Festtage "Wagner 22" "Faszinierendes Projekt mit künstlerischen Defiziten zum Auftakt!"

Seit Montag begeben sich Wagner-Fans aus der ganzen Welt in Leipzig auf die Spuren des ebenso genialen wie umstrittenen Komponisten, um einmal alle 13 Opern erleben zu können. Ein Kommentar von MDR-Redakteurin Bettina Volksdorf.

Opernhaus Leipzig
Wagner 22 – Der Auftakt ist gemacht! Die ersten Wagner-Opern wurden im Leipziger Opernhaus aufgeführt, allerdings unter widrigen Umständen. Bildrechte: Oper Leipzig/Kirsten Nijhof

Es ist ein logistisches Meisterwerk, dreizehn Wagner-Opern innerhalb von gut drei Wochen chronologisch aufzuführen. Das stemmt gerade das Team um den scheidenden Intendanten und Generalmusikdirektor Ulf Schirmer –Trotz Corona. Der Anspruch lautet, "….ein weltweit einzigartiges Gesamtkunstwerk…" sowie drei Wochen Unendlichkeit – Schwelgen – Rausch zu offerieren. Und da wird es schwierig.

Ausfall wegen Corona

Denn obwohl diese Festtage auf ausgeklügelten Proben-, Technik- und Personalplänen basieren – ein positiver Test am Morgen und es gilt schnellstmöglich zu handeln. So sprang Matthias Foremny zum Auftakt innerhalb von Stunden für Christoph Gedschold am Pult des Gewandhausorchesters ein. Er dirigierte "Die Feen“,"Das Liebesverbot" und geplant auch den "Rienzi".

Matthias Foremny
Der in Münster geborene Matthias Foremny ist "Erster ständiger Gastdirigent" der Oper Leipzig. Bildrechte: Tom Schulze

Chapeau für diesen Parforceritt über die stilistischen Klippen der Frühwerke, in denen Wagner so ziemlich alles zusammenklitterte, was ihm von Beethovens Fidelio, über Mozarts Zauberflöte bis zu Webers Euryanthe in den Sinn kam. Zusätzlich knüpfte er beim Liebesverbot bei Auber und Vincenzo Bellini, bei Rienzi an der Grand Opera an.

Mammut-Aufgabe(n)

Die musikalisch teilweise arg-mäandernden Partituren mit interpretatorischer Präzision, Transparenz, flüssigen Tempi und der notwendigen Italianita zu beleben, ist per se schon eine Mammut-Aufgabe. Unter den gegebenen Umständen gelang das nur partiell. Auch mit Blick auf die Sänger-Besetzung stellten sich mitunter ganz grundsätzliche Fragen. Etwa wieso Marc Horus als Cover überhaupt mit der Partie des Arindal in den Feen betraut wurde? Und Manuela Uhl mit der Isabella im Liebesverbot? Denn dass Wagner bei seinen Opern nicht auf Belcanto-Wohlklang verzichten wollte, ist bekannt.

Auch, dass seine Frühwerke sängerisch eine Zumutung sind, weil er damals mit jugendlichem Furor drauflos komponierte. Er verband italienischen Belcanto mit dem (deutschen) hochdramatischen Fach, den lockeren Parlando-Ton mit einer Siegfried- und Brünnhilden-Röhre. Allein die exorbitant-fordernden Hauptrollen zu bewältigen, erfordert also Ausnahme-Stimmen. Die waren zum Auftakt dieser Festtage eher rar, zumal bei Manuela Uhl erschwerend eine leichte Indisposition hinzukam.

Wie nun damit umgehen, dass Leipzig als Geburtsstadt des Komponisten international bekannt gemacht werden soll, wenn ausgerechnet bei diesen Wagner-Festtagen und den sonst kaum gespielten Frühwerken musikalisch etliche (Besetzungs-)Fragen offen blieben? Szenisch hingegen boten vor allem das Liebesverbot und Rienzi durchaus schlüssige Konzepte.

Fazit?

Leipzig hat neben Bach und Mendelssohn, neben den Schumanns und anderen Komponisten das Potential, auch als Wagner-Stadt international eine Rolle zu spielen. Allerdings sollte nach diesen Festtagen über neue Konzepte nachgedacht werden, bei denen gerade die frühen Opern auch aufführungspraktisch in die Zeit ihrer Entstehung eingeordnet gehören, denn wie meinte Ulf Schirmer unlängst mit einem Lächeln: Auch ein Richard Wagner ist nicht als Genie vom Himmel gefallen!

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 24. Juni 2022 | 09:45 Uhr

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