Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von Peter Sodann
Der Schauspieler und Intendant Peter Sodann ist in Halle im Alter von 87 Jahren gestorben. Bildrechte: picture-alliance/ dpa | Erwin Elsner

Nachruf Große Trauer um Schauspieler Peter Sodann

09. April 2024, 12:05 Uhr

Peter Sodann ist im Alter von 87 Jahren in Halle gestorben. Vielen wird der Schauspieler wohl als launiger Tatort-Kommissar Bruno Ehrlicher in Erinnerung bleiben. Dieser ermittelte zunächst in Dresden, später in Leipzig. Doch der 1936 in Meißen geborene Sodann war viel mehr als nur Schauspieler: In Halle schuf er die Kulturinsel und gründete das Neue Theater. Später kandidierte er für die Linkspartei als Bundespräsident und gründete eine DDR-Bibliothek. Sodanns Tod wurde mit großer Anteilnahme und Trauer aufgenommen.

  • Peter Sodann hat als Theaterchef in Halle zu DDR-Zeiten die Kulturinsel aufgebaut, die bis heute ein Kulturzentrum der Stadt ist.
  • Als Kommissar Bruno Ehrlicher im Tatort wurde er auch als Schauspieler einem breiten Publikum bekannt – später kandidierte er als Bundespräsident und gründete eine DDR-Bibliothek.
  • Im Alter von 87 Jahren ist Peter Sodann gestorben, sein Tod löste große Anteilnahme aus. Bundespräsident Steinmeier kondolierte Sodanns Witwe.

Der Schauspieler, Regisseur und Theaterintendant Peter Sodann ist tot. Er starb am Freitag im Alter von 87 Jahren in Halle, wie seine Familie am Sonntag mitteilte. Zuvor hatte die "Mitteldeutsche Zeitung" berichtet.

Obwohl Peter Sodann vielen Menschen durch sein Wirken in Halle bekannt wurde, war er eigentlich gebürtiger Sachse. 1936 in Meißen geboren, holte er nach einer Ausbildung als Werkzeugmacher Mitte der 50er-Jahre sein Abitur nach. Anschließend studierte Sodann vier Semester Jura in Leipzig. Von 1959 bis 1961 absolvierte er an der Theaterhochschule Leipzig eine Schauspielausbildung.

Parallel leitete Sodann in Leipzig das Studentenkabarett "Rat der Spötter" und eckte dabei mit der Staatsmacht an. Wegen staatsfeindlicher Hetze und Vorbereitung der Konterrevolution wurde er verurteilt und verbrachte mehrere Monate im Gefängnis. Nach seiner Haftentlassung 1962 trat er zunächst im VEB Starkstromanlagenbau Leipzig eine Ausbildung zum Spitzendreher an, bevor er 1963 sein Schauspielstudium fortsetzen und abschließen konnte.

Theaterchef in Halle

1964 holte ihn Helene Weigel, die Ehefrau von Bertolt Brecht, an das Berliner Ensemble, wo Sodann zwei Jahre nicht nur als Schauspieler wirkte, sondern auch erste Regieerfahrungen sammelte. Nach Stationen in Erfurt, Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) und Magdeburg gelangte er schließlich 1980 als Schauspieldirektor des "Theaters des Friedens" nach Halle.

Peter Sodann, ein Mann steht vor einem Eingang, über dem neues theater steht.
Peter Sodann vor dem Neuen Theater in Halle, das seine Existenz seinem Engagement verdankt. Bildrechte: IMAGO / Felix Abraham

Hier initiierte er, mit Unterstützung seines Theaterteams, sein großes Werk: die Verwandlung eines maroden Gebäudekomplexes in der Altstadt zu einer Kulturinsel und damit einem der bedeutendsten ostdeutschen Kulturzentren. Ein altes Kino wurde zum "Neuen Theater", nach und nach kamen weitere Bühnen hinzu, außerdem ein Literaturcafé, eine Galerie und gastronomische Einrichtungen. Bis heute ist die Kulturinsel ein lebendiges Zentrum des Kulturbetriebes in Halle.

Neues Theater Halle 59 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Persönlich enttäuschender Abgang und Ehrenbürger von Halle

Natürlich wurde auf der Kulturinsel auch Theater gespielt, unter Sodann immer eins, das gerne auch zum Publikum hingedacht war, Volkstheater im besten Wortsinn. Ein Jahr vor Sodanns 25-jährigem Bühnenjubiläum und seinem 70. Geburtstag gab es 2005 jedoch eine Entscheidung gegen den Kulturschaffenden. Die Verantwortlichen der Stadt Halle waren der Meinung, dass es genug für Sodann sei. Ende Juli sollte für ihn Schluss als Schauspieldirektor und Intendant des Neuen Theaters sein.

Kurz zuvor war er noch zum Ehrenbürger der Stadt Halle ernannt worden. Sodann schrieb damals dazu auf seiner Homepage, dass er "vor die Tür gesetzt" werde und das "tut schon sehr weh." Und weiter: "Schließlich habe ich diese Kulturinsel mit meinen Leuten selbst aufgebaut; jeden Nagel, jedes Brett habe ich besorgt."

Mehrere Häuser an eine Straße.
Blick auf die Kulturinsel in Halle, mit der Theaterkasse und dem Haupteingang zum Neuen Theater. Bildrechte: MDR/Joachim Blobel

Es war ein Rausschmiss, den Sodann lange nicht verziehen hat. Erst als er 80 Jahre alt wurde und ein anderer Kollege als sein damaliger Nachfolger Intendant des Neuen Theaters war, hat er das Haus wieder betreten.

Dass ich vor die Tür gesetzt werde, tut schon sehr weh, schließlich habe ich diese Kulturinsel mit meinen Leuten selbst aufgebaut; jeden Nagel, jedes Brett habe ich besorgt.

Peter Sodann nach seiner Absetzung als Schauspieldirektor

Beliebter Tatort-Kommissar in Dresden und Leipzig

Zu tun gab es für Sodann aber auch sonst immer genug. 45 Mal spielte er ab Anfang 1992 den Kommissar Bruno Ehrlicher im Tatort. Zunächst ermittelte der etwas grummelige Hauptkommissar in Dresden, nach 21 Fällen ging es nach Leipzig. Auch in zahlreichen anderen Film- und Fernsehrollen eroberte er sein Publikum. In Frank Beyers TV-Zweiteiler "Nikolaikirche" nach Erich Loests Roman spielte er den Chef der Stasi-Zentrale, im ZDF-Zweiteiler "Deutschlandspiel" verkörperte er an der Seite u.a. von Peter Ustinov den ehemaligen Stasi-Chef Erich Mielke. Zu einer seiner wichtigsten Rollen zählte er selbst die des Pfarrers Helander in der Bernhard-Wicki-Verfilmung des Romans "Sansibar oder der letzte Grund" von Alfred Andersch.

Ein Mann liegt wie tot auf dem Boden, ein Mann ist ihm zugeneingt un d ein anderer Mann steht und telefoniert.
Peter Sodann (re.) als Kommissar Bruno Ehrlicher und Bernd Michael Lade (Mitte) als sein Assistent Kain mit Martin Brambach als Mordopfer während der Dreharbeiten zum Tatort "Die Falle". Bildrechte: IMAGO / suedraumfoto

Auf Sodann waren zu DDR-Zeiten zeitweise bis zu 80 Stasi-Spitzel angesetzt. Dennoch äußerte er persönlich auch Nachsicht mit den Mitläufern und Tätern des DDR-Spitzelregimes. Er sprach sich immer wieder für eine individuelle Beurteilung der Einzelfälle aus.

Sendungsbild 9 min
Hauptkommissar Ehrlicher (Peter Sodann, li.) und Kriminalassistent Kain (Bernd Michael Lade) Bildrechte: © MDR/Thomas Grabka, honorarfrei
9 min

Peter Sodann starb am Freitag in Halle. Seine Karriere als Schauspieler war vielseitig, die meisten kennen ihn wohl aus dem Tatort. Doch auch zuvor gab es Filmrollen für Peter Sodann, wie Knut Elstermann erzählt.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 08.04.2024 08:40Uhr 08:37 min

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Nominiert als Bundespräsident

Auch darüber hinaus engagierte sich Sodann immer wieder politisch und gesellschaftlich. Zur Bundespräsidentenwahl im Frühjahr 2009 wurde er von der Bundestagsfraktion der Linken als Kandidat aufgestellt. Chancen hatte er zwar keine, aber am Ende zwei Stimmen mehr, als die Linke ihm in der Bundesversammlung hätten geben können. Gewonnen hatte seinerzeit Amtsinhaber Horst Köhler.

Der Büchersammler: Sodanns DDR-Bibliothek

Eine große Leidenschaft wurde Sodann das Sammeln von Büchern, die nach 1945 im Osten Deutschlands erschienen waren. Mit seiner DDR-Bibliothek hat er ganze Büchereibestände vor der Müllhalde bewahrt. Ihm ging es um das Kulturerbe der DDR. Sodann glaubte, "dass unsere Enkel einmal nachlesen wollen, was ihre Großväter gemacht haben".

Peter Sodann, ein Mann lehnt sich mit seinem Arm an ein hohes Buchregal.
Peter Sodann in seiner Peter-Sodann-Bibliothek in Staucha, einer umfangreichen Sammlung von Büchern aus der DDR Bildrechte: imago/ddbd

Nach Stationen in Halle und Merseburg siedelte er die auf etwa vier Millionen Bände angewachsene Büchersammlung 2012 in der Gemeinde Staucha an. Die Peter-Sodann-Bibliothek wurde als Genossenschaft angelegt, damit seine Idee auch ohne ihn weiterexistieren kann.

Bundespräsident Steinmeier und zahlreiche Politiker reagieren betroffen auf Sodanns Tod

Auf die Nachricht vom Tod Peter Sodanns wurde mit großer Trauer und Anteilnahme reagiert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kondolierte der Witwe Cornelia Brenner-Sodann: "Die Nachricht vom Tode Ihres Mannes hat mich sehr traurig gemacht. Ich spreche Ihnen und allen Angehörigen mein tief empfundenes Beileid aus."

Die Ministerpräsidenten von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen äußerten sich auf der Plattform X. "Ein toller Mensch ist von uns gegangen. Ein gradliniger und aufrechter Demokrat, ein wunderbarer Schauspieler und eine sehr engagierte Persönlichkeit", schrieb Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke).

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) würdigte Sodann als "eine große Theater-Persönlichkeit". Als Intendant habe er die Kultur seiner Heimatstadt Halle geprägt. Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) erklärte: "Sein gesellschaftliches Engagement und seine politischen Einmischungen werden uns fehlen."

Erfolgreicher Theatermann und prägend für den Tatort

Der Schauspieler und Regisseur Matthias Brenner bezeichnete Peter Sodann im Gespräch mit MDR KULTUR als "ungewöhnlichen Theatermann" und sein Neues Theater in Halle als "Fürstentum Sodann". Brenner selbst wurde später Sodanns Nachfolger: Zwölf Jahre lang leitete er das von Sodann gegründete Theater. Anlässlich seines Todes solle man "das Glas auf ihn heben wider das Vergessen und sich über diese streitbare Person unterhalten und Geschichten von ihm erzählen", sagte Brenner. Sodann habe mit der Kulturinsel einen Begegnungsort geschaffen, wo er "eine Ewigkeit" haben werde.

Auch MDR-Intendant Ralf Ludwig würdigte Peter Sodann und hob besonders seine Rolle des Kommissars Ehrlicher in den Tatorten aus Dresden und Leipzig hervor. "Der MDR hat Herrn Sodann als Tatort-Kommissar der ersten Stunde viel zu verdanken", betonte er. Mit seiner markanten Darstellung habe Peter Sodann das Format Tatort über viele Jahre geprägt und so maßgeblich zum großen Erfolg der Reihe beigetragen. "Die Nachricht vom Tod Peter Sodanns macht uns sehr traurig", sagte Ludwig am Sonntag.

Kondolenzbuch liegt in Halle aus

Seit Dienstag können sich Trauernde in Halle in das Kondolenzbuch für den verstorbenen Schauspieler eintragen. Wie die Stadt mitteilte, hat Bürgermeister Egbert Geier (SPD) als Erster einige Worte zum halleschen Ehrenbürger verfasst: Mit Sodann verliere die Stadt "einen politischen, kreativen und kritischen Menschen wie auch einen herausragenden Schauspieler", schrieb Geier. Das Kondolenzbuch liegt bis einschließlich 16. April öffentlich aus. Eintragungen können werktags zwischen 8 und 17 Uhr sowie am Samstag von 10 bis 13:30 Uhr vorgenommen werden.

Quellen: MDR KULTUR (Wolfgang Schilling), dpa
Redaktionelle Bearbeitung: op,lig

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. April 2024 | 16:10 Uhr

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