Ein Teilnehmer einer Kundgebung im Zentrum der Stadt hält eine Kerze und eine israelische Fahne in seiner Hand
Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel suchen immer mehr jüdische Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen Beratung – sowohl aufgrund der Situation in Israel als auch nach antisemitischen Vorfällen in Deutschland. Bildrechte: picture alliance/dpa/Hendrik Schmidt

Angriff auf Israel Antisemitismus, Bedrohung und Angst: Beratungsbedarf hat sich vervielfacht

Maren Wilczek, MDR SACHSEN-ANHALT

19. November 2023, 12:47 Uhr

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gibt es seit dem 7. Oktober mehr Fälle von Antisemitismus. Das zeigen aktuelle Zahlen und Beobachtungen von Innenministerien, Meldestellen und Beratungsangeboten. Immer mehr Jüdinnen und Juden suchen seit dem Angriff auf Israel Unterstützung – sowohl aufgrund der aktuellen Situation als auch nach antisemitischen Vorfällen. Die Beratungsstellen fordern mehr Ressourcen für ihre Arbeit.

Bild einer jungen Frau
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In Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen hat es seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober mehr Angriffe und Äußerungen gegeben, die sich gegen Jüdinnen und Juden richten. Auch die Zahl der Menschen, die nach antisemitischen Vorfällen Unterstützung suchen, ist deutlich gestiegen. Das zeigt eine Recherche von MDR SACHSEN-ANHALT auf Grundlage von Daten und Einschätzungen der Innenministerien, Meldestellen und Beratungseinrichtungen in den drei Ländern.

Die RIAS-Meldestellen in Deutschland haben zwischen dem 7. und 15. Oktober mit 202 verifizierten antisemitischen Vorfällen mehr als dreimal so viele Fälle erfasst wie im gleichen Zeitraum 2022. Bundesweit haben sich die Anfragen bei der Fachberatungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung, OFEK, nach Angaben von Geschäftsführerin Marina Chernivsky im ersten Monat verzwölffacht.

Beratung meist nach antisemitischen Vorfällen

In Sachsen-Anhalt hat sich die Nachfrage bei OFEK, die einen Standort in Halle hat, laut Chernivsky seit dem 7. Oktober verfünffacht. In den meisten Fällen gehe es dabei um Beratung nach antisemitischen Vorfällen. "Es gibt aber auch Beratungsanfragen, die auf die allgemeine Situation bezogen sind, die mit Angst, Wut oder Verunsicherung einhergehen", erklärte Chernivsky.

Marina Chernivsky, Geschaeftsfuehrung, OFEK e.V., Leitung des Kompetenzzentrums fuer Praevention und Empowerment der Zentralwohlfallstelle der Juden in Deutschland
Marina Chernivsky ist Geschäftsführerin der bundesweiten Fachberatungsstelle OFEK. Bildrechte: IMAGO / IPON

Grundsätzlich sei der 7. Oktober eine tiefe Zäsur für viele Jüdinnen und Juden in Deutschland. Sie erleben eine doppelte Belastung, so Chernivsky: Durch den enthemmten terroristischen Angriff und dessen Folgen und durch den Antisemitismus und die Sicherheitsbedrohung hierzulande.

Verstärkt Fälle an Schulen und auf Demos in Sachsen und Sachsen-Anhalt

Ähnlich wie in Sachsen, wo OFEK eine Beratungsstelle in Dresden hat, verdichten sich antisemitische Vorfälle Chernivsky zufolge in Sachsen-Anhalt vor allem an Schulen. Aber auch rund um Demonstrationen oder in der Nachbarschaft komme es zu Vorfällen. "Wir sehen, dass im Kontext von Rechtsextremismus, der in Sachsen und Sachsen-Anhalt deutlich in Erscheinung tritt, Antisemitismus durch die aktuellen Ereignisse befeuert wird", sagte Chernivsky.

Wir sehen, dass im Kontext von Rechtsextremismus, der in Sachsen und Sachsen-Anhalt deutlich in Erscheinung tritt, Antisemitismus durch die aktuellen Ereignisse befeuert wird.

Marina Chernivsky, Geschäftsführerin von OFEK

In Sachsen wurden nach Angaben des Innenministeriums seit dem 7. Oktober 92 politisch motivierte Straftaten registriert, die im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt stehen, etwa jede dritte davon rund um Demonstrationen. Inwiefern die Taten einen antisemitischen Hintergrund haben, muss einem Sprecher zufolge allerdings noch abschließend bewertet werden. Insgesamt habe man im Jahr 2023 bislang 133 antisemitische Straftaten in Sachsen registriert.

Warum nur vorläufige Zahlen zu antisemitischen Vorfällen vorliegen ⬇️

Den Innenministerien in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen liegen nur vorläufige Daten zu antisemitischen Straftaten vor, weil es sein kann, dass Vorfälle später nachgemeldet werden oder dass die Staatsanwaltschaften sei anders bewerten als zunächst erfasst wurde.

Auch die Melde- und Beratungsstellen können ihre Statistik nicht tagesaktuell gültig führen. So teilt die Meldestelle RIAS Thüringen mit, dass alle Daten vor der Veröffentlichung ein Prüfverfahren durchlaufen. Der Bundesverband RIAS hatte zuletzt am 18. Oktober eine Übersicht über die Vorfälle veröffentlicht, die die beteiligten Meldestellen in den Bundesländern zwischen dem 7. und 15. Oktober dokumentiert und verifiziert haben. Weil das Meldeaufkommen jedoch deutlich gestiegen sei und nicht alle Fälle abschließend geprüft werden könnten, stelle der Bericht jedoch nur einen vorläufigen Ausschnitt dar.

Bei den Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie Sachsen e.V. (RAA) nehme man ein erhöhtes Bedrohungsgefühl von Jüdinnen und Juden wahr, teilte eine Projektkoordinatorin auf Anfrage des MDR mit. Das Projekt "Support", das Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt Beratung berät, stelle aktuell einen erhöhten Bedarf danach fest.

Sachsen-Anhalt: 24 antisemitische Delikte in knapp einem Monat

In Sachsen-Anhalt wurden nach Angaben des Landesinnenministeriums vom 7. Oktober bis zum 5. November 24 Straftaten registriert, die als antisemitisch beziehungsweise antiisraelisch eingestuft werden. Beim Großteil handelte es sich demnach um Volksverhetzung (14 Fälle), in vier Fällen um Sachbeschädigung und in jeweils zwei Fällen um Bedrohung oder das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen. Zudem habe es eine antisemitische Beleidigung und einen Diebstahl gegeben. Gewaltstraftaten habe man nicht registriert.

Die bislang erfassten Daten können sich dem Ministerium zufolge noch durch Nachmeldungen oder Bewertungen der Staatsanwaltschaft ändern. Es sei daher nicht möglich, sie vollständig auszuwerten oder mit den Fallzahlen des laufenden Jahres zu vergleichen. Die vorläufige Zahl von 24 erfassten Straftaten in knapp einem Monat ist allerdings doppelt so hoch wie der monatliche Durchschnitt im vergangenen Jahr. Den Angaben zufolge wurden 2022 in Sachsen-Anhalt 144 antisemitische Straftaten erfasst – im Schnitt also zwölf pro Monat.

Generell haben antisemitische Vorfälle, mit und ohne Straftatbestand, laut Beobachtungen von Melde- und Beratungsstellen in den drei Ländern zugenommen. In Sachsen-Anhalt hat die Meldestelle RIAS nach eigenen Angaben vom 7. Oktober bis zum 1. November 17 antisemitische Vorfälle mit Bezug zum Terrorangriff der Hamas auf Israel registriert. 2022 seien es im gleichen Zeitraum zwei gewesen. Insgesamt hatte RIAS in Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr 47 Fälle registriert.

Definition: Was ist Antisemitismus? ⬇️

Antisemitismus ist, so fasst es der Politikwissenschaftler und Soziologe Armin Pfahl-Traughber in einem Text für die Bundeszentrale für politische Bildung (Bpb) knapp zusammen, "Feindschaft gegen Juden als Juden".

Demnach ist Antisemitismus ein Sammelbegriff für Einstellungen und Verhaltensweisen, die Jüdinnen und Juden negative Eigenschaften zuschreiben – mit der Begründung, dass sie jüdisch sind. Diese Unterstellung rechtfertige wiederum die Abwertung, Benachteiligung, Verfolgung bis hin zur Vernichtung jüdischer Menschen.

Erscheinungsformen von Antisemitismus ⬇️

Antisemitismus tritt auf unterschiedliche Arten auf. Die Meldestelle RIAS Sachsen-Anhalt unterscheidet bei ihrer Dokumentation fünf verschiedene Erscheinungsformen:

Post-Shoah-Antisemitismus: Diese Form wird auch als sekundärer Antisemitismus bezeichnet. Dazu zählen Fälle, in denen der Holocaust geleugnet oder verharmlost wird sowie Angriffe auf die Erinnerung an NS-Verbrechen.

Antisemitisches Othering: Othering ist eine Form der Ausgrenzung, bei der Menschen – in diesem Falle Jüdinnen und Juden – zu "Anderen" erklärt und als fremde Gruppe dargestellt werden.

Moderner Antisemitismus: Unter modernen Antisemitismus fallen verschwörungsideologische Behauptungen wie die einer angeblichen jüdischen Allmacht oder Weltverschwörung.

Israelbezogener Antisemitismus: Bei dieser Erscheinungsform werden antisemitische Ressentiments auf den Staat Israel projiziert, erklärt der Politikwissenschaftler Lars Rensmann in einem Text für die Bundeszentrale für Politische Bildung (Bpb). So werden demnach komplexe Themen und Konflikte zur "jüdischen Frage" erklärt. Jüdinnen und Juden würden für das Handeln des Staates verantwortlich gemacht – wobei dieses Handeln wiederum dämonisiert und anders bemessen werde als das Handeln anderer Staaten.

Religiöser Antisemitismus / Antijudaismus: Diese Form des Antisemitismus hat das Judentum als Religion im Fokus, erklärt der Politikwissenschaftler und Soziologe Armin Pfahl-Traughber bei der Bpb. Der Glaube und seine Ausübung würden pauschalisiert, die negativen Bestandteile hervorgehoben und die Religion abgelehnt, diffamiert und diskriminiert.

Thüringen: Nach 7. Oktober im Schnitt 3,3 israelfeindliche Vorfälle pro Tag

RIAS Thüringen sagte dem MDR, dass die Zahl der Vorfälle von israelbezogenem Antisemitismus im Land "sprunghaft angestiegen" sei. Zwischen dem 7. und dem 15. Oktober habe die Meldestelle 29 solcher Vorfälle registriert – im Durchschnitt 3,3 pro Tag. "Zum Vergleich: Unserem aktuellen Jahresbericht können Sie entnehmen, dass die Gesamtzahl der Fälle von israelbezogenem Antisemitismus im gesamten Jahr 2022 bei drei lag", erklärte Leiterin Susanne Zielinski.

Dabei handle es sich vor allem um antisemitische Kommentare oder Nachrichten, die Personen und Institutionen als Reaktion auf israelsolidarische Äußerungen im Internet erhalten. Zudem seien rund um Versammlungen antisemitische Äußerungen festgestellt worden. Dabei werde unter anderem dem Staat Israel das Existenzrecht abgesprochen oder er werde als "Apartheidsstaat" oder "Kindermörder" dämonisiert. Gleichzeitig werde oft die Shoah verharmlost.

"Würde man die Vorfälle anderer antisemitischer Erscheinungsformen dazu zählen, wären es natürlich noch mehr", sagte Zielinski. Dazu könne man aber noch keine aktuellen Zahlen herausgeben. Seit dem 15. Oktober sei das Niveau antisemitischer Vorfälle in Thüringen gleichbleibend hoch. Allerdings seien Fälle im Umfeld jüdischer Einrichtungen hinzugekommen. Auch aus privaten Kontexten, "Face to Face", seien Vorfälle gemeldet worden.

Wie Beratungsstellen, Zivilgesellschaft und jüdische Communitys sich engagieren

In Thüringen erhalten Betroffene antisemitischer Gewalttaten unter anderem Unterstützung durch die Beratungsstelle Ezra. Viele antisemitische Vorfälle liegen Ezra zufolge unterhalb der Gewaltschwelle. Man höre aber dennoch Berichte von Betroffenen, dass sie Angst hätten, sich als Jüdinnen und Juden zu erkennen zu geben oder erleben, in beruflichen oder privaten Kontexten als Stellvertreter für die Politik Israels wahrgenommen zu werden. Das könne dazu führen, dass die Menschen sich isoliert fühlen und zurückziehen – vor allem, wenn das Umfeld zu antisemitischen Aussagen schweige.

Zu den RAA Sachsen gehört neben der Beratungsstelle Support auch das Bündnis gegen Antisemitismus in Dresden und Ostsachsen. Darin sind nach eigenen Angaben mehr als 30 Organisationen und Initiativen aus der jüdischen Community und aus der Zivilgesellschaft aktiv. In den vergangenen Wochen habe das Bündnis sowohl auf die antisemitischen Angriffe in Deutschland aufmerksam gemacht, als auch darauf, wie die Sorge um Angehörige und Freunde in Israel Jüdinnen und Juden hier belaste.

OFEK: Strukturen müssen verstetigt werden

Die Beratungsstelle OFEK bietet bundesweit telefonische und digitale Beratung nach antisemitischen Vorfällen an, zum Teil würden auch Termine vereinbart, erklärte Geschäftsführerin Marina Chernivsky. In den Gesprächen werde zunächst gemeinsam die Situation analysiert, um mit den Ratsuchenden anschließend ihre Handlungsoptionen abzuwägen. Letztendlich gehe es darum, dass sie wieder handlungsfähig werden und die materiellen und immateriellen Folgen der Gewalt bewältigen.

Wir müssen anerkennen, dass es Antisemitismus in unserer Gesellschaft gibt, auf allen Ebenen, in allen Gruppen, in allen Institutionen.

Marina Chernivsky, Geschäftsführerin von OFEK

Zudem berate OFEK Institutionen wie Schulen oder Einrichtungen der Jugendhilfe. Auch dort sei der Beratungsbedarf stark gestiegen. Ausreichende Kapazitäten habe die Beratungsstelle nicht, um all die Anfragen abzudecken. OFEK hatte daher bereits Ende Oktober in einem Schreiben an die Fraktionsvorsitzenden von CDU, SPD, Grünen und Linken im Bundestag mehr Ressourcen und Planungssicherheit gefordert. Auch die Beratungsstelle Ezra in Thüringen und die Projekte der RAA in Sachsen sagten dem MDR, die Strukturen müssten ausgebaut und langfristig abgesichert werden.

"Wir müssen anerkennen, dass es Antisemitismus in unserer Gesellschaft gibt, auf allen Ebenen, in allen Gruppen, in allen Institutionen", sagte OFEK-Geschäftsführerin Chernivsky. Kein Fall sei ein Einzelfall, sondern stehe in historischer und gesellschaftlicher Kontinuität. Entsprechend müssten Beschwerdestellen und Strukturen für Betroffene geschaffen und verstetigt werden – "sonst entsteht das Gefühl, dass wir als Zivilgesellschaft weiterhin Löcher stopfen müssen, ohne entsprechend gefördert zu sein."

Mehr zum Thema: Antisemitismus

MDR (Maren Wilczek, Felix Fahnert), dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 19. November 2023 | 12:00 Uhr

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