Junge Frau sitzt erschöpft vor Laptop.
SPD-Chefin Saskia Esken argumentiert, dass Studien belegen, wonach Menschen in einer verkürzten Arbeitswoche effektiver arbeiten. Bildrechte: IMAGO / Panthermedia

Bei vollem Lohnausgleich Erneute Diskussion um Vier-Tage-Woche

30. April 2023, 10:29 Uhr

Über die Einführung einer Vier-Tage-Woche in der Arbeitswelt wird erneut diskutiert. SPD-Chefin Saskia Esken und die IG Metall begrüßen eine kürzere Arbeitswoche bei gleichem Lohn. FDP, CDU und Arbeitgeber kritisieren den Vorstoß, zeigen sich aber offen für entsprechende Regelungen in einzelnen Branchen oder Betrieben.

Der Arbeitgeberverband BDA hat die Forderungen nach einer Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich zurückgewiesen. Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter sagte der "Bild am Sonntag", deutlich weniger Arbeit bei vollem Lohnausgleich - das sei wirtschaftlich eine Milchmädchenrechnung. Er habe aber nichts gegen individuelle Lösungen in den Betrieben.

Gewerkschaft sieht Vorteile: Aus Teilzeit würde Vollzeit

Der Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, hingegen verteidigte den Vorschlag seiner Gewerkschaft. Die Beschäftigtenbefragungen der IG Metall hätten ergeben, dass bei einer Vier-Tage-Woche mit 32 Stunden mehr Frauen bereit wären, in Vollzeit zurückzukehren, weil das Modell auch mit Familie funktioniere. "Würden nur zehn Prozent der Frauen in Teilzeit auf die Vier-Tage-Vollzeit gehen, würde das Arbeitsvolumen stärker steigen als durch die von der Regierung angestrebte Fachkräfteeinwanderung von 400.000 Menschen pro Jahr, sagte Hofmann. Außerdem habe sich der Arbeitsmarkt gewandelt, so Hofmann: Bei jungen Leuten sei Arbeitszeit wichtiger als der Verdienst.

DGB-Chefin gegen generelle Regelung

Auch die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Yasmin Fahimi, begrüßte die Vorschläge für eine Vier-Tage-Woche, sieht darin allerdings keine allgemeine Lösung. Dies müsse "in jeder Branche" und "vor allem über Tarifverträge geklärt und abgesichert sein", sagte Fahimi am Samstag im Deutschlandfunk.

Erneuter Vorstoß für verkürzte Arbeitswoche von SPD-Chefin Esken

SPD-Chefin Saskia Esken hatte die Debatte um eine verkürzte Arbeitswoche in Deutschland wieder angestoßen. Den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland sagte sie am Samstag, sie könne sich gut vorstellen, dass mit einer Vier-Tage-Woche gute Ergebnisse erzielt werden. Es gebe Studien, "wonach Menschen in einer auf vier Arbeitstage reduzierten Woche effektiver arbeiten", weil sie zufriedener mit der Arbeit seien.

Gerade Eltern bräuchten andere, flexiblere und geringere Arbeitszeiten, um ihre familiären Pflichten und Bedürfnisse besser organisieren zu können, führte Esken aus. "Sicher braucht man einen Lohnausgleich." Viele Menschen könnten von ihrem Lohn schon jetzt nicht leben.

FDP kritisiert Vorstoß angesichts des Fachkräftemangels

Ablehnung kam von FDP und Union. FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai erklärte, in Zeiten des Fachkräftemangels sei ein Vorstoß für eine Vier-Tage-Woche "befremdlich". "Mit einer Verkürzung der Arbeitszeit würde man dem Wirtschaftsstandort Deutschland massiv schaden und die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes gefährden".

Auch der arbeitsmarktpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Pascal Kober, hält Eskens Vorschlag angesichts des in vielen Branchen massiven Fachkräftebedarfs für "wenig verständlich". Die Vermutung, es würde bei einer Vier-Tage-Woche generell produktiver gearbeitet, sei nicht richtig, weil viele Tätigkeiten, gerade im Care-Bereich, bei der Polizei oder der medizinischen Versorgung, eine Präsenz der Beschäftigten erforderten, sagte Kober dem Berliner "Tagesspiegel" vom Sonntag.

"Wo eine Viertagewoche doch vereinbart werden kann, können dies Arbeitnehmer und Arbeitgeber selbst miteinander vereinbaren, ohne auf Ratschläge aus der Politik zurückgreifen zu müssen", so Kober.

Gröhe bezeichnet Esken als wirtschaftspolitische "Geisterfahrerin"

Auch der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Hermann Gröhe (CDU), warnte, eine Vier-Tage-Woche werde Deutschlands Wirtschaft schaden. "In Zeiten von Fachkräftemangel die Arbeitszeit zu verkürzen und die Arbeit zu verteuern, würde der Wettbewerbsfähigkeit einen Bärendienst erweisen", sagte er dem "Tagesspiegel". "Auf dem Weg wirtschaftlicher Vernunft zeigt sich die SPD-Chefin einmal mehr als Geisterfahrerin."

Reuters/AFP (kkö)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 30. April 2023 | 06:00 Uhr

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