Andreas Stahl, ein Mann mit Brille, steht im Innenraum des Turms in Halle
Der Turm in der Moritzburg – heute ein Studentenclub – war im Zweiten Weltkrieg ein Luftschutzbunker. Historiker Andreas Stahl sieht die Vergangenheit des ehemaligen Schutzbaus auch heute noch in den Räumen der Diskothek. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Bevölkerungsschutz Zwischen Verfall und Wiederaufbau: Was von Halles Luftschutzbunkern übrig geblieben ist

23. Juli 2023, 17:31 Uhr

Ein Krieg in Deutschland gilt derzeit als unwahrscheinlich. Trotzdem werden seit dem russischen Angriff auf die Ukraine die öffentlichen Schutzbauten vom Bund unter die Lupe genommen. In Ostdeutschland gibt es seit der Wiedervereinigung keine offiziellen Bunker mehr. In Städten wie Halle sind jedoch noch Anlagen aus dem Zweiten Weltkrieg und der DDR vorhanden. Sie zu revitalisieren, ist aber eher unwahrscheinlich.

Am Ende der Gustav-Hertzberg-Straße im Süden von Halle liegt unter Gras und vertrockneten Blättern versteckt der Zugang zu einem der wenigen DDR-Bunker der Stadt. Jahrelang spielten Kinder auf dem darüber gebauten Spielplatz. Weil nach der Wiedervereinigung immer wieder Menschen illegal in den Bunker eindrangen, wurde der Zugang schließlich verschweißt. 2010 war das. Die großen metallenen Türen und das gebogene Lüftungsrohr auf dem aufgeschütteten Erdwall sind die heute einzigen Anzeichen, die noch auf die Bunkeranlage hindeuten.

versteckter DDR Bunker in der Gustav-Hertzbeg-Straße
Von außen kaum zu erkennen: Der "SBW 100" hat eine Fläche von 67 Quadratmetern. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Dabei ist der sogenannte SBW 100 der letzte noch wirklich erhaltene Bunker der Stadt – und damit ein Kulturdenkmal. Andreas Stahl ist Historiker und arbeitet als Referent am Institut für Landesgeschichte des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Er ist so etwas wie der Bunker-Experte von Halle, denn er hat schon viele der verbliebenen Anlagen analysiert und besichtigt.

Bunker in Ostdeutschland nach 1989 aufgegeben

Der zivile Luftschutzbunker in der Gustav-Hertzberg-Straße ist aufgrund seiner Ausstattung aber auch für Stahl ein ganz besonderer: "Wir haben Panzertüren drin, Raumteiler, Aufenthaltsräume, ein Lüftungssystem und Sanitäranlagen", erzählt er. Bei einem Angriff hätten hier 100 Menschen für 36 Stunden autark überleben können. Die Anlage sollte einer Bombenlast von bis zu 500 Kilogramm standhalten und auch Schutz vor chemischen und radiologischen Einwirkungen bieten.

Andreas Stahl vor dem Eingang des ehemaligen DDR Bunker
Andreas Stahl erklärt, dass der Bunker aus Sicherheitsgründen verschweißt werden musste. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Bis 1989 sei die Anlage Teil des Zivilschutzes der DDR gewesen, dann jedoch nicht weiter gepflegt worden. Nach nun mehr als 30 Jahren habe sich deshalb ein ganz normaler Verfall breitgemacht. "Er sieht zwar ein bisschen verrostet aus, aber die Grundstruktur ist intakt", betont Stahl. Dass die Anlage wieder reaktiviert werden könne, daran glaubt er trotzdem nicht. Die Ausstattung sei nicht mehr nutzbar und auch die Bausubstanz schwierig.

In Halle gab es einst insgesamt 14 Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Zwei bis drei davon seien überhaupt nur noch begehbar, keinesfalls nutzbar und auch nicht wieder revitalisierter, so Stahl. In der DDR kamen im Rahmen des Bunkerbauprogramms noch einmal vier weitere hinzu. Sie entstanden, wie auch die Bunkeranlage in der Gustav-Hertzberg-Straße, im Süden der Stadt. "Hier wohnte die Arbeiterschaft, die besonders geschützt werden sollte. Also hat man dort begonnen. Dann hatte man Probleme mit dem Material und dem Personal, weil die verschiedenen Dienststellen untereinander konkurrierten", erzählt Stahl weiter. Die DDR-Regierung schwenkte deshalb auf Luftschutzeinrichtungen in den Häusern um.

Luftschutzkeller in Wohnhäusern als Alternative zu Bunkern

"Als in den 70er-Jahren die großen Plattenbausiedlungen hier in Halle und Umgebung entstanden, wurden noch immer Schutzräume in den Wohnhäusern konzipiert. Aber das sind im klassischen Sinne keine Bunker, sondern Schutzräume, die Splitter und Trümmerschutt abhalten." Auf diese könnte auch heute wieder im Ernstfall zurückgegriffen werden. Neben Kellerräumen würden auch andere nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Bauten wie Parkhäuser und Bahnhöfe Schutz bieten. So teilt es das Landesinnenministerium auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT mit.

Schon im Zweiten Weltkrieg hatten die zivilen Luftschutzbunker in Halle nur eine Kapazität von rund 6.800 Plätzen – bei einer Einwohnerzahl von mehr als 230.000 Menschen, erklärt Ralf Jacob, Leiter des Stadtarchivs Halle. Die Bunker konnten also nur sehr wenigen Menschen Schutz bieten. Schaut man sich die aktuelle Bestandsaufnahme der Luftschutzbunker im Bundesgebiet an, hat sich daran kaum etwas geändert.

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Podcast Cover Bunker 22 min
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Halle und sein "Bunkerbuch"

Alles, was die Stadt Halle über die alten Schutzbauten aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges weiß, ist in einem "Bunkerbuch" dokumentiert. Eine echte Rarität im Stadtarchiv, freut sich Ralf Jacob. "Es gab beispielsweise einen Bunker an der Universität, direkt vor dem Löwengebäude und einen im Turm der Moritzburg. Nicht alle Bunker gingen unter das Erdniveau, sondern es gab auch einige, die oberhalb errichtet wurden und sich teilweise den Wohnbauten dort angeglichen haben." In manchen konnte man nur sitzen, andere waren auch mit Betten ausgestattet. "Aber das war eher die Ausnahme", erzählt Jacob weiter.

Zwei Männer sitzen über zwei große alte Bücher gebeugt im Stadtarchiv Halle
Andreas Stahl (links) und Ralf Jacob blättern gemeinsam durch die Aufzeichnungen im "Bunkerbuch" der Stadt. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Nicht alle Bunker gingen unter das Erdniveau, sondern es gab auch einige, die oberhalb errichtet wurden und sich teilweise den Wohnbauten dort angeglichen haben.

Ralf Jacob, Leiter des Stadtarchivs Halle

Erste Bunker in Halle ab 1941

Der eigentliche Baustart für die Bunker in Halle war im November 1940. Im April des Folgejahres wurde der erste Hochbunker am Fichteplatz in Ammendorf fertiggestellt. Noch bis Anfang 1945, also bis in die letzten Kriegstage hinein, wurde an den Luftschutzeinrichtungen gebastelt, so Jacob. Viele der Bunker wurden von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen gebaut.

Andreas Stahl vor dem Turm der Moritzburg
Der Turm der Moritzburg wurde im Zweiten Weltkrieg für den Bunkerbau komplett entkernt. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Dieses Erbe machte auch die Umwandlung des Bunkers in der Moritzburg zum Studentenclub zu einem Unterfangen, das zunächst in der Kritik stand. "Aber man hat sich dann doch durchgesetzt, auch gegenüber der FDJ und der SED", weiß Historiker Andreas Stahl. Der Bunker war als ziviler Luftschutzbunker konzipiert, ursprünglich sollte aber auch die Führungsstelle der örtlichen NSDAP einziehen. Die mittlere der drei Etagen war als Büroraum gedacht.

Turm in der Moritzburg: Vom Führungsbunker zum Studentenclub

Auch heute noch ist im Turm die Vergangenheit des Bunkerbaus zu erkennen. Im Innenraum des Clubs weist Andreas Stahl zunächst auf die Treppen hin, die noch aus dieser Zeit stammen. "Man sieht an den Decken auch die Abdrücke der Schalungsbretter dieser Zeit. Auch oben sind noch Zugänge, die man extra für den Bunker geschaffen hatte."

Turm an der Moritzburg
Den Bunker im Turm wieder einzurichten, würde zu viel Aufwand bedeuten, meint Andreas Stahl. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Zur Errichtung des Bunkers wurde der Turm der Festungsanlage komplett entkernt. Der Bunker wurde praktisch hineingesteckt, so Stahl. "Würden wir die Mauer wegnehmen, dann hätten wir so einen klassischen Hochbunker, wie wir den überall in Deutschland haben." Nach den heutigen Gesichtspunkten wäre es aber auch hier schwierig, den Bunker wieder zu reaktivieren. "Damals hat man diesen Bunker hermetisch abgeschlossen, also alle Öffnungen zugemacht, mit Doppeltüren versehen, eine autarke Luftversorgung hineingebracht. Das ist heute nicht möglich, denn das würde viel zu viel Aufwand bedeuten."

Mehr zum Thema sehen Sie im Beitrag von MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE vom 23. Juli 2023.

Nur wenige Meter weiter an der Moritzburg entlang, befindet sich einer der größten Bunker der Stadt, von dem allerdings nur noch Trümmer übrig sind. Er wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs gesprengt. Die Fläche ist zugewachsen und für Passanten kaum noch als ehemaliger Schutzraum zu erkennen. Genau wie der DDR-Bunker in der Gustav-Hetzberg-Straße ist er damit nicht nur ein Denkmal, sondern auch ein Mahnmal für Krieg und die Zerstörung, die Halle in der Vergangenheit erleben musste.

Eine junge Frau lächelt in die Kamera
Bildrechte: Sarah-Maria Köpf

Über Sarah-Maria Köpf Sarah-Maria Köpf arbeitet seit Mai 2021 für MDR SACHSEN-ANHALT. Sie ist in Leipzig aufgewachsen und hat dort Kommunikations- und Medienwissenschaft studiert, bevor es sie für den Master in "Multimedia & Autorschaft" nach Halle zog.

Neben dem Studium arbeitete sie für den Radiosender Mephisto 97.6, die Leipziger Volkszeitung und das Grazia Magazin.

Ein Mann mit Bart und Kamera auf der Schulter schaut in die Kamera
Bildrechte: Christian Kortüm

Über Falko Schuster Falko Schuster arbeitet seit 2009 als Fernsehjournalist für verschiedene Redaktionen des MDR. Seit Sommer 2022 ist er auch für MDR SACHSEN-ANHALT unterwegs. Er ist in Halle aufgewachsen und studierte an der Bauhaus-Universität in Weimar Medienkultur und Mediengestaltung.

Neben politischen und gesellschaftlichen Themen beim MDR, realisiert er für ZDF und 3sat auch Filme zu aktuellen Themen aus Wissenschaft, Forschung und Medizin.

MDR (Sarah-Maria Köpf)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 23. Juli 2023 | 19:00 Uhr

17 Kommentare

steka vor 47 Wochen

Leider, Krieg bedeutet ja Produktionssteigerung, neue Panzer, Munition, Steigerung der Profite und damit "Parteispenden" durch die Lobbyisten solange der Krieg nicht im eigenen Land stattfindet. Danach kommen die Geschäfte mit dem Wiederaufbau.

steka vor 47 Wochen

Aber es gibt dringendere Bedürfnisse ! es wäre mal interessant, so eine karte zu zeigen wie viele öffentliche Toiletten es schonmal in Halle gegeben hat und was nach der "Wende" davon noch übrig geblieben ist.

steka vor 47 Wochen

Wie war das damals bei Lufangriffen ? Rundfunkmeldung "feindliche Flieger in Anflug auf...", dann einige Zeit später die Sirenen, dann hörte man das Brummen, also genügend Zeit einen Bunker aufzusuchen. Und heute ? Mögen genügend Schutzräume da sein, wer warnt rechtzeitig bei Raketenangriffen ? Wir müßten ja ständig bei den Bunkern sein um wie die Erdmännchen schnell abtauchen zu können. Also bleibt nur eins, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen. Diplomatie ist gefragt.

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