Roman-Tipp "Hotel du Lac" von Anita Brookner: Booker-Preisträgerin neuentdeckt

Manchmal geraten auch Booker-Preisträgerinnen in Vergessenheit. 1984 gewann "Hotel du Lac" von Anita Brookner die renommierte Auszeichnung. Jetzt legt der Eisele Verlag den Roman neu auf. Darin landet Heldin Edith Hope, eine nicht mehr ganz junge Verfasserin von Liebesromanen, unfreiwillig für einen "Besserungsaufenthalt" am Genfer See. Sie folgt den Hotelritualien – als ein Fabrikbesitzer ihr eine Vernunftehe anbietet. Das Vorwort zur Ausgabe stammt von Literaturkritikerin Elke Heidenreich.

Anita Brookner: Hotel du Lac
"Hotel du Lac" wurde 1984 mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Bildrechte: Ullstein

Wer einmal den renommierten Booker Prize erringt, braucht sich – so denkt man – um seinen Platz in der Literaturgeschichte nicht zu sorgen. Manchmal jedoch geraten auch so hoch dekorierte Autorinnen und Autoren in Vergessenheit, und manchmal dauert es eine Weile, bis das wieder korrigiert wird.

Mit dem Booker Prize ausgezeichnet

Die englische Autorin Anita Brookner im Jahr 2005.
Anita Brookner im Jahr 2005 Bildrechte: imago images / United Archives International

Die Engländerin Anita Brookner (1928 – 2016) machte sich als Kunsthistorikerin und Verfasserin von Monografien über Ingres, Watteau oder Jacques-Louis David einen Namen. Anfang der 1980er-Jahre erst wechselte sie in die Belletristik und veröffentlichte über zwanzig Romane, aus denen "Hotel du Lac", 1984 überraschend mit dem Booker Prize ausgezeichnet, herausragt. Nachdem sich bis in die späten 1990er-Jahre mehrere deutsche Verlage ohne großen Erfolg bemühten, Brookner zu etablieren, unternimmt nun der kleine, feine Eisele Verlag einen neuen Anlauf – 2018 mit Brookners Debüt "Ein Start ins Leben" und nun mit "Hotel du Lac", in Dora Winklers Übersetzung von 1986.

"Besserungsaufenthalt" am Genfer See

Hotels sind beliebte Romanschauplätze, bieten sie doch die Möglichkeit, Menschen, die sich nicht kennen, in zufälligen Konstellationen zusammenzuführen und Offensichtliches und Geheimnisvolles ineinandergreifen zu lassen. Edith Hope heißt Brookners Heldin, eine nicht mehr ganz junge Engländerin, Verfasserin von Liebesromanen, die nicht freiwillig einen Monat am Genfer See verbringt. Sie hat, wie der Roman Schritt für Schritt enthüllt, einen schweren Fauxpas begangen, der es für ihre Freunde und Verwandte unabdingbar macht, dass sie von der Bildfläche verschwindet und sich zu einem "Besserungsaufenthalt" in die Schweiz begibt.

Ein Hauch morbider Traurigkeit

Das Hotel du Lac ist keine erste, doch eine gediegene Adresse. Wir sind in der Nachsaison, sodass Hotelier Huber neben Edith nur eine Handvoll weiterer Gäste zu umsorgen hat. Viel geschieht nicht, ein Hauch morbider Traurigkeit weht durch die Hallen. Da treffen Gestalten unterschiedlichster Couleur aufeinander – die bald 80-jährige Madame Pusey und ihre Tochter, die ihr Glück beim Shopping suchen, eine von ihrem Sohn abgeschobene Aristokratin und eine Frau mit Hund, die unter Essstörungen leidet.

Hotelrituale und das Angebot einer Vernunftehe

Edith beobachtet die Szenerie, reimt sich dies und jenes zusammen, ohne dass sie es als Romanautorin zu einer ausgeprägten Menschenkenntnis gebracht hätte, und folgt den Hotelritualen. Man promeniert, nimmt den Tee zu sich, wartet aufs Abendessen und kommt zwangsläufig miteinander ins Gespräch. Edith ist keine glückliche Frau, was sie sich selbst vorwirft. Sie schreibt an einem Roman und entwirft Briefe an ihren verheirateten Geliebten David. Erst als einer der wenigen männlichen Gäste, Fabrikbesitzer Neville, ihr eine finanziell abgesicherte Vernunftehe anbietet, kommt der Romanplot ins Rollen, muss Edith eine Entscheidung treffen.

Ein Gesäß wie eine "große Victoriapflaume"

Wie Elke Heidenreich in ihrem intensiven Vorwort betont, gelingt es Anita Brookner schon nach wenigen Seiten, dem Seehotel Leben einzuhauchen und dessen Gäste mit bisweilen schneidendem Sarkasmus zu beschreiben. Da erscheint ein Gesäß wie eine "große Victoriapflaume", da sind die Zimmerwände "in der Farbe von zu lange gekochtem Kalbfleisch" gehalten, und da wird die Schweiz als Land beschrieben, "das alle menschlichen Zufälle besiegt hatte".

"Hotel du Lac" ist ein ganz ungewöhnlicher, stilistisch faszinierender Roman, der altmodisch einherkommt und sich plötzlich aufschwingt, um vom Leben einer Frau zu erzählen, die kein Dekorum sein will.

Mehr Informationen Anita Brookner: "Hotel du Lac"
Mit einem Vorwort von Elke Heidenreich
Aus dem Englischen von Dora Winkler
Gebunden, 224 Seiten
Preis: 20 Euro
ISBN: 978-3-96161-079-2

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Juni 2020 | 08:10 Uhr