Frau in einer Online-Konferenz am Laptop
Dr. Sabine Ahrens-Eipper bietet seit dem Jahr 2020 Videosprechstunden in ihrer Gemeinschaftspraxis für Psychotherapie an. Bildrechte: Andreas Manke/MDR

Medizinische Versorgung 500 Arztpraxen bieten Videosprechstunden an: Aber kaum jemand nutzt sie

11. Oktober 2023, 13:33 Uhr

500 Arztpraxen in Sachsen-Anhalt bieten Videosprechstunden an. Nach einem starken Anstieg der Anzahl zu Beginn der Corona-Pandemie konnte sich diese Entwicklung nicht fortsetzen. Aktuell scheinen Videosprechstunden kaum nachgefragt zu werden. Auch Personal lässt sich dadurch nicht einsparen.

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Während der Corona-Pandemie ist die Anzahl der Arztpraxen, die Videosprechstunden anbieten, stark angestiegen. Aktuell bietet von den mehr als 3.000 Praxen in Sachsen-Anhalt etwa jede sechste Videosprechstunden an. Laut Kassenärztlicher Vereinigung sind diese Arztpraxen gleichmäßig über Stadt und Land verteilt. Allerdings ist in Halle der Anteil besonders gering. Die Möglichkeit zur Behandlung per Video bietet nur etwa jede zehnte Arztpraxis an.

Kaum Nachfrage nach Videosprechstunden

Till Hartmann arbeitet in einer Hausarztpraxis in Landsberg bei Halle. Die Videosprechstunden seien mit dem Ende der Corona-Pandemie wieder stark zurückgegangen: "In der Corona-Zeit war die Videosprechstunde eine Krücke, um den Patientenkontakt aufrechterhalten zu können. Man kam voran, aber richtig laufen ist besser." Heute würde bei Patienten, die nicht in die Praxis kommen können, die Behandlung per Video lange zuvor geplant, so Hartmann.

Arzt sitzt an einem Computerbildschirm
Bei Hausarzt Till Hartmann werden von Patienten pro Montat zumeist weniger als fünf Videosprechstunden angefragt. Bildrechte: Andreas Manke/MDR

Das passiere aber nur weniger als fünf Mal im ganzen Monat, weil die Videosprechstunde von Patienten nahezu gar nicht mehr nachgefragt werde. Die Menschen würden ausdrücklich zum Arzt oder zur Ärztin gehen wollen, um angeschaut und abgehört zu werden. Das mache einen großen Teil der Arzt-Patienten-Beziehung aus, sagt Hartmann.

In der Corona-Zeit war die Videosprechstunde eine Krücke, um den Patientenkontakt aufrechterhalten zu können.

Till Hartmann Hausarzt

Sabine Ahrens-Eipper ist Psychotherapeutin und hat in Halle eine Gemeinschaftspraxis. Auch sie bietet Videosprechstunden seit dem Beginn der Corona-Pandemie an. Rund 20 Prozent ihrer Sprechstunden gibt sie per Video und es funktioniere viel besser als gedacht, erklärt sie. Allerdings sei in der Psychotherapie die Videosprechstunde eine Ausnahme, da davon ausgegangen wird, dass das Beste der direkte Kontakt zum Patienten sei.

Technische Probleme bei Online-Behandlung

Mit Kindern und Jugendlichen, die während der Pandemie in Quarantäne waren, sei die Videosprechstunde in der kontaktarmen Zeit dagegen extrem wichtig gewesen, sagt Ahrens-Eipper: "Während der Pandemie war es schön zu sehen, wie ermutigend und wie hilfreich auch die Videobehandlung sein kann." Die Kinder könnten ihr Zimmer oder ihr Haustier zeigen. Damit könne man Einblick in Dinge bekommen, die ohne Video gar nicht möglich wären.

Während der Pandemie war es schön zu sehen, wie ermutigend und wie hilfreich auch die Videobehandlung sein kann.

Sabine Ahrens-Eipper Psychotherapeutin

Hausarzt Hartmann berichtet von technischen Problemen mit der Videosprechstunde, weil bei einigen Patienten die Internetverbindung so schlecht gewesen ist. Und ist eine apparative Untersuchungen nötig, muss der Patient in die Praxis kommen. Als Beispiele nennt der Mediziner Ultraschall oder EKG.

In Notsituationen sei der direkte Kontakt wichtig, betont auch Psychotherapeutin Ahrens-Eipper über die Grenzen der Videosprechstunde. Mit jüngeren Kindern funktioniere eine Videosprechstunde gar nicht, weil sich zum Beispiel ein Vierjähriger nur schwer am Bildschirm halten ließe, sodass eine spielerische Arbeit für die Therapie gar nicht möglich sei. 

Trotz Nachteilen – Videosprechstunde bleibt eine Behandlungsmöglichkeit

Ahrens-Eipper nutzt die Videosprechstunde für Elterngespräche. Pflegebedürftigen Menschen könne man dank Video überhaupt erst eine Therapieform anbieten. Es sei jedoch zuvor immer sorgfältig abzuwägen, wo die Videosprechstunde einsetzbar ist und wo nicht.

Frau arbeitet am Laptop.
Sabine Ahrens-Eipper gibt rund 20 Prozent ihrer Sprechstunden per Video. Bildrechte: Andreas Manke/MDR

Trotz aller Einschränkungen hat die Videosprechstunde vor allem in der Corona-Pandemie gezeigt, dass auch diese Form der Behandlung eine Möglichkeit ist, um Menschen zu helfen, wenn keine direkte Kontaktaufnahme möglich ist. Durch Erfragen der Symptome und des Verlaufs könne man auch mit der Videosprechstunde viel erreichen, um eine konkrete Diagnose zu stellen, sagt Hartmann.

Videosprechstunde keine Lösung gegen Personalmangel

Wenn die Behandlung ausschließlich über Videosprechstunden erfolgen würde, dann könnte theoretisch medizinisches Personal in einer Arztpraxis eingespart werden. Es gibt zum Beispiel rein videobasierte Angebote zur psychotherapeutischen Behandlung. Allerdings sei diese Behandlungsform qualitativ äußerst fragwürdig und daher sei davon dringend abzuraten, sagt Ahrens-Eipper: "Ich denke, es ist wichtig, dass die Patienten herkommen dürfen. Wir müssen Räume und Personal vorhalten, denn ich glaube, es ist ungünstig, auch nur eine einzige Therapie nur per Video durchzuziehen."

Es ist wichtig, dass die Patienten herkommen dürfen.

Sabine Ahrens-Eipper Psychotherapeutin

Für Till Hartmann ist der zeitliche Aufwand einer Videosprechstunde exakt identisch mit dem einer Präsenzsprechstunde. Zeit sparen könne er nur dann, wenn Videosprechstunden in dünn besiedelten Gebieten Hausbesuche ersetzen würden. Dadurch könne er mehr Patienten versorgen. Ansonsten stehe aber der persönliche Arzt-Patienten-Kontakt immer an erster Stelle.

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MDR (Andreas Manke)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 05. Oktober 2023 | 05:30 Uhr

2 Kommentare

salzbrot vor 31 Wochen

Telemedizin im normalen Leben eignet sich vor allem für 2 Konstellationen. 1. Chroniker, die laufend beobachtet werden müssen und wo sich die Einrichtung einer komfortablen Übertragung lohnt. 2. Unterversorgte Gebiete, in die täglich eine Krankenschwester kommt, die die videosprechstunde zum Arzt betreut und auch Geräte einbinden kann. 3. Eine akutsprechstinde für A N , die einen Krankenschein brauchen

Raga vor 31 Wochen

Ich finde, dass in dem Artikel zum Teil der falsche Eindruck hervorgerufen wird, dass die Videosprechstunde die Behandlung ersetzen soll.
Eine hybride Versorgung ist doch der Zustand, in welchen mit telemedizinischen Hilfsmitteln wie der Videosprechstunde hingesteuert werden soll. D.h. Befundbesprechungen können samt Screensharing o.ä. über die Videosprechstunde ausgelagert werden, ohne dass der Patient/die Patientin in die Praxis kommt oder nur etwas über das Telefon erzählt bekommt.
Um die Nutzung durch Paitent:innen zu forcieren, muss die Praxis eine Videosprechstunde auch nicht nur im Repertoire haben, sondern diese auch aktiv bewerben - z.B. mit "Mittwoch Nachmittag machen wir nur Befundungen, Anamnesen, Vorbesprechungen von ambulanten Eingriffen o.ä. online". So können an diesem Tag auch Ressourcen der MFAs frei gemacht werden - denn ersetzen kann die Videosprechstunde diese nicht.
Hier steht mEn weiterhin die Abrechnung durch die Ärzt:innen dem vermehrten Einsatz im Wege.

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