Mitarbeiterin arbeitet in der Diamant Fahrradwerke GmbH an einem Fahrrad.
Mit einem neuen Einwanderungsgesetz sollen Fachkräfte aus dem Ausland leichter angeworben werden können. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Sylvio Dittrich

Einwanderung und Bürokratie Was es braucht, um ausländische Fachkräfte zu beschäftigen

13. August 2023, 16:14 Uhr

In Deutschland fehlen die Fachkräfte. Deswegen rekrutiert ein Elektro-Unternehmen aus Halle (Saale) seine Fachkräfte seit mehreren Jahren im Ausland. Die Bundesregierung will die Einwanderung genau dieser zukünftigen Mitarbeiter vereinfachen – doch einige Hürden bleiben. Ismir Krluc aus Bosnien hat das bei sich selbst erfahren.

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Der Fachkräftemangel ist allgegenwärtig. Viele Branchen leiden unter Personalmangel. Eine Lösung: Fachkräfte aus dem Ausland. Doch Betriebe, die im Ausland rekrutieren, stehen vor bürokratischen Hürden. Um diese abzubauen, hat die Bundesregierung im Juli ein neues Einwanderungsgesetz für Fachkräfte geschrieben. Ein Betrieb, der davon profitiert, ist Bauer Elektroanlagen Nord aus Halle (Saale). Das Unternehmen rekrutiert seit Jahren Fachkräfte aus diversen Ländern und bildet sie in Deutschland fort.

Auch Ismir Krluc ist so nach Deutschland gekommen. Er hat als Elektriker in Bosnien gearbeitet. Bei Bauer musste er allerdings erst Fortbildungen machen, ehe sein Abschluss als Elektriker anerkannt wurde. Heute ist er Gruppenleiter im Unternehmen und kümmert sich um Fachkräfte, die wie er aus Bosnien nach Deutschland gekommen sind. Dabei geht es auch um ganz grundsätzliche Dinge wie Behördengänge und Versicherungen. Er kritisiert, das neue Gesetz vereinfache zwar die Einwanderung, die bürokratischen Prozesse dauerten seiner Meinung nach allerdings immer noch zu lange.

Gezielte Anwerbung vor Ort

Heute arbeitet Ismir Krluc hauptsächlich am Schreibtisch. Doch das war nicht immer so. Als er Ende 2016 aus Bosnien nach Deutschland kam, war er gelernter Elektriker. Genau deswegen hat ihn das Unternehmen Bauer aus Halle rekrutiert. Der Kontakt kam über ehemalige Kollegen zustande, die damals bereits den gleichen Weg zu Bauer gegangen waren. Dass gleich mehrere Elektriker aus dem Ausland in die Händelstadt kamen, war kein Zufall. Der Elektrotechnik-Betrieb mit heute rund 250 Mitarbeitern am Standort sucht gezielt nach Fachkräften aus dem Ausland.

"Es gibt Fachkräfte in Deutschland, aber begrenzt. Deswegen greifen wir auf Fachkräfte aus dem Ausland zurück", erzählt Sebastian Buhe im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT. Er ist der Niederlassungsleiter in Halle. Es gehe darum, die Fachkräfte zu holen, die hier auch arbeiten wollen. Um diese Fachkräfte wirbt das Unternehmen beispielsweise auf Social Media in den jeweiligen Landessprachen, aber auch gelegentlich persönlich vor Ort. Dabei sucht Buhe "gezielt die, die auch Bock haben, den Job hier in Deutschland zu machen."

Mann in weißem Hemd
Sebastian Buhe ist Niederlassungsleiter von Bauer in Halle (Saale). Bildrechte: MDR/Engin Haupt

Auch die Handwerkskammer Halle bewertet die Anwerbung ausländischer Fachkräfte positiv. Präsident Thomas Keindorf hebt jedoch hervor: "Es wird nötig sein, jene, die zu uns kommen, um hier zu arbeiten, zu begleiten und betreuen." Genau darum bemühen sie sich bei Bauer.

Fachkräfteeinwanderungsgesetz

Die Bundesregierung will den Unternehmen diese Bemühungen erleichtern und hat im Juli ein neues Einwanderungsgesetz für Fachkräfte aufgelegt. Es sieht drei Wege vor, um Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen. Da ist als Erstes die Qualifikation. Wer einen Abschluss hat, kann zukünftig jede entsprechende Beschäftigung ausüben. Ein Nachweis der Deutschkenntnisse ist nicht mehr erforderlich.

Wir suchen gezielt die, die auch Bock haben, den Job hier in Deutschland zu machen.

Sebastian Buhe, Niederlassungsleiter bei Bauer

Zweiter Aspekt ist die Erfahrung. Ein im Ausland erworbener Abschluss und mindestens zwei Jahre Berufserfahrung reichen aus, um als Fachkraft nach Deutschland kommen zu dürfen. Als dritte Möglichkeit wird das Potenzial gewertet. Das betrifft Menschen, die noch kein Jobangebot haben, wenn sie ins Land kommen. Sie können eine Chancenkarte erlangen. Es ist ein Punktesystem, das unter anderem nach Qualifikation, Deutschkenntnissen, Alter und Berufserfahrung wertet und so eine Einwanderung ermöglicht.

Es dauert zu lange

Als Ismir Krluc aus Bosnien nach Halle kam, war er bereits ausgebildeter Elektriker. Trotzdem musste er einiges nachholen. Die Handwerkskammer bietet einzelne Module an, die in Deutschland von Bedeutung sind, damit der Abschluss anerkannt wird. Der 33-Jährige sagt rückblickend, er habe zum Beispiel die ganzen in Deutschland geltenden Normen noch lernen müssen. Bis zum Abschluss der fehlenden Module durfte auch der gelernte Elektriker bei Bauer nur Hilfstätigkeiten ausüben.

Ein Mann mit dunklen Haaren und weißem Hemd sitzt vor einem Computer an einem Schreibtisch
Ismir Krluc aus Bosnien hilft heute anderen ausländischen Fachkräften bei der Integration. Bildrechte: MDR/Engin Haupt

Hürden stellten seiner Meinung nach jedoch nicht die Gesetzgebung, sondern vielmehr der bürokratische Prozess dar. "Es hängen viele Behörden mit drin – ganz zu Beginn schon die eigene Botschaft", erklärt Krluc. Er resümiert: "Es dauert viel zu lange." Beantragungen und Termine bei den deutschen Behörden hätten Monate in Anspruch genommen. So habe er insgesamt zwei Jahre gebraucht, um alle bürokratischen Hürden zu nehmen. Es sei zwar mittlerweile leichter als vor fünf Jahren, es dauere trotzdem noch zu lange. Er weiß, wovon er spricht. Inzwischen ist er Gruppenleiter und kümmert sich bei Bauer um die Integration neuer Fachkräfte aus dem Ausland.

Noch längere Prozesse befürchtet

Eine ähnliche Bilanz zieht auch Sebastian Buhe. Er sagt, die bestehenden Gesetze hätten zum Teil ausgereicht, wenn die Handwerkskammmer die Berufsanerkennung schneller durchgeführt hätte und die Behörden das Visum schneller hätten prüfen können. Er befürwortet die niedrigeren Hürden im neuen Einwanderungsgesetz zwar, befürchtet gleichzeitig aber auch, dass die Behörden dann noch länger zur Bearbeitung der Anträge brauchen: "Gesetze sind das eine, man braucht auch die Leute, die es abwickeln."

Konstantin Kuhle (FDP) 5 min
Bildrechte: dpa

MDR (Engin Haupt)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 15. August 2023 | 20:15 Uhr

42 Kommentare

Altmeister 50 vor 27 Wochen

@ Peter
Meinen sie wirklich bei den "restlichen" 1,16 Millionen Menschen, die 2022 das Land D verlassen haben, sind keine Fachkräfte dabei gewesen ? Wenn es nur ein Drittel waren, entspricht das ungefähr der Anzahl, die wir jährlich aus dem Ausland gewinnen wollen mit Integrations- Sprach und Ausbildungskosten. Warum interessiert sich niemand für die Gründe der Wegzügler ?

der Demokrat vor 27 Wochen

Als auch wenn es einige Leute verdrehen wollen.
Wer zum Arbeiten nach Deutschland kommt muss auch von der Arbeit Leben.
Sozialleistungen gibt wenn überhaupt nur unter bestimmen Bedingungen.
Als nach Deutschland kommen in dem man so tut als wolle man hier arbeite um dann Sozialleistungen zu kassiere das läuft so nicht.

pwsksk vor 27 Wochen

Soll man das jetzt gut heißen, das dieses Deutschland nicht mehr in der Lage ist, selbst Fachkräfte auszubilden? Die Gründe für den Fachkräftemangel liegen doch ganz woanders, oder?

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