Ein Mann schaut in eine Kamera.
18 Jahre lang Landrat des Wartburgkreises: Reinhard Krebs (CDU). Nun kann er aus Altersgründen nicht wieder antreten. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Wartburgkreis: Bilanz nach 18 Jahren Der Landrat und sein "Vielvölkerstaat"

01. Mai 2024, 16:14 Uhr

So richtig kann man es kaum glauben, dass Reinhard Krebs (CDU) demnächst aus Altergründen als Landrat des Wartburgkreises aufhört - so sehr steht er mitten in allen Themen, engagiert sich für Schulen wie Radwege. Streitet, obwohl er sich allmählich gelassen zurücklehnen könnte. Aber das wäre seine Sache nicht. Krebs sieht sich als Unternehmer - seine Firma: der Wartburgkreis. Es ist der größte und einwohnerstärkste Thüringer Landkreis.

Geht es um den Wartburgkreis, gerät Landrat Reinhard Krebs (CDU) schnell ins Schwärmen. Der sei nicht nur von Fläche und Einwohnerzahl her der größte in Thüringen - er zeichne sich auch durch große Vielfalt aus. Wie ein "Vielvölkerstaat" sei ihm der Landkreis manchmal vorgekommen - von der Rhön über den Thüringer Wald bis in den Hainich und ins Werratal. Manche Bewohner im Norden wüssten gar nicht, dass die Rhön noch zum Landkreis gehört - so wie umgekehrt einige Menschen im Südkreis den Nationalpark Hainich nicht kennen. Sie alle miteinander zu vernetzen, das sah Krebs als wichtige Aufgabe an.

Denn der Wartburgkreis ist keineswegs ein historisches Gebilde. Zu DDR-Zeiten gehörte das Gebiet zu zwei unterschiedlichen Bezirken: Erfurt und Suhl. Aus zwei Landkreisen entstand einer, dann wurde Eisenach für viele Jahre kreisfrei, um zuletzt wieder zurückzukehren in den Wartburgkreis. In diese Fusion hat Krebs viel Zeit investiert, in der Hoffnung, dass das den Landkreis insgesamt stärken werde. Aber auch die Stadt, wie er betont: "Eisenach kann sich toll entwickeln, weil es nun den finanziellen Spielraum dafür bekommen hat."

"Mit Leib und Seele Landwirt"

18 Jahre lang war Reinhard Krebs Landrat, ein engagierter Kommunalpolitiker, der überaus viel Zeit in das Amt investiert hat - am Schreibtisch, in der Verwaltung, aber auch unterwegs im Land bei vielen repräsentativen Aufgaben. Vorher leitete er rund zehn Jahre lang das Landwirtschaftsamt in Eisenach. "Ich war mit Leib und Seele Landwirt - und hätte das auch weitergemacht." Aber dann wurde er gefragt, ob er sich das Amt des Landrats vorstellen könnte. Er konnte - denn Politik hatte ihn schon früher interessiert.

Der Weimarer, Jahrgang 1959, hatte nach Bad Liebenstein geheiratet, wo er sich in der Kirchengemeinde engagierte. Zusammen mit einem Mitstreiter regte er 1987 einen Gesprächskreis an, um den ökumenischen Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung vor Ort zu verankern. Daraus wurde eine Gesprächsreihe, aus der 1989 eine Ortsgruppe von "Demokratie jetzt" entstand. Den späteren Zusammenschluss zu Bündnis 90/Die Grünen ist Krebs - anders als andere - nicht mitgegangen. Als Landwirt habe er ein Problem mit grünen Positionen gehabt, sagt er, blieb vorerst parteilos und wurde erst als Landrat CDU-Mitglied.

Ich war mit Leib und Seele Landwirt - und hätte das auch weitergemacht.

Reinhard Krebs

Aus Familientradition: Gegen extreme Rechte und Linke

Krebs sieht sich aber auch in einer familiären Tradition: Sein Großvater war einst Bürgermeister in Eisfeld im Landkreis Hildburghausen - bis Anfang 1933, als ihn die Nationalsozialisten abgesetzt hätten, erzählt er. Damals, so wurde ihm überliefert, habe auch ein Stadtratsmitglied der KPD mitgestimmt. Deshalb sei man in der Familie immer gegen die extreme Rechte und Linke gewesen und für demokratische Verhältnisse eingetreten. "So bin ich aufgewachsen und das wollte ich einfach in der Linie weiterführen."

Für das Amt brachte Krebs einiges mit: Er hatte schon eine - wenn auch deutlich kleinere - Behörde geleitet, kannte viele, die im Landratsamt arbeiteten, und war bereit, politische Verantwortung zu übernehmen und zu gestalten. Nach der Deutschen Einheit habe vieles am Boden gelegen, sagt er. Eine "Schrecksekunde" war der Wahlsieg 2006 also nicht. Aber Krebs war schon bewusst, wie viel Verantwortung am Landkreis hängt, der beteiligt ist an zwei Kliniken, am Nahverkehr, an der Abfallentsorgung - und für die Schulen zuständig ist.

Das dichteste Schulnetz in Thüringen

Gerade die Schulen waren dem Landrat in seiner Amtszeit besonders wichtig. Der Wartburgkreis verfüge für rund 12.000 Schülerinnen und Schüler über das dichteste Schulnetz in Thüringen, stellte er unlängst bei einer Einweihung in Dippach fest. In die derzeit 55 Schulen seien in den vergangenen 30 Jahren 250 Millionen Euro geflossen. Die Aufgaben seien "überwiegend geschafft", sagt Krebs. Nun gehe der Landkreis das Berufsschulzentrum Eisenach an - "eine Riesenchance für die Region". Junge Menschen in der Region zu halten, sie hier ins berufliche Leben zu bringen, "das ist das Schönste, was es gibt".

Wichtig war ihm auch, gemeinsam mit den Bürgermeistern mit einer guten Infrastruktur den Rahmen zu setzen für die wirtschaftliche Entwicklung der Region. Den Aufbau der Wirtschaftsförderung sieht er als Erfolg, ebenso die vergleichsweise niedrige Kreisumlage. Besondere Herausforderungen der Amtszeit? Das, was "von außen auferlegt wurde" - die Folgen der ersten Flüchtlingsbewegung von 2015. Er sei viel herumgereist, habe diskutiert, das sei zuweilen hart gewesen. "Aber auch erfüllend, weil ich viele Menschen kennengelernt habe, die auch bereit waren, zu unterstützen."

Im Moment stehe ich noch voll im Saft, als würde ich noch zehn Jahre arbeiten.

Reinhard Krebs

Ausdauer-Job trotz Schwerbehinderung

Zu den Höhepunkten in der Amtszeit zählt Krebs das Reformationsjubiläum 2017. Aber so richtig, gibt er zu, hat er noch gar nicht Bilanz gezogen. "Im Moment stehe ich noch voll im Saft, als würde ich noch zehn Jahre arbeiten." Das könnte er sich inhaltlich auch gut vorstellen, sagt der 65-Jährige. Aber zum einen darf er wegen des Alters nicht erneut antreten, zum anderen verweist er auf seine Schwerbehinderung. Vor zwölf Jahren erkrankte Krebs an Multipler Sklerose. "Das ist mitunter eine Herausforderung." Die Sturzgefahr sei immer da - sie steige durch Druck.

Nach 18 Jahren als Kommunalpolitiker kennt der Landrat die persönlichen Kosten für das Amt genau. Immens seien die, sagt er knapp. Lange Arbeitstage, Termine an den Wochenenden. "Man ist im Prinzip wie ein Unternehmer für das eigene Unternehmen unterwegs. Das ist vergleichbar." Nun warten Ehrenämter. Krebs will sich weiter engagieren beispielsweise im Beirat der Wartburg-Stiftung, bei der Deutschen Multiple Sklerose-Gesellschaft und in der Stiftung Bürger für Thüringer Schlösser und Burgen.

Unterwegs mit dem Rad und VW-Bus

Vor allem aber will er sich wieder mehr bewegen, sein dreirädriges Fahrrad nutzen, das er hinten in den gerade erworbenen VW-Bus schieben kann. "Dann fahre ich durch die Lande, das ist das Größte, was es gibt." Vielleicht nach Frankreich, wo er schon als Leiter des Landwirtschaftsamtes nach besonderen Rinderrassen Ausschau gehalten hat. Und im Winterhalbjahr wartet "der halbe Bücherschrank, den ich noch nicht gelesen habe. Zuhause komme ich zu nichts."

Was er dem Nachfolger auf den Weg gibt? Als Landrat für alle da zu sein, die demokratischen Kräfte miteinander im Gespräch zu halten, den "tollen Kreis" weiter zu entwickeln. "Streit können wir nicht gebrauchen, extreme Ausprägungen sowieso nicht."

Bis Juni 2024 endet aus Altersgründen die Amtszeit für eine ganze Reihe sehr erfahrener Kommunalpolitiker in Thüringen, die ihre Region geprägt haben. Wir stellen die Männer und Frauen und was sie geleistet haben in einer Serie vor.

MDR (rom)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit | 01. Mai 2024 | 18:00 Uhr

6 Kommentare

MDR-Team vor 11 Wochen

Hallo Erichs Rache, es ist die Unterscheidung zum eher rechtlichen Gebrauch des Begriffs, also Ethnien/Nationalitäten, während es hier nicht ganz so ernst nur regionale "Völkerschaften" sind - bei allen Unterschieden zwischen Rhönern, Eisenachern und Fast-Eichsfeldern im Norden.

Erichs Rache vor 11 Wochen

@Thomas S

Und ich hab mich - auch vom @MDR - belehren lassen:

Es gibt keine "Eichsfelder"

Es gibt nur Menschen, die zufällig im Eichsfeld wohnen

Thomas S. vor 11 Wochen

In Heyerode und Wendhausen leben keine Fast-Eichsfelder, sondern Eichsfelder.

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