Mahlzeit Wie kann das Essen in der Schule günstiger und besser werden?

19. November 2022, 05:00 Uhr

Die Kosten für Strom, Lebensmittel oder auch Angestellte steigen. Deshalb wird auch das Schulessen immer teurer. Doch das können sich viele Eltern nicht mehr leisten und einige wollen es auch nicht mehr, weil an manchen Orten die Qualität der Speisen nicht ausreichend ist. Doch wie kann das warme Mittag für die Kinder finanziert werden sowie gesund und lecker sein?

Vor dem Fenster ist es noch pechschwarz. In der weißgefliesten Küche der Menümanufaktur Nordhausen steigen schon Dampfwolken aus den riesigen stählernen Töpfen. Darin brodeln kiloweise geschälte Kartoffeln. Es ist sieben Uhr morgens und hier wird alles frisch gekocht – ohne zusätzliche Geschmacksverstärker. Es ist Qualität, die kostet: Im Schnitt 3,90 Euro pro Essen. Das ist offenbar für immer mehr Eltern zu viel. Zehn Prozent haben sich seit 2019, also seit vor Beginn der Corona-Pandemie, abgemeldet. Heute gehen noch 2.400 Portionen am Tag an Schulen und Kitas in Nordhausen.

"Ich sage immer, jedes Kind sollte irgendwo ein warmes Essen haben", sagt Köchin Karina Goldhahn, während sie mit einem zwei Meter langen Rührlöffel die Käsesoße in Badewannenmenge umrührt. Doch sie verstehe die Leute auch, die Schulessen nicht mehr bestellen: "Weil teilweise kriegen sie ja nur den Mindestlohn, und die Preise steigen auch immer mehr. Klar ist es schade." Denn es bereite ihr auch Sorgen um den Job, den sie seit 14 Jahren in dieser Küche ausübt.

"Im kommenden Jahr müssen wir eventuell noch einmal die Preise erhöhen", sagt Abteilungsleiter Wirtschaft im Betrieb, Jörg Wolf, mit Blick auf die Kalkulation. Das könne passieren, wenn die Energie-, Sprit- und Lebensmittelpreise weiter steigen. Doch die direkte Weitergabe könnte auch ein Problem mit den Kunden geben. "Wir müssen ja die Realität ins Auge nehmen. Wir müssen sehen, dass Eltern auch nur noch bereit sind oder bereit sein können, einen gewissen Preis zu zahlen." Schon jetzt ist das Schulessen für das Unternehmen kaum noch rentabel.

Subventionen: Anbieter in Thüringen fordern Hilfe

Von den Einnahmen muss der Caterer viel bezahlen: Das Essen, die Mitarbeiter in der Küche und in der Ausgabe an den Schulen sowie die Miete und die Nebenkosten für den Raum dort. Hinzu kommen die Fahrzeuge, der Sprit, die Fahrer. Die werden wie die Servicekräfte nach Mindestlohn bezahlt – und die machen immerhin knapp die Hälfte der Belegschaft aus. Auch der Mindestlohn ist im Oktober kräftig gestiegen. Die Köchinnen und Köche betrifft das als Fachkräfte nicht direkt, aber: "Die anderen Mitarbeiter sagen: Ja, dann möchte ich auch mehr Geld haben", erklärt Jörg Wolf. Das sei auch verständlich und für die Verhältnismäßigkeit wolle er das auch bezahlen. "Das Problem ist natürlich, ich muss es auch verdienen dürfen, das Geld."

Viele Caterer und Anbieter von Schulessen müssen derzeit kalkulieren und überlegen, wie sie ihre Betriebe wirtschaftlich halten können. Am Ende komme es darauf an, was die Kunden für welche Produkte bezahlen wollen. "Und wenn die Zahlungsbereitschaft nicht vorhanden ist, dann gehen in einer Marktwirtschaft diese Firmen irgendwann aus dem Geschäft", sagt der Vize-Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Oliver Holtemöller. Das sei – wie in vielen anderen Bereichen auch – Strukturwandel. "Wenn die Gesellschaft das nicht bereit ist zu akzeptieren, dann braucht es eben ein Subventionsmodell."

Und wenn die Zahlungsbereitschaft nicht vorhanden ist, dann gehen in einer Marktwirtschaft diese Firmen irgendwann aus dem Geschäft.

Oliver Holtemöller Institut für Wirtschaftsforschung Halle

Deswegen hat sich Jörg Wolf mit anderen Anbietern von Schulspeisung aus Nordhausen zusammengeschlossen. Sie fordern Unterstützung von der Politik. Der Zuschuss könnte aus Sicht von Jörg Wolf so aussehen: "Thüringenweit ein Euro. Das wäre schon momentan eine große Hilfe." Eine weitere Möglichkeit wäre, dass die Kosten für die Ausgabekräfte in den Schulen übernommen würden.

Experte aus Sachsen-Anhalt: Zuschüsse nur wenn die Qualität stimmt?

Der Landkreis Nordhausen unterstützt die Essensanbieter bei den Kosten für die Räumlichkeiten in der Schule, außerdem gibt es einen Zuschuss zum Schulobstprogramm – mehr aber auch nicht. Nebenan, im Landkreis Eichsfeld, läuft es anders. Dort ist der Preis für das Schulessen gedeckelt, es kostet maximal 1,50 Euro für die Eltern. Den Rest übernimmt komplett das Landratsamt.

Doch warum sind die Unterschiede so groß? Zuständig für das Schulessen sind die Schulträger – also die Landkreise, die Städte und Kommunen. Jeder entscheidet für sich, allgemein gültige Richtlinien vom Bund oder Land für Schulessen gibt es nicht.  Das Thüringer Bildungsministerium fühlt sich nicht zuständig, verweist auf Anfrage von MDR exakt, ob Subventionen landesweit denkbar wären, auf die Schulträger und die Caterer.

"Wenn sich die Kinder gesünder ernähren, dann haben sie eine bessere Zukunft vor sich", sagt Wirtschaftsexperte Oliver Holtemöller aus Sachsen-Anhalt. Davon hätte auch die gesamte Gesellschaft etwas, weil dann später Ausgaben für Krankheiten – bedingt durch schlechte Ernährung – geringer ausfielen. "Also da gäbe es ein gesellschaftliches Interesse der Subvention. Die Frage ist: In welchem Umfang will man das subventionieren?" Und, ob die Qualität des Essens diese Subvention rechtfertige.

Schule in Sachsen: Essen ist laut Umfrage vielen zu teuer und schmeckt nicht

An der Heinrich-von-Trebra-Oberschule in Marienberg nehmen nur zehn Prozent aller Schüler ein Essen aus der Schulspeisung zu sich. Das treibt die Schulleiterin Norma Grube um, und zusammen mit dem Caterer der Schule im Erzgebirge in Sachsen hat sie eine Online-Umfrage entwickelt. Rund die Hälfte der 430 Schüler hat bislang auf die Frage "Wann würdest du an der Schulspeisung teilnehmen" geantwortet. 53 Prozent sagten: Wenn es besser schmecken würde. 49 Prozent, wenn sie mehr Zeit zum Essen hätten. Vier Fünftel sagen, dass sie später zu Hause warm essen.

"Ich habe mit meiner Mutter darüber gesprochen", sagt ein Junge. "Ihr ist es zu teuer." Er würde gern mitessen, aber er kann nicht. An diesem Tag gibt es Makkaroni mit Wurstgulasch für 3,95 Euro pro Portion. Neben der Kantine gibt es im Schülercafé der Oberschule getoastete Sandwiches für einen Euro. Dort stehen die Kinder Schlange. In der Umfrage haben 46 Prozent angegeben, dass die Schulspeisung zu teuer ist.

In diesem Fall könnten Subventionen wahrscheinlich helfen, den Kindern eine gesündere Mahlzeit zu verschaffen. Doch auf die Anfrage zu möglichen Subventionen von MDR exakt heißt es beim Erzgebirgskreis: Wenn man pro Schulessen einen Euro dazugeben würde, wären das rund 7,2 Millionen Euro pro Schuljahr. Das könne man nicht stemmen. Das Kultusministerium Sachsen verweist wie Thüringen – und auch Sachsen-Anhalt – darauf, dass die Schulträger zuständig seien. In Niedersachsen dagegen hat die Landesregierung am Mittwoch angekündigt, dass sie noch in diesem Jahr beginnen will, den angekündigten Zuschuss für das Mittagessen direkt an die Kommunen auszuzahlen. 

Mögliche Lösung: Kochen wird Teil des Stundenplans

Eine andere Lösung fordert Marika Tändler-Walenta. Sie sitzt für die Linksfraktion im sächsischen Landtag: "Wir fordern im Zuge der aktuellen Haushaltsverhandlungen einen gesetzlichen Anspruch auf ein kostenloses Mittagessen für alle Kinder, unabhängig vom elterlichen Einkommen." Der Fraktion sei klar, dass es dabei um mehrere 100 Millionen Euro für den Freistaat ginge. "Aber wir sehen die Not der Eltern, der Familien in Sachsen, die zunehmend an die Belastungsgrenze kommen." Bereits im Sommer hatte die Linken-Fraktion versucht, im Landtag von Sachsen einen Preisdeckel für das Mittagessen durchzusetzen. Der Antrag wurde jedoch abgelehnt.

Allerdings: Sowohl Jörg Wolf vom Caterer Menümanufaktur in Thüringen als auch Norma Grube, die Schulleiterin aus dem Erzgebirge, halten nichts davon, Schulessen kostenlos anzubieten. Jörg Wolf setzt sich für ein Subventionsmodell ein: Wenn das Land Thüringen einen Euro pro Essen dazugeben würde, würde ihm das reichen, um wirtschaftlich arbeiten zu können.

Aus Sicht von Schulleiterin Norma Grube, die auch stellvertretende Landesvorsitzende der FDP Sachsen ist, sei es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. "Und die sollte sich zusammensetzen aus der Kommune, vielleicht der örtlichen Wirtschaft und dem Land." Wenn jeder seinen Teil dazu beitrage, dann habe man am Ende ein Schulessen, das qualitativ hochwertig und bezahlbar wäre. Ihr Plan für das nächste Schuljahr an der Oberschule: die Kinder das Essen teilweise selbst zubereiten lassen, das Kochen in den Stundenplan integrieren. Dann würden Dampfwolken aus kleineren Töpfen aufsteigen. Das wäre günstiger und würde aus Sicht von Norma Grube die Wertschätzung des Essens deutlich steigern.

Quelle: MDR exakt/ mpö

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 16. November 2022 | 20:15 Uhr

Mehr aus Deutschland

Mehr aus Deutschland

Eine Operation an einem Patienten. 5 min
Bildrechte: picture alliance/dpa/MAXPPP | Eddy Lemaistre
 Blick von oben auf die Innenstadt von Riesa. Im Vordergrund der Tierpark Riesa. 4 min
Bildrechte: IMAGO/Andreas Weihs