Studierende schreiben für den MDR Pflegekur fürs Meer: Haare aus Halle sollen Gewässer sauber machen

Kristina Hammermann, eine junge Frau mit braunen Haaren, lächelt in die Kamera
Bildrechte: Kristina Hammermann

Schnipp, schnapp, Haare ab – und dann ab damit ins Meer. Aber nicht als Müll, sondern als ökologisches Reinigungsmittel. Dafür sammeln zwölf Friseursalons aus Sachsen-Anhalt Haarreste, unter ihnen drei aus Halle. Mit dabei beim Projekt "Hair Help The Oceans" ist auch der Salon von Sandra Kempe. Ein Gastbeitrag einer Studentin aus Halle.

Friseurmeisterin Sandra Kempe, eine junge Frau mit kurzen blonden Haaren und Brille, deutet auf ein Tablet und lächelt in die Kamera.
Friseurmeisterin und Geschäftsführerin Sandra Kempe setzt sich mit verschiedenen Projekten für eine saubere Umwelt ein. Dafür sammelt sie etwa abgeschnittene Haarreste, um Ölverschmutzungen aus dem Meer zu filtern. Bildrechte: Kristina Hammermann

Dieser Text ist im Rahmen des Projekts "Studierende schreiben" in Zusammenarbeit mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg entstanden.

Egal ob kurz oder lang, natur oder gefärbt, gesund oder brüchig: Seit diesem Jahr spendet die Kundschaft im Friseurgeschäft von Sandra Kempe in Halle mit jedem Haarschnitt für saubere Gewässer – und das nicht in Form von Geld, sondern von dem, was eben anfällt beim Friseurbesuch: Haare. "Was sonst einfach im Müll gelandet wäre, wird nun für einen nachhaltigen Zweck gesammelt", so die Friseurmeisterin.

Ein Kilogramm Haare filtern acht Kilogramm Öl

Während es bei der Spende für Echthaar-Perücken auf Länge und Gesundheit der Haare ankommt, gibt es für die Öko-Spende keine besonderen Auflagen. Weil Haare nach dem Schneiden weiterhin gut Fett aufsaugen können, taugen sie als natürliches Reinigungsmittel, um ölhaltige Substanzen aus dem Wasser zu filtern.

"Sonnencreme aus Seen oder Benzin und Motoröl von Booten aus Küstengewässern", zählt Sandra Kempe beispielhaft auf und zitiert damit die Organisation "Hair Help The Oceans" aus Niedersachsen. Diese Initiative hat das Projekt 2021 nach einem französischen Vorbild im deutschsprachigen Raum ins Leben gerufen. Laut Organisation landen tonnenweise Haare von rund 83.000 Friseursalons in Deutschland im Restmüll. Dabei seien diese noch sehr nützlich: Ein Kilogramm Haare kann demnach bis zu acht Kilogramm Öl aufnehmen.

Anfang des Jahres hatte ein Kosmetik-Unternehmen, von dem die Hallenserin Haarpflegeprodukte für ihren Salon bezieht, auf das Projekt aufmerksam gemacht. "Mein Mann Torsten hat dann recherchiert, ob das eine gute Sache ist", erzählt die Friseurmeisterin. Die Website der Organisation, diverse Berichte sowie die unkomplizierte Vorgehensweise haben die beiden letztendlich überzeugt: Haarreste sammeln, bei der Initiative anmelden und auf Abholung warten – so funktioniert es.

Über die Organisation "Hair Help The Ocean"

Der Friseur Emidio Gaudioso und der Unternehmensberater Thomas Keitel haben die Organisation "Hair Help The Ocean" 2021 in Deutschland gegründet. Ziel ist es, mit Hilfe des Friseurhandwerks einen Teil zum Umweltschutz beizutragen.

Bisher hat die Organisation Hunderte Partnersalons in Deutschland, Österreich, Schweiz und den Niederlanden. Die Partnersalons zahlen monatlich einen Mitgliedschaftsbeitrag von rund 25 Euro. Mit diesem Geld finanzieren die teilnehmenden Friseursalons die Abholung der Haarreste, Lagerung, Administration und Werbemittel. Des Weiteren spende die Organisation pro Monat für jeden Partnersalon einen Euro, um Plastik aus dem Meer zu fischen. Ein weiteres Anliegen sei, das Geld aus den Mitgliedsbeiträgen in Forschung und Entwicklung eigener Aufbereitungssysteme zu investieren.

Zusätzlich sparen die Salons einen Teil der Müllgebühren. Haarreste sind ein tägliches Abfallprodukt in Friseurgeschäften. Diese seien jedoch nützlich, um ölhaltige Substanzen aus verschiedenen Gewässern zu filtern. Dafür sollen die gesammelten Haare durch Sieben von Schmutz befreit und zu einer Art Filtermatte verarbeitet werden. Ein Haarfilter könne bis zu achtmal gereinigt und wiederverwendet werden, sodass ein Kilogramm Haare bis zu acht Kilogramm Öl filtern kann. Vorbild ist der französische Verein "Coiffeurs Justes" (faire Friseure) aus Südfrankreich. Dieser füllt Haarreste in alte Nylonstrümpfe, bindet sie zu Rollen und setzt sie dann als Filter in verschmutzten Gewässern ein.

Keine Kosten für Kundschaft

Sandra Kempe fegt in ihrem Friseursalon Haare zusammen.
Haare zusammen fegen gehört täglich zum Job dazu. Doch statt im Müll zu landen, erfüllen sie nun einen nachhaltigen Zweck. Bildrechte: Kristina Hammermann

"Wenn ich so drei bis vier herkömmliche Papiereinkaufstüten voll habe, muss ich der Organisation nur Bescheid geben und dann schicken die jemanden vorbei, der das große Paket abholt. Ich muss also nicht einmal selbst zur Post." Der Abholservice sei im Preis einer Mitgliedschaft enthalten, die sie bei der Organisation hat. Rund 25 Euro kostet das den Salon im Monat. Dieser Beitrag fließe etwa in Logistik, Lagerhallen, Administration und Werbemittel. Die Mitgliedschaft könne Sandra Kempe sich gut leisten und müsse deshalb nichts auf ihre Kundschaft umlegen, erzählt sie. "Wir haben uns nach den ersten Schließungen der Corona-Krise gut aufgerappelt. Das ist unsere Art, etwas zurückzugeben", erklärt die Friseurmeisterin.

Gutes tun für die Zukunft der Kinder

Auch ihren beiden Kindern will sie etwas übergeben: eine möglichst saubere und klimafreundliche Umwelt. Sandra Kempe beschäftige der Gedanke sehr, "ob sie in Zukunft noch genauso gut leben können wie wir". Deswegen spendet die Hallenserin nicht nur Haarreste gegen verschmutzte Gewässer, sondern achtet auch darauf, dass ihr Salon möglichst klimafreundlich ist: "Ich versuche, den ökologischen Fußabdruck meines Ladens so gering wie möglich zu halten." Dafür beziehe sie Ökostrom. Außerdem hat sie eine automatische Heizungsregelung und kauft wiederverwendbare oder recycelte Haarprodukte ein. "Das geht natürlich noch nicht bei allem. Alufolie zum Beispiel. Die ist aktuell nicht wegzudenken bei bestimmten Färbetechniken. Aber da tut sich was, da gibt’s schon die ersten Alternativen", erklärt sie.

Haare in einer Tüte.
Die gesammelten Haare werden von einem Abholservice geholt. Sandra Kempe muss nicht einmal zur Post. Bildrechte: Kristina Hammermann

Sie sei offen für neue ökologische Ideen und teste diese gerne aus – aber alles in einem bestimmten Rahmen. So versichert sie, dass niemand irgendwann im Salon mit nassen Haaren fürs Klima frieren muss. Das sei wie bei der Sonnencreme: "Ich möchte fürs Klima keinen Sonnenbrand riskieren", lacht sie, "aber ich finde es gut, wenn es kreative Lösungen gibt."

Vorbilder geben Hoffnung

Auch privat versuche Sandra Kempe verantwortungsvoll mit Ressourcen wie Strom, Gas und Wasser umzugehen, nicht nur, seitdem die Kosten dafür angestiegen sind. Ihr sei bewusst, dass sie damit nur kleine Hebel in Bewegung setzt. Es stimme sie dennoch hoffnungsvoll in Zeiten der Klimakrise: "Wenn ich mich mit Kollegen über solche Initiativen austausche, blicke ich grundsätzlich positiv in die Zukunft. Es tut auch gut, wenn die Organisation Updates gibt, damit man sieht, dass etwas passiert."

Kristina Hammermann, eine junge Frau mit braunen Haaren, lächelt in die Kamera
Bildrechte: Kristina Hammermann

Über die Autorin Kristina Hammermann bildet sich aktuell im Master "Multimedia & Autorschaft" in Halle fort und arbeitet zusätzlich als freie Journalistin für den Instagram-Kanal von "funk". Davor hat sie u. a. ein Volontariat bei der Mitteldeutschen Zeitung absolviert, im Bachelor den Zungenbrecher "Berufsorientierte Linguistik im interkulturellen Kontext" studiert, sich die Füße in der Gastro- und Eventbranche platt gelaufen, in den USA als Au Pair gearbeitet und ein FSJ in der Kinder- und Jugendhilfe Gernrode gemacht. So abwechslungsreich wie ihre Vita sind auch ihre Interessengebiete. Zukünftig möchte sie gern als Reporterin den spannenden (Alltags-) Fragen von Kindern und Jugendlichen auf den Grund gehen.

Mehr zum Thema: Nachhaltigkeit

MDR (Sarah-Maria Köpf)

1 Kommentar

THOMAS H vor 11 Wochen

Ich weiß nicht vor wie viel Jahren im ÖRR schon über dieses Prinzip berichtet wurde, aber 5-10 Jahre dürfte das schon her sein. Warum es nicht weiter verfolgt wurde kann vielleicht das MDR-Team recherchieren. Es ist jedenfalls keine neue Idee.

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