Fakt ist! aus Erfurt Bildungsminister Holter: Unser Schulsystem ist verknöchert

17. Januar 2023, 10:54 Uhr

1.700 Lehrer fehlen in Thüringen, fast jede zehnte Unterrichtsstunde fällt aus. In den Schulen baden Schüler gerade aus, was die Politik über Jahre versäumt hat. Wie geht es weiter? Darüber sprachen die Gäste am Montagabend bei FAKT IST! aus Erfurt.

Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) hat das Schulsystem in seiner jetzigen Form als "Asbach uralt und verknöchert" bezeichnet. Im MDR-Polittalk FAKT IST! aus Erfurt sagte der 69-Jährige, es sei etwas aufgebaut worden, was nicht mehr in die moderne Welt passt. "Und da müssen wir ran!"

Neben Holter diskutierten Landeselternsprecherin Claudia Koch, Bildungsforscher Dirk Richter von der Universität Potsdam und Heike Schimke vom Philologenverband sowie einige Lehrer, Schüler und Seiteneinsteiger im Publikum, wie wir aus der prekären Lage aus Unterrichtsausfall und Lehrermangel herauskommen.

Vorneweg wurden erst einmal Noten verteilt: Für die Thüringer Bildungspolitik hagelte es im Studio Vierer und Fünfer. Das deckte sich mit der Befragung von MDRfragt im Vorfeld der Sendung. Rund 6.000 Thüringer beteiligten sich bei der Frage nach der Bildungspolitik im Land. Notenschnitt: 4,4. Gerade so versetzt.

Keine neuen Lehrer eingestellt

Das Land hat in der Vergangenheit so einiges unternommen, um Lehrer nach Thüringen zu locken: Wiedereinführung der Verbeamtung, mehr und durchgehende Einstellungstermine für Lehrer und Referendare, Angleichung der Lohn- und Besoldungsstufen zwischen den Schulformen, ein Bewerbungsportal im Netz, Plakate auf Bussen - um nur einiges zu nennen. Dennoch fehlen in diesem Schuljahr rund 1.700 Lehrkräfte. Fast jede zehnte Stunde fällt aus.

Die Ursachen sind hinlänglich bekannt: Zum einen gehen jetzt jene Jahrgänge in den Ruhestand, die nach der Wende eingestellt wurden. Zum anderen versäumte es die Thüringer Politik über Jahre, neue Lehrer einzustellen. Spätestens seit 2013 wurde dies zum Problem. Denn während die Zahl der Schülerinnen und Schüler seit den Neunzigerjahren sank, steigt sie seit 2009 wieder langsam an. Die Zahl der Lehrer sank hingegen immer weiter. Seitdem scheint die (Personal)Not an den Schulen von Jahr zu Jahr größer zu werden. Hinzu kommt: Thüringen konkurriert mit anderen Bundesländern, denn auch anderswo werden händeringend Lehrer gesucht.

Bildungsminister Holter hat sich mit seinem Ministerium mehrere Rezepte überlegt, die etwas Entspannung in die Bildungseinrichtungen bringen sollen:

  1. Mehr Hybrid-Unterricht, also Schulstunden per Videoschalte
  2. Freiwillige Mehr-Arbeit: Lehrer sollen länger arbeiten oder von Teilzeit in Vollzeit wechseln
  3. Pensionierte Lehrer zurückholen - Klassenraum statt Ruhestand
  4. Mehr Seiteneinsteiger - Lehrer werden auch ohne klassisches Lehramtsstudium

Online-Unterricht in den Schulen

In der Corona-Krise fand der Unterricht über lange Zeiträume gezwungenermaßen per Videokonferenz statt. Die Schüler saßen daheim, ebenso die Lehrer. Diesen "Digitalisierungsschub" will sich Holters Ministerium jetzt zunutze machen. Doch ganz so wie in der Pandemie funktioniert das Ganze nicht. Statt Unterrichtsausfall sitzen die Schüler in der Klasse und verfolgen den Ausführungen eines zugeschalteten Lehrers, der beispielsweise von einer anderen Schule aus mehrere Klassen unterrichtet. "Der Präsenzunterricht soll nicht ersetzt werden", sagt Holter. Vielmehr solle Online-Unterricht Bestandteil des Systems werden, wenn es beispielsweise personell klemmt.

Die Gäste und Zuschauer im Studio lehnen diese Form zwar nicht grundsätzlich ab, hatten aber Fragen: Landeselternsprecherin Claudia Koch nannte ein Beispiel, wo es klappt. Aber: Der persönliche Kontakt zu den Schülern breche ab. Wer soll sie im Blick behalten? Und aus Lehrersicht: Wie sollen Arbeiten korrigiert werden, wenn 100 Schüler gleichzeitig unterrichtet werden? Es reiche nicht aus, einfach Kameras aufzustellen, so Koch. Digitales Lernen erfordere ein richtiges Konzept.

Zudem hätten nicht alle Schulen die technischen Geräte für Übertragungen, sagte Heike Schimke vom Philologenverband. "Wer passt auf, dass Schüler nicht über Bänke springen?", fragte sie weiter. Finde der Online-Unterricht in der Schule statt, bräuchte es wiederum Aufpasser - wenn auch nicht unbedingt pädagogisches Fachpersonal. Bildungsminister Holter entgegnete, dass natürlich die Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssten, sowohl persönlich auf Seiten der Lehrer als auch rechtlich, Stichwort Datenschutz. Um zu reformieren, müssten die Schulen dann auch mehr Eigenverantwortung übertragen bekommen.

Lehrer könnten mehr arbeiten

Ein weiterer Baustein könnte Holter zufolge sein, dass jetzige Lehrerinnen und Lehrer einfach ihre Wochenstundenzahl hinaufschrauben. Er wolle das mit dem Philologenverband und der Bildungsgewerkschaft beraten. Angehende Lehrer sollen ihre Vorbereitungszeit außerdem gezielt in Regionen verbringen, wo die Not besonders groß ist - beispielsweise auf dem Land. Ersteres klinge von der Grundidee nett, sagte Schimke. Die Älteren arbeiteten aber bereits Vollzeit und an der Belastungsgrenze. "Die Allerwenigsten würden sagen, 'ich arbeite noch ein paar Stunden mehr'."

Jüngere Kollegen ziehe es dagegen immer mehr in Richtung Teilzeit. Deshalb müsse auch gesehen werden, wie Lehrer mit Familie unterstützt werden können, sagte Schimke. Der Bildungsminister wendete ein: Da, wo Familien Kinder erziehen oder Angehörige gepflegt werden, könne er das verstehen. Mit Kollegen, wo das nicht der Fall ist, müsse allerdings besprochen werden, was der Grund für den Teilzeitwunsch ist.

Über die Rente hinaus weiterarbeiten?

Laut dem Bildungsforscher Dirk Richter sollte freiwillige Mehrarbeit ebenso angeboten werden wie die Möglichkeit, auch nach Renteneintritt weiter zu lehren. Für Heike Schimke wäre das persönlich keine Option. Sie kenne auch nicht viele, die das vorhätten. "Die Arbeitsbedingungen sind so verschleißend. Viele Kollegen sagen, wir möchten hier raus - und zwar gesund und mit Leib und Seele." Lieber solle der Beruf für junge Menschen schmackhaft gemacht werden. Auch die Bezahlung respektive Einstufung sei ein wichtiges Thema für die Berufswahl. Denn über die Stufe E 13/ A 13 ginge es nicht hinaus.

Seiteneinsteiger als Lösung?

Nach Angaben Holters hat das Land Thüringen in diesem Schuljahr 240 Seiteneinsteiger in den Schuldienst gebracht. Behutsam heranführen müsse man sie, beispielsweise mit Mentoren. Und eine Perspektive mit unbefristeten Stellen müsse den Lehrern ohne klassisches Lehramtsstudium geboten werden. Auch Absolventen von Fachhochschulen könnten jetzt Quereinsteiger werden, so Holter. Wer Ingenieurwissenschaft studiere, könne Mathe, Physik oder Chemie lehren.

"Wir brauchen sie und es sind tolle Leute, die an Schulen arbeiten", sagte Bildungsforscher Richter mit Blick auf die Seiteneinsteiger. Er forderte bundesweit einheitliche Regeln: Für Lehrer gelten bundesweite Standards, beim Seiteneinstieg handhabe dies jedes Bundesland anders - ein Flickenteppich. "Das muss sich ändern."

Gute Erfahrungen mit Seiteneinsteigern hat Julia Durner, Schulleiterin einer Eisenacher Regelschule, gemacht. Gleich fünf Lehrkräfte, die diesen Weg gegangen sind, unterrichten gegenwärtig an ihrer Schule. Allerdings müssten sie herangeführt werden. 26 Wochenstunden, dazu ein zusätzlicher Tag Nachqualifizierung, an dem Didaktik und Pädagogik nachgeholt werden, seien zu viel für den Start.

Seiteneinsteiger aus Kanada soll erst Englisch studieren

Im FAKT IST!-Publikum saß auch der ein oder andere erfolgreiche Seiteneinsteiger und berichtete von seinem Weg. Da war der Maschinenbauer Joseph Temolé aus Hessen, der jetzt in Eisenach aus Leidenschaft Mathematik unterrichtet und dafür täglich 100 Kilometer pendelt. Und da saß der Lehrer Daniel Brady aus Kanada, der jetzt in Struth im Unstrut-Hainich-Kreis Englisch, Chemie und Sozialwissenschaft unterrichtet und mit einer Anekdote für Gelächter sorgte: Obwohl er in Kanada ein klassisches Lehramtsstudium absolvierte, wird der Abschluss hier nicht anerkannt. Er müsse nochmal ein fünfjähriges Englischstudium absolvieren, wurde unter anderem gefordert.

Holter versprach, dafür eine Lösung zu finden und andere Verwaltungshürden bei der Kultusministerkonferenz in diesem Jahr anzugehen - eben jenes verknöcherte Schulsystem, von dem er sprach, zu sanieren. Neben all den Ideen, die zusammen kombiniert den Lehrermangel und Unterrichtsausfall in Thüringen kurzfristig abmildern sollen, müsse der Blick allerdings aufs klassische Studium gerichtet werden. Holter: "Leute, studiert Lehramt."

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Quelle: MDR (sar)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Fakt ist! aus Erfurt | 16. Januar 2023 | 22:10 Uhr

86 Kommentare

maddin am 18.01.2023

@knarf
Also habe ich es doch korrekt verstanden, wunderte mich schon ein wenig. Daher sicherheitshalber noch einmal nachgefragt - aber nun sind ja alle Unklarheiten beseitigt.

knarf am 18.01.2023

maddin:Sie werden doch nicht hoffentlich genau so Schwierigkeiten wie OOOO haben den Text von Beobachter zu verstehen?Kann ich mir nicht vorstellen denn OOOO will es nicht verstehen!Die Betonung liegt auf scheint!

maddin am 18.01.2023

@DER Beobachter und @knarf
Toll, willkommen also im Lehrer-„Paradies“ Thüringen. Nur scheinen Theorie und Praxis - mal wieder - nicht so ganz zusammenzupassen, denn massenhafte Bewerbungen für Lehrerstellen - vor allem für die so innig „beliebten“ Regelschulen - scheinen ja nun doch nicht vorzuliegen! Auch nicht von den sogenannten „Quereinsteigern“.

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