Erzieher-Schüler auf dem Polidrom in der Neuen Neustadt
Das Polidrom soll ein Ort für Begegnungen in der Neuen Neustadt werden. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Stadtteilentwicklung Magdeburg Wie Kulturschaffende gegen das schlechte Image der Neuen Neustadt kämpfen

29. April 2024, 11:50 Uhr

Das Image des Problemviertels haftet an der Neuen Neustadt in Magdeburg. Anwohner klagen über Müll und Lärmbelästigung, der Anteil der ausländischen Bevölkerung liegt nach Angaben der Stadt bei 25 Prozent. Gleichzeitig ist das Viertel jung, die Mieten sind günstig und verschiedene Akteure bieten ein breites Freizeitangebot. Kulturschaffende sind sich einig: Die Magdeburger Neustadt ist besser als ihr Ruf.

Eine junge Frau mit blonden Haaren lächelt in die Kamera
Bildrechte: Sarah-Maria Köpf

Auf einer Wiese zwischen mehreren Wohnblöcken in der Neuen Neustadt in Magdeburg liegt das Polidrom. Bislang eine Brachfläche, auf der selbst gebaute Elemente aufgestellt wurden – unter anderem ein langer Nachbarschaftstisch, aber auch ein Beet mit Erdbeerpflanzen. Perspektivisch soll hier noch viel mehr passieren.

Polidrom soll Begegnungen in der Neuen Neustadt ermöglichen

Denn der Ort ist Teil des soziokulturellen Projekts "#Moritz4all" des Kulturzentrums Moritzhof. Er soll Begegnungen im Viertel schaffen, begleitet von internationalen Künstlerinnen und Künstlern. "Die Idee ist, in den nächsten anderthalb Jahren die Menschen im Kiez noch mehr dazu zu bestärken, sich diesen Ort anzueignen und hier präsent zu werden", erzählt Projektleiterin Juliane Barz. Mit gemeinsamen Aktionen wie Kino-Abenden und Bauprojekten soll in der Neuen Neustadt ein Gemeinschaftsgefühl entstehen, Barrieren und Vorurteile abgebaut werden.

Juliane Barz, Projektleiterin Polidrom Moritzhof
Projektleiterin Juliane Barz freut sich, dass die Aktionen auf der Brache bisher gut ankommen. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Das Projekt läuft seit dem vergangenen Jahr. Die Bauaktionen seien dabei besonders spannend gewesen, da man so auch die Erwachsenen zusammenbringen konnte. "Sie vergessen beim Werkeln, dass sie normalerweise gar nicht miteinander reden", erzählt Barz. Die entstandenen Elemente auf der Brache wurden überraschend gut angenommen, freut sie sich. "Schon allein, dass es hier was zum Sitzen gibt, ist unfassbar wichtig."

Angehende Erzieher unterstützen die Angebote

Gleichzeitig habe das Team gemerkt, dass sie für die Angebote Unterstützung benötigen. Denn durch die Aktionen auf dem Polidrom werden besonders die Kinder im Viertel angelockt. Deshalb sollen angehende Erzieher der Fit-Ausbildungs-Akademie Magdeburg die Künstlerinnen und Künstler unterstützen, aber auch selbst Angebote machen. Über die Kooperation freuen sich beide Seiten gleichermaßen. "Das passt total gut, weil es für die Erzieherinnen und Erzieher ohnehin ein Thema ist, wie man diverses Zusammenleben vermitteln kann", erzählt Jana Hirschfeld, Lehrerin an der Akademie.

Zwei Ausbildungsklassen nehmen an der Aktion teil. Damit sie das Polidrom kennenlernen, hat sich Juliane Barz eine Aufgabe überlegt. Um die Fläche zu erkunden, sollen sie in kleinen Gruppen selbst etwas Kreatives bauen. Etwas, das einen Perspektivwechsel erlaubt. Denn genau das sollen die angehenden Erzieherinnen und Erzieher hier auch in Zukunft mitgestalten.

Projekt Polidrom Moritzhof Neue Neustadt Magdeburg
Die angehenden Erzierhinnen und Erzieher sollen zukünftig die Projekte auf dem Polidrom unterstützen. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Akteure in der Neustadt kämpfen gegen das negative Image

Einige der Teilnehmenden stehen dem Stadtteil noch kritisch gegenüber. Man höre nichts Gutes und in den vergangenen Jahren habe sich die Neustadt eher zum Schlechten gewandelt, erzählt eine Erzieherinnen-Schülerin. Projektleiterin Juliane Barz ist anderer Meinung. "Ich sehe die neue Neustadt als total bunt, total vielfältig. Jeder macht hier sein Ding und dadurch entstehen neue Dinge, die man sonst nicht sieht. Das Gemeinschaftsgefühl ist hier größer als in anderen Stadtteilen, sodass für mich die ganzen Probleme, die vielleicht für andere im Vordergrund stehen, nach hinten rücken."

Das Gemeinschaftsgefühl ist hier größer als in anderen Stadtteilen, sodass für mich die ganzen Probleme, die vielleicht für andere im Vordergrund stehen, nach hinten rücken.

Juliane Barz, Projektleiterin "#Moritz4all"

Gegen das negative Image kämpft auch Quartiersmanagerin Franziska Müller. Sie betont: "In der Neuen Neustadt ist es nicht lauter, nicht dreckiger, nicht gefährlicher als in anderen Stadtteilen." Das zeigten zumindest die Statistiken. Das eigene subjektive Empfinden sei natürlich eine andere Sache, sagt sie. Denn immer wieder beschweren sich Anwohner über Müll auf den Straßen und Lärmbelästigung in den Nachtstunden. Berichte über Gewaltvorfälle machen Schlagzeilen, der Umzug der Ausländerbehörde ins Viertel sorgte für viele Diskussionen. Trotzdem sei in der Neuen Neustadt in den vergangenen Jahren viel passiert, meint Müller. Immer wieder entstehen neue Projekte, die dem Stadtteil weiter Leben einhauchen.

"Villa Wertvoll": Kostenlose künstlerische Angebote für Kinder

Nur wenige Straßen vom Polidrom entfernt liegt die "Villa Wertvoll". Ein Kulturzentrum, das 2018 gegründet wurde und in dem Kinder von drei bis 18 Jahren sich im Bereich Tanz, Theater, Film, Kunst oder Ton ausprobieren können. Die Nachmittagsangebote sind kostenlos und werden durch Förderprogramme sowie Spenden finanziert. Vormittags kommen Schulklassen, teilweise auch aus dem Magdeburger Umland, um an den Projekten teilzunehmen. Die Angebote sind so gefragt, dass es mittlerweile Wartelisten gibt.

Kinder aus der Neuen Neustadt Basteln im Kunstkurs
Laura Lindemann gibt in der Villa Kunstkurse. Einige der Kinder holt sie direkt bei den Familien im Viertel ab. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Laura Lindemann ist in der Villa für die Kunstkurse zuständig. Der Bedarf bei den Kindern – gerade im Viertel – sei riesig, sagt sie. Trotzdem reichten sie bei weitem nicht aus, um alle zu versorgen. Die Mitarbeitenden tun trotzdem, was sie können. So holt Lindemann beispielsweise die Kinder von Zuhause ab, die es nicht allein zum Gelände schaffen oder die sonst nicht kommen würden. Dabei entstünden immer wieder tolle Gespräch mit den Familien, die Gastfreundschaft sei riesig, erzählt die 24-Jährige.

Ein Kurs in der Villa Wertvoll 1 min
Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf
1 min

MDR FERNSEHEN Fr 19.04.2024 13:54Uhr 00:25 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/magdeburg/audio-2618684.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Neue Neustadt in Magdeburg: Mit Kunst zur Integration

Etwa die Hälfte der Kinder im Nachmittagsangebot haben einen Migrationshintergrund. Sprachliche Barrieren werden auch mal mit Übersetzer-Apps überwunden, aber Lindemann freut sich, wie sich ihre Schützlinge entwickeln. "Wir haben Kids im Programm, mit denen ich mich vor einem Jahr noch gar nicht unterhalten konnte. Und die haben so krass die Sprache gelernt. Und auch die Mamas machen einen Deutschkurs bei der Grünen Oase und schaffen es immer mehr hier anzukommen."

Die Kinder vernetzten sich untereinander und kommen bei den Angeboten spielerisch und künstlerisch miteinander in den Austausch. So lernen sie auch gegenseitig ihre Kulturen kennen, meint Lindemann. "Durch diesen partizipativen Ansatz schaffen wir Integration." Sie selbst empfindet die Neustadt als Stadtteil, wo Kultur und Familie großgeschrieben werden. "Das ist auch sehr durch die Roma-Community geprägt, weil das sehr familiäre Menschen sind. Deswegen bin ich total dankbar, dass wir hier arbeiten dürfen", sagt sie.

Laura Lindemann, Künstlerin in der Villa Wertvoll
Das negative Bild der Neuen Neustadt ist nicht gerechtfertigt, meint Laura Lindemann. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Starke Vernetzung der Akteure in der Neuen Neustadt

Auch in der "Villa Wertvoll" betont man, dass das negative Bild der Neuen Neustadt nicht gerechtfertigt ist. Im Gegenteil: Der Zusammenhalt sei riesig. Und auch die Akteure im Viertel sind eng vernetzt und arbeiten gemeinsam an einer bessern Zukunft für den Stadtteil.

Einer der wichtigsten Anziehungspunkte bleibt dabei der Moritzhof, der sich lange Zeit gar nicht als Stadtteilzentrum verstanden habe, wie Geschäftsführerin Katrin Gellrich erzählt. Das Kulturprogramm ziehe Menschen aus ganz Magdeburg und dem Umland auf den alten Bauernhof. Man erreiche damit aber eher das Bildungsbürgertum als die Menschen vor Ort. Familien mit Migrationshintergrund hätten große Berührungsängste, gibt sie zu. Seit 2018 möchte der Moritzhof das ändern und initiiert Stadtteilprojekte. Damit habe man sich mittlerweile eine Schlüsselrolle erarbeitet, so Gellrich.

Katrin Gellrich, Moritzhof
Katrin Gellrich, Geschäftsführerin des Moritzhofs, freut sich, dass die Stadtverwaltung die Neue Neustadt immer mehr in den Blick nimmt. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Kulturzentrum Moritzhof schafft Angebot für Roma-Community

Mit dem Polidrom will das Team vor allem ein Angebot für die Roma-Community schaffen. Die künstlerische Leiterin bringe ein entsprechendes Netzwerk mit, wodurch sich alle Beteiligten einen neuen Zugang erhoffen. Und auch, wenn Katrin Gellrich noch viele weitere Projektideen hat, sei das ganze immer eine Kapazitätsfrage – finanziell, personell, aber auch, was die Räumlichkeiten anbelange.

Trotzdem freut sie sich, dass in der Stadtverwaltung der Blick immer mehr auf dem Viertel liege und viele engagierte Menschen für die Neustadt eintreten, um dem negativen Bild etwas entgegensetzen. Auch sie sagt: "Die Neue Neustadt ist ein sehr lebendiger Stadtteil. Ich habe mich hier immer wohlgefühlt."

MDR (Sarah-Maria Köpf) | Erstmals veröffentlicht am 28.04.2024

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 28. April 2024 | 17:00 Uhr

21 Kommentare

Britta.Weber vor 4 Wochen

Was mich bei Beiträgen wie diesen stört ist die Tatsache, dass immer nur die Personen, die das Geld für das Projekt beziehen, sich lobend äußern.
Meine Heimatstadt liegt mir sehr am Herzen und ich hätte gern meine schöne alte Neustadt zurück.

DER Beobachter vor 4 Wochen

Sie meinen z.B. das Problem des in die tschechische Kultur nicht mehr integrationsfähigen Pöbels etwa der sogenannten "Arbeiterpartei" seit den 90ern dort, befördert auch dort durch einschlägige Politiker des politischen Randes, Maria?

SGDHarzer66 vor 4 Wochen

Allerdings! Machen sie einen Ausflug nach Duisburg-Marxloh, so rein kulturell. Dann erhalten sie einen kleinen Vorgeschmack für die Zukunft.
Herzliche Grüße aus dem Harz!

Mehr aus Magdeburg, Börde, Salzland und Harz

Mehr aus Sachsen-Anhalt