Publikum bei einem Chorauftritt 4 min
Premiere: Der MDR Rundfunkchor trat erstmal in einem Maßregelvollzug auf – in Uchtspringe bei Stendal. Bildrechte: MDR/Caro Büscher
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Im Maßregelvollzug in Uchtspringe bei Stendal fand erstmals ein klassisches Konzert statt. Auch für den MDR Rundfunkchor war der Auftritt in der forensischen Psychiatrie eine Premiere. Carolin Büscher berichtet.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 27.03.2024 11:45Uhr 04:04 min

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MDR Rundfunkchor Musik als Chance: Besonderes Konzert im Maßregelvollzug Uchtspringe

27. März 2024, 14:06 Uhr

Es ist für alle Beteiligten eine Premiere gewesen: Zum ersten Mal hat im Maßregelvollzug der forensischen Psychiatrie in Uchtspringe bei Stendal ein klassisches Konzert stattgefunden. Dort sind Menschen untergebracht, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankung straffällig wurden und sich daher nicht im juristischen Strafvollzug, sondern in einer medizinischen Einrichtung befinden. Der MDR Rundfunkchor sang neben der Musik von Bach und Händel auch ein Lied, das ein Patient komponiert hat.

Während sich der Chor noch einsingt, warten vor dem Gesellschaftshaus der Einrichtung in Uchtspringe schon die ersten Gäste. "Ich bin gespannt, wie sich der Chor anhört. Ich bin aufgeregt, muss ich ehrlich zugeben", sagt Thomas Müller. Er ist Patient in Uchtspringe. Zu seinem Schutz soll sein echter Name nicht genannt werden.

Bei dem Konzert heute spielt er eine besondere Rolle: Er hat ein Lied komponiert, das für den Rundfunkchor arrangiert wurde – und nun neben Bach und Händel Teil des Konzertprogramms ist.

Konzert für Patienten des Maßregelvollzug Uchtspringe

Die Idee zu dem Konzert hatte Musiktherapeutin Sandra Sinsch-Gouffi. Bei ihrer Arbeit komme es auf den richtigen Zugang an, sagt sie. Die meisten ihrer Patientinnen und Patienten haben bisher keine Berührungspunkte mit Musik und trauen sich nach ihren bisherigen Biographien wenig zu. Hinzu kommen die spezifischen Anforderungen ihrer Krankheiten.

Sandra Sinsch-Gouffi im Interview
Musiktherapeutin Sandra Sinsch-Gouffi hatte die Idee für das Konzert im Maßregelvollzug Uchtspringe. Bildrechte: MDR/Caro Büscher

"Gerade bei Schizophrenie ist - wenn man musikalisch arbeitet - zu beachten, dass die Zeitwahrnehmung doch sehr unterschiedlich ist. Das ist gerade bei rhythmischen Prozessen entscheidend", erklärt Sinsch-Gouffi. Bei Verhaltenstörungen sei es wiederum wichtig, sich an Regeln zu halten. "Musik ist ja auch einem gewissen Regelwerk unterworfen", so die Musiktherapeutin.

Musik kann wichtig für Resozialisierung sein

Auch auf die Sicherheitsbedingungen des Hauses muss geachtet werden – manche Saiteninstrumente etwa sind nicht erlaubt. Dabei bringt Sandra Sinsch-Gouffi den Menschen in Uchtspringe nicht nur das Spielen auf Instrumenten bei.

Eine Gesprächsgruppe sitzt im Zuschauerraum eines Chorauftrittes.
Der MDR Rundfunkchor spielte ein Konzert für Untergebrachte im Maßregelvollzug Uchtspringe bei Stendal. Bildrechte: MDR/Caro Büscher

Mit einigen Patienten komponiert sie auch. Die Musikangebote bieten nicht nur Freude. Sie können bei den Patienten auch für Selbstbewusstsein sorgen und Reflexionsprozesse vorantreiben und somit zu einer gelingenden Resozialisierung beitragen.

Konzert in der Psychiatrie – unter besonderen Umständen

Häufig wächst in der Therapie die Begeisterung für Musik und damit der Wunsch, ein "echtes" Konzert zu erleben. Doch die strikten Ausgangsbeschränkungen der psychiatrischen Einrichtung machen das schwer. Daher hat sich Sandra Sinsch-Gouffi an MDR-Clara gewandt, dem Vermittlungsprogramm von MDR KLASSIK.

Gemeinsam mit Ekkehard Vogler von MDR KLASSIK feilte sie an dem Programm. Dabei achteten sie besonders auf die Zusammenstellung: Neben Bach-Kantaten sollte auch "You'll never walk alone" erklingen – ein Abholen in der Lebenswirklichkeit der Patienten.

Hochgesicherter Maßregelvollzug in Uchtspringe
In Uchtspringe werden Menschen untergebracht, die aufgrund einer psychischen Erkrankung für ihre Taten nicht bestraft werden können, aber weiterhin gefährlich sind. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

Patient hat eigenes Stück komponiert

Mit dabei ist auch die Uraufführung des Stückes, das von Patient Thomas Müller selbst komponiert und getextet wurde. Sogar einen Preis hat es schon gewonnen. In "Neugeboren" geht es darum, Hoffnung im Glauben zu finden.

Ich bin auf dem Freihof im Maßregelvollzug immer Runden gedreht und hab mir das Lied dann einfallen lassen. Ich habe das aus Bibelversen zusammengesetzt […] und habe das dann zum Lied komponiert mit Melodie.

Patient Thomas Müller

Ganz berührt zeigt sich Thomas Müller nach dem Konzert. "Ich bin noch fassungslos", sagt er. Aber in der Musik und der Aufführung habe er auch wieder Selbstbewusstsein für seine eigene Zukunft gefunden.

Forschung zu Musik im Maßregelvollzug

Das Konzert war zwar eine einmalige Sache, es wird Musiktherapeutin Sandra Sinsch-Gouffi aber weiter beschäftigen. Sie promoviert zu dem Thema der Auswirkungen von Musikangeboten im Maßregelvollzug – ein bisher weißer Fleck in der Psychotherapie. Die Arbeit mit dem MDR Rundfunkchor fließt auch in ihre Dissertation ein.

Redaktionelle Bearbeitung: vp

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. März 2024 | 06:15 Uhr

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