melderate für Verdachtsfälle bei Männern zwischen 18 und 29 Jahren nach der zweiten Impfdosis am größten war, empfiehlt die STIKO vorsorglich nur den Impfstoff von Biontech zur Impfung von Personen unter 30 Jahren.

Verdachtsfall ist nicht gleich klinischer Fall

Wichtig zu wissen: Bei diesen Zahlen handelt es sich nur um die gemeldeten Verdachtsfälle. Die genaue Häufigkeit einer Myokarditis/Perikarditis nach einer mRNA-Impfung kann nach wie vor nicht sicher ermittelt werden, da hier noch immer epidemiologische (bevölkerungsbezogene) Studien fehlen. Aber es gibt inzwischen etliche Studien, die die klinischen Fälle, also nicht nur die gemeldeten Verdachtsfälle ausgewertet haben. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Herzentzündung in 95 Prozent der Fälle mild verlief und zumeist nur ein kurzer Krankenhausaufenthalt nötig war.

Risiko und Nutzen

Letztendlich stellen die Forschenden fest, dass das absolute Risiko einer Karditis durch eine Impfung gering ist. Trotzdem sollten die Ergebnisse vor allem in Hinblick auf die Impfungen mit mRNA-Impfstoffen bei dieser Risikogruppe berücksichtig werden. Doch sie machen auch deutlich, dass das Risiko für schwerwiegende Komplikationen durch eine Sars-CoV-2-Infektion nicht zu unterschätzen ist. Gerade das Risiko einer viral bedingten Myokarditis ist laut Daten aus den USA, Großbritannien und Israel mindestens um das Vierfache höher als das einer impfbedingten Herzmuskelentzündung. Insgesamt stehen zur Beurteilung der Risikolage mittlerweile Daten aus über 300 Millionen Impfungen weltweit zur Verfügung. Eine sichere Einschätzung zum Nutzen-Risiko-Verhältnis lässt sich daher treffen. Darüber hinaus erhöht sich bei Ungeimpften auch das Risiko anderer Herzrisiken, wie etwa Herzrhythmusstörungen oder Herzinfarkt. Auch Nierenschäden und akute Lungenembolien zählen dazu. Auch dass sollten Menschen berücksichtigen, wenn sie sich unsicher sind, ob sie sich gegen Sars-CoV-2 impfen lassen sollten. Die Expertinnen und Experten der Deutschen Herzstiftung appellieren daher, dass sich besonders Ältere und Personen mit einem erhöhten Risiko für schwere Verläufe impfen lassen oder ihren Impfschutz auffrischen.

Zu den Studien:

JeS

Der Artikel ist am 28.01.2022 mit neuen Studien-Daten aus den USA, Informationen des Paul-Ehrlich-Instituts und der Deutschen Herzstiftung überarbeitet worden.

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