Vor dem Bau der Intel-Fabrik Der Magdeburger Eulenberg lüftet sein 6.000 Jahre altes Geheimnis

01. April 2023, 18:11 Uhr

Was für Laien wie dunkle Schatten auf dem Boden aussieht, sind Gräber und Überreste von Häusern, die bis zu 6.000 Jahre alt sein könnten. Etwa die Hälfte der 100 Hektar Fläche auf dem Eulenberg, die umgegraben werden sollen, haben die Archäologen schon geschafft. Bis zum Sommer 2023 und vor dem Baustart der Intel-Halbleiterfabrik sollen die Grabungen beendet sein.

Porträtbild eines Mannes
Bildrechte: MDR/Sebastian Mantei

  • Vor dem Bau der Halbleiterfabrik von Intel graben Naturschützer, die Kampfmittelbeseitigung und aktuell Archäologen den Magdeburger Eulenberg um.
  • Die Archäologen haben Überreste von Gräbern und Häusern gefunden, die bis zu 6.000 Jahre alt sein könnten.
  • Die Grabungen auf der etwa 100 Hektar großen Fläche sollen bis Sommer 2023 und vor Intel-Baustart beendet sein.

In Magdeburgs Süden wird seit dem letzten Jahr die Erde immer wieder umgegraben. Grund sind die Arbeiten für die Baustellenfreigabe für Europas größte Industrieinvestition – die Halbleiterfabriken des US-Unternehmens Intel. Nach der Verkündung der Ansiedlung im März 2022 gruben zunächst Naturschützer den Eulenberg um, auf der Suche nach Tieren, die umgesiedelt wurden, wie der Feldhamster. Danach folgte der Kampfmittelbeseitigungsdienst und nun sind die Archäologen um Dr. Susanne Friederichs vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie am Werk. In zwei Abschnitten graben sie in die Tiefe auf der Suche nach Besiedlungsspuren unserer Vorfahren.

Mit ihrem roten Schutzhelm und rotem Mantel unter der Warnweste ist Susanne Friederichs auf dem weitgehend dunkelbraunen Grabungsfeld gut zu erkennen. Hier fühlt sie sich am wohlsten, obwohl ich als Laie kaum etwas entdecken kann, als Erdhügel und Gruben hinter rotweißen Absperrbändern – keine Knochen oder Tongefäße, geschweige denn Schätze.

Doch der Schein trügt, erklärt mir Susanne Friederichs und deutet auf Spuren am Boden der Grube. Und tatsächlich sehe ich dort einen dunklen Halbkreis und darin zwei kreisrunde dunkle Schatten, die auf Menschen hindeuten, die hier in Embryonalstellung bestattet wurden.

Zwei Gräber aus der Jungsteinzeit gefunden

Die dunklen Schatten seien die Archäologie, so die Grabungsleiterin. Es handele sich um zwei Gräber aus dem Neolithikum, also der Jungsteinzeit. Die Gräber seien ehemals überhügelt gewesen und dann von einem Graben eingefasst worden. Es könnten aber auch Palisaden daringestanden haben.

Wir sind also in der Jungsteinzeit, und das können wir schon sehr gut an der Verfärbung sehen. Wir sehen, dass wir hier zwei Gräber haben.

Susanne Friederichs Expertin vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Diese verwitterten hölzernen Begrenzungen sowie die Körper der Toten sind nur noch an der Farbe zu erkennen. Sie sind dunkler als der hellere Lössboden herum. Dieses Grab könnte bis zu 6.000 Jahre alt sein. Sabine Friederichs vermutet in diesem Grab zwei bis drei Personen. Sie sollen bis zum Sommer geborgen werden. Die Menschen gehörten damals zur sogenannten schnurkeramischen Kultur. Die Kultur ist nach ihren typischen Gefäßen benannt worden, die mit Schnurabdrücken ihre Keramiken verzierten.

Spuren von Häusern aus der Jungsteinzeit entdeckt

Auf dem Eulenberg lassen sich Besiedlungsspuren aus dem Mittelalter bis in die Jungsteinzeit entdecken. Damals gab es noch kein Metall für Werkzeuge. Auf meine Frage, wie die Menschen damals gelebt haben, lächelt Sabine Friederichs: "Wir wissen, dass zu dieser Zeit in großen Häusern gelebt wurde. Wir kennen auch Vorratsgruben und Öfen aus dieser Zeit."

Demnach haben Forschende auch schon Häuser aus dieser Zeit geborgen. Es sei allerdings noch nicht lange her, dass überhaupt erkannt wurde, wie die Grundrisse der Häuser aussahen. Das wissen Forschende laut Friederichs erst seit dem Bau der Autobahn A143 bei Gimritz. Gebäudespuren wie bei Gimritz habe man jetzt auch auf dem Eulenberg gefunden.

Bis vor 10 Jahren wussten wir noch nicht, wie man diese Häuser konstruiert hatte.

Susanne Friederichs Expertin vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Archäologen wollen pünktlich vor Baustart fertig sein

Ähnlich wie die Fundstelle mit den Gräbern gibt es dutzende auf dem Acker im Süden Magdeburgs, wo die Computerchips der Zukunft produziert werden sollen. Doch bis dahin ist es für die Archäologen noch ein gutes Stück zu graben. Friederichs sagt: "Wir haben hier ein sehr großes Gebiet, das wir untersuchen. Wir reden nicht von einem Hektar, nicht von zehn Hektar sondern von hundert Hektar."

Aktuell haben die Archäologen die Hälfte geschafft, der letzte Grabungsabschnitt geht dann noch einmal weiter in die Tiefe und das auf einem weiten Feld, wie Archäologin Susanne Friedrich gut gelaunt verkündet. Laut ihr ist es "auf jeden Fall machbar", dass die archäologischen Dokumentationen rechtzeitig abgeschlossen werden kann.

Wenn man es auf die Fläche nimmt, dann wird es auf jeden Fall machbar sein, die archäologischen Dokumentationen rechtzeitig abzuschließen.

Susanne Friederichs Expertin vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Abschluss der Arbeiten bis Sommer 2023

Bis zum Sommer 2023 rechnet die Archäologin mit dem Abschluss der Arbeiten. Die wichtigen Fundstücke werden geborgen und weiter untersucht. Neben dem Eulenberg bei Magdeburg sind die Landesarchäologen auch in Halberstadt im Einsatz, wo sie die Fläche für das Daimler-Truck-Logistiklager untersuchen. Großbauprojekte dieser Art fördern in der Archäologie Dinge zutage, die ohne diese Investitionen im Verborgenen bleiben würde.

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MDR (Sebastian Mantei, Alisa Sonntag)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30. März 2023 | 06:40 Uhr

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