Social Bots Bedrohung oder Medienhype?

Keine Woche ohne Nachricht über Social Bots und deren vermutlichen Einfluss auf Politik, Meinungsbildung und öffentliches Leben: Social Bots als Follower und Friends in sozialen Netzwerken, als Verbreiter von Fake News, als Generatoren für Wellen medialer Erregung. MEDIEN360G hat Professor Simon Hegelich, Inhaber der deutschlandweit einzigen Professur für Political Data Science (TU München), mit einem Forschungsprojekt zum Thema Bots auf Twitter beauftragt.

Welchen Effekt haben Social Bots auf Politik und Gesellschaft und wie kann man sie erkennen?
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Social Bots – das sind von Menschen programmierte Software-Roboter, die selbständig agieren und einerseits Daten sammeln, aber andererseits Trends und Themen setzen oder verstärken können. Das Beeinflussungspotential, der sogenannte Bot-Effekt, ist sehr groß. Der wissenschaftliche Nachweis, wieviel Beeinflussung aber tatsächlich stattgefunden hat, ist allerdings sehr schwer. Grund dafür ist nicht zuletzt, dass diese Meinungs-Roboter immer schwerer von Menschen zu unterscheiden sind. Doch was ist wirklich dran? Was lässt sich wissenschaftlich nachweisen?
Professor Simon Hegelich und sein Team führte eine Querschnittsanalyse des politischen Diskurses durch. Basierend auf Listen von relevanten politischen Akteuren und Journalisten in Deutschland sowie mehreren 100 Schlagworten wurden Twitter-Daten gesammelt und datenforensisch ausgewertet. Dazu wurden an der Professur ca. 160 Millionen Twitter-Meldungen untersucht, die in das beschriebene Raster fallen.

Porträt von Professor Dr. Simon Hegelich
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Prof. Dr. Simon Hegelich ist Professor für Political Data Science an der Hochschule für Politik der TU München. Sein Forschungsfeld beschäftigt sich mit den hoch politischen Phänomenen Data Mining, Algorithmen, Big Data. Bei der Forschung auf diesem Feld wird auf maschinelles Lernen gesetzt, wobei Algorithmen selbstständig Muster in großen Datenmengen erkennen und diese interpretieren. Einer der Forschungsschwerpunkte ist die Manipulation von Sozialen Netzwerken durch Social Bots.

Das Team von Professor Hegelich kann nach eigenen Angaben Social Bots mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent identifizieren. Um herauszufinden, ob ein Account ein Fake oder echt ist, kombinieren die Forscher über 1000 Parameter. Dazu gehören Profilbild, Häufigkeit der Tweets, deren zeitliche Verteilung rund um die Uhr oder die Verwendung von Ausrufezeichen. Auch der Umstand, ob ein identischer Text mehrfach gepostet wird, ist ein Anzeichen dafür, dass dahinter kein Mensch, sondern eine Maschine steckt. Nur: Selbst wenn man einen Social Bot identifiziert hat, ist keine Schlussfolgerung möglich, wer diesen programmiert hat.
Die Wissenschaftler unterscheiden zwischen Fake-Accounts, die passiv sind und beispielsweise auf Twitter vorgaukeln, jemand hätte viele Follower und Bots, die sich wie kleine künstliche Intelligenzen verhalten und aktiv in Diskussionen mitmischen.

Die Aktivität von Social Bots ist im Wahlkampf erheblich angestiegen. Hegelich sieht die Gefahr von Bots darin, dass sie Trends verzerren. "Wenn ich also ein Programm habe, mit dem ich tausend oder auch hunderttausend Accounts steuern kann, dann kann ich damit den Eindruck erwecken, ein Thema wäre besonders wichtig", so Hegelich. Aus vielen Tweets lässt sich aber noch lange keine Einflussnahme ableiten. "Studien, die es dazu gibt, gehen eigentlich dazu aus, dass etwa 95 Prozent der Leute sich in ihrer politischen Meinung durch Social Media nicht beeinflussen lassen – zumindest nicht kurzfristig." Jedoch: "Da würden allerdings immer noch 5 Prozent bleiben, und wenn eine Wahl knapp ist, kann das auch schon entscheidend sein."