Sachbuch-Empfehlung Remo Largos Plädoyer für mehr Zusammenhalt

Der Schweizer Kinderarzt Remo H. Largo hat mit "Babyjahre" und "Kinderjahre" Klassiker der Erziehungsliteratur geschrieben. In seinem neuen Buch "Zusammen leben" schlägt er gesellschaftliche Veränderungen vor, die nötig sind, damit jede und jeder Einzelne sich entfalten kann.

Remo H. Largo: Zusammen leben. Das Fit-Prinzip für Gemeinschaft, Gesellschaft und Umwelt, Buch, Cover
Bildrechte: S. Fischer

Während ich das Buch lese, toben im Garten nebenan die Kinder. Es ist Corona-Zeit – zu-Hause-Arbeit-Zeit, für viele Menschen. Noch immer wohl ein etwas ungewohnter Alltag. Durch die große Hecke kommt ein Schwall Lachen, einzelne Stimmen, Schreien, Rufen – der Kindergarten ist wieder ein Ort von erlebbarer Gemeinschaft.

Und wie erleben wir in diesen Zeiten Gemeinschaft? Remo H. Largo fragt mit seinem neuesten Buch "Wie leben wir Gemeinschaft?". Der Gedanke dazu entstand, bevor Corona uns Gemeinschaften entzog.

Autor mehrerer Klassiker der Erziehungsliteratur

Der Kinderarzt, Entwicklungs-Forscher, Buchautor ist im 77. Lebensjahr, kennt Ruhm und internationale Ehren, lebt auf dem Land bei Zürich als Vater, Großvater, hat an der Universitäts-Kinderklinik Zürich über Jahre hinweg 900 Kinder in ihrem Aufwachsen von der Geburt bis ins Erwachsenenalter begleitet, tausende Daten gesammelt, in einer einmaligen Studie ausgewertet, weiß fast alles über sprachliche, motorische, soziale, psychische Entwicklung von Kindern bis ins Erwachsenenalter – weltweit beachtete Bücher wie "Babyjahre", "Kinderjahre", "Jugendjahre" sind daraus entstanden – alle Bestseller.

Das nun Vorliegende ist das schmalste mit 200 Seiten, in lavendellila – einer Farbe, die für Leidenschaft steht und der heilsame Wirkkraft zugeschrieben wird. Ein Buch wie eine Botschaft, konzentriert auf das Eine:

Aus "Zusammen leben" von Remo H. Largo

"Wir haben einen weltumspannenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebensraum geschaffen, dessen soziale, kulturelle und ökonomische Komplexität wir immer weniger durchschauen, der uns zunehmend überfordert und in dem wir vereinsamen."

Einsamkeit ist ein wachsendes Problem

Eine Frau sitzt nachts auf der Couch und schaut in ihren Laptop.
Einsamkeit ist ein Problem in vielen Gesellschaften. Bildrechte: imago images / photothek

In der Schweiz, schreibt Remo H. Largo, fühlt sich jeder dritte Mensch einsam. In England gibt es eine Ministerin gegen Einsamkeit. Und auch hierzulande wird heftig gesucht und sich gesehnt nach neuen Formen des Miteinanders, von nichtfamiliären Netzwerken ist die Rede, von Nachbarschaft leben und Verbundensein. Es scheint, Individualität als hohes Gut ist erst dann geschätzt, wenn die Spiegelung im Gegenüber da ist: einer wie auch immer gestalteten Art von Zusammensein.

Aus "Zusammen leben" von Remo H. Largo

"Wenn wir seelisch nicht verkümmern wollen, müssen wir zu einem Zusammenhalt zurückfinden, in dem Emotionen und Werte, wie zwischenmenschliche Wärme und Fürsorglichkeit, auf die wir für unser Wohlbefinden so angewiesen sind, wieder leben können."

Bei Remo H. Largo lesen sich solche kausalen Sätze nicht wie Sozialromantik – sein dringliches Anliegen, diese Zusammenhänge wahrzunehmen, handelnd wenn möglich, ergeben sich für ihn berechtigt aus einer Art wissenschaftlicher Inventur. Er hat Kinder aufwachsen sehen – unter den unterschiedlichsten Bedingungen, sie begleitet ins Erwachsenenleben. Und er weiß, genau, wovon er redet.

Largo definiert unverzichtbare Grundbedürfnisse

Damit auch wir es verstehen, hat er klar sortiert und geordnet – sechs Grundbedürfnisse, die jedem Menschen innewohnen, von körperlicher Integrität über Geborgenheit bis zur Selbstentfaltung, und acht Kompetenzen, wie sprachliche, zeitlich-planerische, soziale – mit denen wir in der Lage sind, unsere Grundbedürfnisse befriedigen zu können – nicht im luftleeren Raum, sondern in einer Natur und Umwelt, die das ermöglicht.

Aus "Zusammen leben" von Remo H. Largo

"Wie also müssen wir zukünftig unser Leben gestalten, damit wir immer noch die Grundbedürfnisse befriedigen können, aber der Umwelt und Natur keinen Schaden mehr zufügen?"

Ein kleiner Junge sieht durch zwei Lupen
Auch Kinder haben Grundbedürfnisse. Bildrechte: imago images / epd

Und jedes Kind und jeder Erwachsene hat ein Recht darauf, auf sein ganz einzigartiges, sein passendes Leben. So einfach, wie es da aufgeschrieben steht – so vielfach kompliziert und problematisch und katastrophal ist es in der Realität.

Da wird der Kinderarzt zum Gesellschaftskritiker – sei es, wenn er in die Schulen schaut, wo Kinder mit ihrer Einzigartigkeit eben nicht wahrgenommen werden, oder wenn er in die Welt guckt.

Aus "Zusammen leben" von Remo H. Largo

"Wenn die Menschen ihre Grundbedürfnisse ausreichend befriedigen können, werden auch Vertreibung und Migration, Gewalt und kriegerische Auseinandersetzungen ein Ende haben."

Zukunft gelingt nur mit Solidarität

Remo H. Largo hat in hunderte Kinderseelen schauen können, da steht es ihm zu, uns diese Sehnsuchtsvision anzubieten. Und konkrete Vorschläge dann auch.

Aus "Zusammen leben" von Remo H. Largo

"Wir müssen mit unseren Grundbedürfnissen umgehen lernen, und das geht wiederum nur, wenn wir uns solidarisch verhalten."

Solidarisch: ein Wort, das er in freundlicher Beharrlichkeit niederschreibt – nicht als Appell gemeint, mehr als Erkenntnis, genauso bezogen auf die Wirtschaft wie auf  einen kompetenten Staat und die Basisdemokratie – und immer mit Blick in eine enkeltaugliche Zukunft.

Angaben zum Buch Remo H. Largo: "Zusammen leben. Das FIT-PRINZIP für Gemeinschaft, Gesellschaft und Natur"
Verlag S. Fischer
207 Seiten, 17,00 Euro (gebunden)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. August 2020 | 08:10 Uhr