Eine junge Frau arbeitet in einem Bekleidungsgeschäft.
Beim "Produktiven Lernen" werden Arbeit und Schule als Unterricht vereint. Dieses Konzept soll bald in das Schulgesetz integriert werden. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Arbeit und Unterricht vereint Projekt "Produktives Lernen" rettet Schüler in Sachsen-Anhalt vor Schul-Abbruch

von Maximilian Fürstenberg und Beatrix Heykeroth, MDR SACHSEN-ANHALT

03. Dezember 2023, 20:31 Uhr

Die Zahlen sind deutlich: Sachsen-Anhalt ist das Land der Schulabbrecher. Wer wegen Mobbings oder anderen Problemen mit dem Schulsystem brechen will, der erhält im Projekt "Produktives Lernen" eine zweite Chance, seinen Hauptschulabschluss zu machen. Das Besondere: Arbeit und Schule werden hier kombiniert. Lange wurde das Projekt durch Fördermittel finanziert. Diese sind nun ausgelaufen. Ab 2024 soll darüber geredet werden, das Projekt in das Schulgesetz fest zu integrieren.

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Aus einer Lautsprecherbox dröhnen Hip-Hop-Beats. Sie füllen den übrigen Raum zwischen Hosen, Pullovern und Jacken eines Bekleidungs-Geschäfts im Allee-Center in Magdeburg aus. In der hintersten Ecke des Geschäfts steht Lilly Knappe mit dem Manager Christian Neugebauer zusammen.

Eine junge Frau arbeitet in einem Bekleidungsgeschäft.
Lillys Store-Manager zeigt ihr, wie sie Kleidungsstücke attraktiv für Kunden plaziert. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Neugebauer zeigt auf eine Kleiderstange mit Pullovern: "Dann kannst du dir jeweils von dem und dem eine Farbe aussuchen." Die 15-Jährige überlegt kurz und greift dann gezielt nach Stücken und sortiert sie neu an der Wand. "Das ist schön. Wir haben hier einen Hell-Dunkel-Kontrast und erzeugen so ein interessantes Bild für den Kunden", erklärt der Store-Manager zufrieden.

Was Lilly hier im Geschäft macht, klingt erstmal nach einem normalen Praktikum. Doch streng genommen hat sie gerade ganz normalen Schulunterricht.

Projekt hilft Schülern, einen Abschluss zu bekommen

Lilly ist Teil des sogenannten "Produktiven Lernens in Schule und Betrieb". Drei Tage die Woche arbeitet die Schülerin in einem Betrieb und zwei Tage hat sie normalen Unterricht. Das Projekt gibt es derzeit an 24 Schulen in Sachsen-Anhalt – so auch an Lillys Schule, der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gemeinschaftsschule in Wolmirstedt. Hier besucht sie die neunte Klasse und strebt gerade ihren Hauptschulabschluss an.

Eine Lehrerin hilft Schülern im Unterricht.
Viele Schüler sind durch Mobbing oder anderen Problemen nicht mehr zur Schule gegangen. Sie erhalten in dem Projekt eine zweite Chance. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Die 16 Schüler aus ihrer Klasse kommen ursprünglich aus unterschiedlichen Schulen in der Börde. An ihren alten Schulen hätten sie aufgrund von Mobbing, Problemen im Elternhaus, oder weil das "System Schule" nicht zu ihnen gepasst hat, womöglich keinen Schulabschluss erreicht oder die Schule abgebrochen. Durch das Projekt erhalten sie eine zweite Chance.

Ich wurde hin und her geschubst und mir wurde auch oft genug gesagt: 'Ich kann nichts und ich werde nichts schaffen'. Doch Sie sehen, ich bin hier und ich werde meinen Abschluss schaffen.

Lilly Knappe Schülerin der 9. Klasse
Eine Schülerin schaut zur Tafel.
Lilly ist von sich überzeugt: Sie schafft definitiv den Hauptschulabschluss. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Auch Lilly hatte mit Mobbing an ihrer ehemaligen Schule zu tun und hat deshalb oft im Unterricht gefehlt, wie sie MDR SACHSEN-ANHALT verrät: "Das Mobbing war bei mir sehr schlimm." Sie hält kurz inne und schließt die Augen. "Ich wurde hin und her geschubst und mir wurde auch oft genug gesagt: 'Ich kann nichts und ich werde nichts schaffen'. Doch Sie sehen, ich bin hier und ich werde meinen Abschluss schaffen", erklärt sie wieder lächelnd.

Lehrerin: Ich weiß wieder, warum ich Lehrerin geworden bin

Ein paar Stunden zuvor: Lilly sitzt im Englischunterricht vor einem Laptop. Mit einem leisen Quietschen öffnet sich eine Tafelhälfte im Klassenzimmer. Zum Vorschein kommen ein Plakat und eine Aufgabenstellung. Lillys Lehrerin Sabine Jahnel erklärt: "In Englisch haben wir die allgemeinen Fakten über London erarbeitet. Ihr sucht euch heute Sehnswürdigkeiten heraus und erarbeitet euch jeweils fünf Fakten. Die speichert ihr in einem Worddokument." Dann: akribisches Tippen.

Eine Lehrerin hilft Schülern im Unterricht.
Sabine Jahnel ist eine von drei Lehrern, die das "Produktive Lernen" unterrichten. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Jahnel ist eine von drei Lehrern an der Schule, die ausschließlich für die Projekt-Klassen zur Verfügung stehen. Das Projekt begleitet sie an der Schule seit 2008 – und das mit Herzblut: "Das Projekt hat mich überzeugt, weil ich wieder da angekommen bin, weshalb ich Lehrerin geworden bin. Ich habe Zeit für den Schüler, ich kann mit ihm reden und wir arbeiten gemeinsam. Das geht im normalen Schulalltag unter."

Das Projekt hat mich überzeugt, weil ich wieder da angekommen bin, weshalb ich Lehrerin geworden bin.

Sabine Jahnel Lehrerin im Projekt "Produktives Lernen"
Eine Lehrerin hilft Schülern im Unterricht. Sie lächelt in die Kamera.
Jahnel ist seit 2008 in dem Projekt engagiert. Das Projekt hat ihr wieder gezeigt, weswegen sie Lehrerin geworden ist. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Was sie an dem "PL" – wie sie es abkürzt – vor allem schätzt, ist, dass bei den Schülern erneut die Lust am Lernen geweckt wird. "Fragen und um Hilfe bitten, ist hier ausdrücklich erlaubt", sagt Jahnel. Ihr zufolge erkennen die Schüler hier erst, dass sie etwas bewegen können. "Es gibt viele Gespräche, wir lernen unsere Schüler viel besser kennen. Durch das Nachfragen und immer wieder für sie da sein, merken sie: 'Ich bin kein Loser und kann was'", sagt Jahnel. So seien alle Schüler in der Klasse motiviert, ihren Hauptschulabschluss zu schaffen.

Sachsen-Anhalt ist das Land der Schulabbrecher

Dass das Projekt für Sachsen-Anhalt wichtig ist, zeigt auch ein Blick auf die Zahlen. In Bezug auf die Schulabbrecher-Quote, liegt Sachsen-Anhalt deutschlandweit auf dem ersten Platz. Momentan liegt der Anteil der Schüler ohne erreichten Hauptschulabschluss in Sachsen-Anhalt nach Aussagen des Bildungsministeriums bei 11,6 Prozent im Schuljahr 2021/22. Das sind 2.070 von knapp 17.800 Schülern des Landes. Im vorherigen Schuljahr lag der Anteil von Schülern ohne erreichten Hauptschulabschluss noch bei 9,7 Prozent.

Mit dem "Produktiven Lernen" könnte den hohen Abbrecher-Zahlen entgegengewirkt werden, so der Wolmirstedter Schulleiter Stefan Hübner zu MDR SACHSEN-ANHALT. Rund 80 Prozent aller Schüler des Projekts im Schuljahr 2021/22 haben so ihren Hauptschulabschluss geschafft. Und: Hübner zufolge übernimmt Sachsen-Anhalt "endlich einen wichtigen erprobten Schritt" – nämlich die Aufnahme des Projekts ins Schulgesetz des Landes.

Bis vor einem Jahr wurde das Projekt noch durch EU-Fördermittel finanziert – die sind jetzt ausgelaufen. Hübner freut sich über den Umstand, dass das Projekt durch die Aufnahme einen festen Platz erhält: "Jede Maßnahme, die dazu führt, die Zahlen nach unten zu korrigieren, ist eine wichtige Zukunftsentscheidung für den Menschen, für unsere Sozialkassen und auch für das Selbstwertgefühl vieler Menschen", so der Schulleiter.

Ein Mann lächelt in die Kamera.
Für den Schulleiter Stefan Hübner ist klar: Das Projekt ist für Sachsen-Anhalt ein Gewinn, um die Schulabbrecherquote nach unten zu korrigieren. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Damit erhielte das Projekt einen wichtigen Bestandsschutz. Auf Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT beim Bildungsministerium heißt es: "Die Novellierung des Schulgesetzes befindet sich aktuell in Abstimmung verschiedener Gremien innerhalb des Ministeriums für Bildung. Nach aktuellem Planungsstand ist mit einer Einbringung in den Landtag im ersten Halbjahr 2024 zu rechnen." Derzeit wird das Projekt vollständig aus Landesmitteln finanziert, dann sollen – wie üblich – die Landkreise zuständig sein.

Mehr Lebenswelt-Bezug geht nicht

Zurück im Bekleidungs-Geschäft im Allee-Center in Magdeburg. Mittlerweile hängt Lilly Kleidungsstücke auf einer Stange auf. Mit konzentriertem Blick richtet sie alle Bügel im gleichen Abstand zueinander aus. Auch wenn die Schüler keine Leistungskontrollen oder Klassenarbeiten schreiben, wird die Arbeit, die die 15-Jährige in den Betrieben macht, dennoch bewertet.

Eine junge Frau arbeitet in einem Bekleidungsgeschäft.
Lilly will nach der Schule entweder eine Ausbildung zur Kindergärtnerin oder Einzelhandelskauffrau machen. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Lilly muss für jeden Betrieb sogenannte Dokumentations-Mappen anlegen. Für jedes Unterrichtsfach erhält sie dann spezifische Aufgaben, die sie innerhalb des Betriebs lösen muss, erklärt sie. "Ich habe zum Beispiel für diesen Laden in Mathe die Aufgabe bekommen, auszurechnen, wie viele Kunden mit EC-Karte oder Bar pro Monat bezahlt haben. In Englisch muss ich aufschreiben mit welchen Materialen ich arbeite und wie es hier so ist." Wann sie die Aufgaben erledigt, entscheidet die Schülerin selbst, es gibt lediglich eine Deadline. Der Lebenswelt-Bezug, der oft in der Schule vergeblich gesucht wird, ist hier mehr als gegeben.

Ich möchte mich sehr anstrengen, denn es ist meine letzte Chance und ich nutze diese Chance. Es ist für mich ein unglaubliches Gefühl, in der Klasse zu sein.

Lilly Knappe Schülerin der 9. Klasse

"Ich bin lieber im Praktikum als in der Schule", lacht die Schülerin. Dennoch komme sie jetzt besser mit ihrem Schul-Stoff zurecht. "Mit meiner zweiten Chance will ich auf jeden Fall meinen Hauptschulabschluss schaffen. Ich möchte mich sehr anstrengen, denn es ist meine letzte Chance und ich nutze diese Chance. Es ist für mich ein unglaubliches Gefühl, in der Klasse zu sein", strahlt Lilly.

Wo sie sich zukünftig mal sieht, ist noch nicht ganz klar. Derzeit würde sie entweder Einzelhandelskauffrau werden oder Kindergärtnerin.

MDR (Maximilian Fürstenberg)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 03. Dezember 2023 | 19:00 Uhr

10 Kommentare

Anita L. vor 20 Wochen

"Ich kann meckern worüber ich will...."

Ja, dass Sie das können, beweisen Sie immer wieder und zumeist auch äußerst eindrucksvoll...

Bedenken Sie bei Ihrem Statement darüber, was Sie so alles dürfen (nicht nur können), dass dasselbe Recht eben auch für jene gilt, die Ihre ziellose und unkonstruktive Meckerei kritisieren.

Tom0815 vor 20 Wochen

Natürlich dürfen Sie das. Aber was bringt es denn?
Versuchen Sie es doch mal mit konstruktiver Kritik, die lösungsorientiert und nicht schuldzuweisend ist.

Tom0815 vor 20 Wochen

Natürlich können Sie das. Bringt halt aber in der Regel nix als schlechte Laune und miese Stimmung. Löst ja auch keine Probleme.
Dann doch lieber konstruktive Kritik, die lösungsorientiert und nicht schuldzuweisend ist.

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