Querschnitt: Kultur Stolberg: Reichlich Kultur gegen die Folgen des Kohleausstiegs

Luca Deutschländer
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"Querschnitt: Kultur" – MDR SACHSEN-ANHALT und MDR KULTUR erkunden in dieser Woche fünf besondere Kultur-Orte in Sachsen-Anhalt – und erklären, welche Bedeutung sie für die Region haben. Am ersten Tag ihrer Reise waren die Reporter im AndersWelt-Theater in Stolberg zu Gast – und haben erfahren, wie wichtig das kleine Theater für den Südharz ist. Kann es auch helfen, dem Strukturwandel zu begegnen?

Fachwerkhäuser in Stolberg im Landkreis Mansfeld-Südharz
Idylle pur: In der Altstadt von Stolberg im Südharz reiht sich ein Fachwerkhaus ans nächste. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Es war alles schon mal einfacher. Die Corona-Jahre 2020 und 2021 – zum Vergessen. Dann das Frühjahr 2022, der Krieg in der Ukraine und die steigenden Preise, die Folgen der Pandemie – fehlendes Personal, ungewisse Zukunft. Für Menschen in der Gastronomie wie Kristin Dübner gäbe es in diesen Monaten wahrlich genug Gründe, mies gelaunt durch die Gegend zu laufen.

Kristin Dübner aber wirkt gut gelaunt.

Es ist ein Montag Ende Juli und im Restaurant "Zum Kanzler" am Marktplatz in Stolberg im Südharz läuft das Mittagsgeschäft. Neun, vielleicht zehn Tische draußen im Biergarten sind voll, die Luft ist drückend heiß. Dübner hat mit einem Saft in ihrem Restaurant Platz genommen, um über die Lage zu erzählen, die Bedeutung von Kultur für die Wirtschaft in Stolberg – und wie es das kleine Städtchen schafft, attraktiv zu bleiben für Touristen wie Einheimische.

Verein wirbt mit und für Stolberg

Eine Frau sitzt im Gastraum eines Restaurants und lächelt in die Kamera.
Kristin Dübner ist Chefin des Hotels "Zum Kanzler" in Stolberg. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Kristin Dübner ist die Chefin im Hotel-Restaurant "Zum Kanzler". Ihr Mann führt, ein paar Minuten zu Fuß entfernt, einen weiteren Gasthof. Familie Dübner und die Gastronomie – das gehört zusammen. Doch die Hotelchefin hat sich einer weiteren Aufgabe verschrieben: Sie ist Mitglied in der Werbe- und Verkehrsgemeinschaft.

Das mag technisch klingen, hat aber ein ganz konkretes Ziel: Gastronomie und Gewerbe in und um Stolberg schließen sich zusammen, um für Stolberg und die Region zu werben. Die Schilder, die Gäste willkommen heißen, haben sie aufgestellt, einmal im Jahr gibt es einen Blumenwettbewerb. Da schmücken die Stolberger ihre Häuser mit bunten Blüten und es gibt einen Preis zu gewinnen. Die Idee dahinter: Anreize schaffen, um das rund 1.000 Einwohner zählende Städtchen attraktiv zu halten.

AndersWelt-Theater: kulturelle Belebung

Mitglied im Gewerbeverein ist auch das AndersWelt-Theater. Dessen schmuckes Zuhause liegt zwischen all den anderen Fachwerkhäusern am Marktplatz. Seit elf Jahren sorgt hier das Künstler-Ehepaar Jantosch für kulturelle Belebung. Am Sonntag erst ging das erste Stolberger Sommertheater zu Ende. Die Jantoschs hatten auf der lange kaum genutzten Waldbühne das Familienmusical "Peter Pan und Kapitän Hook" inszeniert.

Das AndersWelt-Theater in Stolberg

Das AndersWelt-Theater in Stolberg, Landkreis Mansfeld-Südharz, gibt es seit 2011. Gegründet haben es damals Christiane und Mario Jantosch. Ihr Theater haben sie direkt am historischen Marktplatz in Stolberg im Südharz eingerichtet. Spielorte waren zeitweise allerdings auch die Baumannshöhle Rübeland oder, wie diesen Sommer, die Waldbühne Stolberg. Dort ist am Sonntag die letzte Vorstellung des Familienmusicals "Peter Pan und Kapitän Hook" zu Ende gegangen.

Schriftzug in einem Theater -Überall ist Anderswelt-"
Anders sein und der Fantasie freien Lauf lassen – das ist das Motto im AndersWelt-Theater. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Das Örtchen Stolberg hat eine lange Geschichte. 1252 erstmals erwähnt, predigte hier später in der St. Martini-Kirche Thomas Müntzer, der aufständige Theologe und Reformator. Vor wenigen Wochen erst wurde die Kirche nach abgeschlossener Sanierung als Kultur-Kirche eingeweiht und soll künftig unter anderem Ort für Konzerte sein. Kultur und Tourismus, Tourismus und Kultur – beides bedingt einander, so sehen das die Gewerbe- und Kulturtreibenden hier in Stolberg.

Und auch wenn viele Stolberg nicht zuletzt wegen seiner touristischen Ziele eher den Harz-Städten Wernigerode oder Quedlinburg zuordnen dürften – das kleine Städtchen liegt weiter südlich und gehört zum Landkreis Mansfeld-Südharz. Und wer über den und seine Zukunftschancen berichtet, kommt um ein Thema nicht umhin: den Kohleausstieg und den damit verbundenen Strukturwandel.

Mansfeld-Südharz ist einer der Landkreise, die in Sachsen-Anhalt am stärksten von der Energiewende betroffen sind und sein werden. Nun ist Stolberg nicht Amsdorf und das Städtchen im Südharz eher bekannt für touristische Angebote als für den Braunkohletagebau, wie ihn in Amsdorf das Unternehmen Romonta betreibt.

Trotzdem: Über die Frage, wie gut Mansfeld-Südharz den Strukturwandel wegstecken wird, entscheiden wohl besonders die Orte, die schon jetzt eine gewisse Unabhängigkeit von der Kohle haben. Dessen ist sich auch die Standortentwicklungsgesellschaft Mansfeld-Südharz bewusst. Das ist eine Institution des Landkreises, gegründet mit dem Ziel, Wirtschaft und Tourismus in einer oft als ohnehin strukturschwach verschrienen Region zu fördern. Stefanie Müller leitet dort die Abteilung für Tourismusmanagement. Sie sagt: "Ein vielfältiges Kulturangebot trägt dazu bei, dass die Gesamtregion Mansfeld-Südharz attraktiv bleibt."

Ein Mann mit Kopfbedeckung steht in der Innenstadt von Stolberg, im Hintergrund sind Fachwerkhäuser zu sehen. 1 min
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Wirtschaftsfaktor: Kultur

"Kulturtourismus", führt Müller weiter aus, "ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor." Durch Angebote wie jenes des Stolberger AndersWelt-Theaters profitierten natürlich auch umliegende Unternehmen, erklärt sie und nennt Gaststätten, Hotels oder den Einzelhandel als Beispiel.

Theaterbesucher nutzen eben gleichzeitig auch Übernachtungsmöglichkeiten und Weiteres.

Stefanie Müller Standortentwicklungsgesellschaft Mansfeld-Südharz

Kann Kristin Dübner, die Hotelchefin, das bestätigen? Tatsächlich. Und: "Es gibt Hotelgäste", erzählt sie, "die kommen aus Eisleben, Sangerhausen oder Nordhausen hierher, um ins AndersWelt-Theater zu gehen und später bei uns zu übernachten."

Um die Bedeutung dieser Aussage zu verstehen, braucht es Zahlen. Eisleben? Nur knapp eine Autostunde von Stolberg entfernt. Sangerhausen? Knapp 40 Minuten. Alles keine Distanzen, bei denen man nicht am selben Abend mit dem Auto zurückfahren könnte. Doch die Leute bleiben. Und sie lassen ihr Geld in Stolberg. Das AndersWelt-Theater – es hat, glaubt man Kristin Dübner, eine Art Sogwirkung in den Landkreis hinein. Für eine Gegend wie den Südharz, für den Tourismus "überlebenswichtig" ist, wie Kristin Dübner sagt, ist das ein Pfund.

Blick auf ein Hotel, an dessen Fassade Blumenschmuck an den Fenstern zu sehen ist.
Das Hotel "Zum Kanzler" von Kristin Dübner liegt mitten auf dem Marktplatz von Stolberg. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Die Hotelchefin gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn man sie auf die Theatermacher Jantosch und deren Engagement anspricht. "Ganz, ganz klasse" sei die Musical-Inszenierung auf der Waldbühne gewesen, sagt Dübner. Und dass die Jantoschs es verstünden, auch vermeintlich schwere Kost wie die Geschichte Luthers oder Müntzers so zu inszenieren, dass sogar der in Berlin lebende Sohn der Chefin – jünger als 30 – regelrecht angetan ist.

Stolberg und der Tourismus – diese Symbiose ist auch deshalb so wichtig, weil der Ort entgegen seines Namens in einem Tal liegt und für größere Industriebetriebe schlicht kein Platz ist. Hotelchefin Dübner nennt die Bedeutung des Tourismus gar "existenziell", auch für die Einheimischen hier. Denn zur Wahrheit gehört auch: Auch in Stolberg werden die Menschen älter, der demographische Wandel macht sich bemerkbar.

Ohne Vielseitigkeit keine Touristen

Hotelchefin Dübner ist überzeugt, dass es deshalb nur gemeinsam mit allen geht. Den Menschen, die hier leben und all den Kultur- und Gewerbetreibenden. "In Rottleberode", sagt sie, "hat sich viel getan. Da ist es wunderschön. Aber es gibt keine Restaurants und auch kein Theater." Will sagen: Nur wenn der Landkreis sich als Einheit versteht und Menschen aus dem einen Ort den anderen besuchen, kann es was werden mit der Zukunft. Davon ist Kristin Dübner jedenfalls überzeugt. "Unendlich wichtig" sei es, das zu erhalten, sagt sie.

Ihr Wunsch für die Zukunft? "Dass alle, die am Markt sind, durchhalten." Denn Stolberg sei nur dann attraktiv für Gäste, wenn es vielseitig bleibe, glaubt sie. "Die kulturelle Vielfalt trägt dazu bei."

Unsere Reise geht weiter in Thale

Am Dienstag werden MDR KULTUR und MDR SACHSEN-ANHALT nach Thale fahren. Dort steht ein Besuch des Kinos Centraltheater an – eines der wohl kleinsten Kinos in Sachsen-Anhalt und eines von nur wenigen im Landkreis Harz. Dort sind die MDR-Reporter Florian Leue und Luca Deutschländer unter anderem mit den Pächtern des Kinos verabredet. Außerdem ist ein Treffen mit Bürgermeister Maik Zedschack geplant, der über die Bedeutung des Kinos für Thale berichtet. Im Stadtarchiv werden sich die beiden Reporter mehr über die Geschichte des Kinos erzählen lassen.

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MDR (Florian Leue, Luca Deutschländer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. Juli 2022 | 09:30 Uhr

2 Kommentare

Thommi Tulpe vor 10 Wochen

Man wird nicht jeden verloren gegangenen Arbeitsplatz damit ersetzen können, wenn man jede architektonisch und geschichtlich interessante Stadt zum "Phantasia-Land" macht.

steka vor 10 Wochen

Wir sind früher oft und gerne nach Stolberg gefahren, aber leider fährt da kein Zug mehr hin, es gab früher sogar mal einen durchgehenden Zug von Leipzig !
Also nur mit umsteigen in Berga-Kelbra in Bus, der aber den Zug oft nicht abwartet. Das macht man zwei mal und dann ist Stolberg gestrichen. In den Kyffhäuser kommt man man ohne Auto ja auch nicht mehr, schade eigentlich. Das liegt ja aber in einem anderen Fürstentum und trotz MDV scheint es schwer zu sein länderübergreifende Verbindungen, die außerhalb der Zentren liegen zu organisieren. Eine anderes Ausflugsziel, warum fährt die Unstrutbahn nur bis Wangen, leider dahinter Landesgrenze, die Gleise gehen noch weiter, werden sogar für Sonderzugfahrten noch genutzt. Hier fllt uns wieder das Ländersystem auf die Füße.

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