Strohabelln auf dem Feld
Auch aus Stroh kann Biomethan und damit erneuerbare Energie gewonnen werden. Bildrechte: IMAGO / Panthermedia

Interview Experte fordert: Energiewende wie Aufbau Ost organisieren

14. Juni 2023, 05:00 Uhr

Claus Sauter ist Energieexperte und Vorstandsvorsitzender der Verbio Vereinigte BioEnergie AG, einem der größten Bioenergieproduzenten in Europa. Das Unternehmen beschäftigt weltweit ca.1.000 Mitarbeitende an seinen Standorten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg, aber auch in Indien, den USA, Kanada, Polen und Ungarn. Im Interview mit dem MDR fordert Sauter ein technologieoffenes Transformationserleichterungsgesetz für die Energiewende, das wie der Aufbau-Ost organisiert sein müsste.

MDR-Wirtschaftsredakteur Frank Frenzel
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Deutschland hat einen grünen Wirtschaftsminister, das Ziel Klimaneutralität steht ganz oben auf der Agenda deutscher Politik – als Biokraftstoffproduzent müssten Sie doch zufrieden sein?

Claus Sauter: Nein, ich bin nicht zufrieden. Es gibt einiges, was in den letzten 30 Jahren gut gelaufen ist. Aber es gibt auch vieles, was sehr schlecht gelaufen ist, und zwar vor allem in 16 Jahren Unionsregierung. Deutschland war einmal ganz weit vorn bei Solar, Wind und Biomasse. Heute wird die Solarindustrie von den Chinesen dominiert.

Claus Sauter von Verbio in einem Büro.
Claus Sauter ist Vorstandsvorsitzender von Verbio. Bildrechte: David Pinzer

In riesigen Produktionsanalagen im zweistelligen Gigawattbereich werden dort vollautomatisiert Solarzellen für den Weltmarkt, für Europa, für Deutschland gefertigt. Unter den zehn größten Windkraftanlagen-Herstellern der Welt befinden sich sieben chinesische Unternehmen. Bei den Biokraftstoffen sind heute die USA die Nummer 1 – gefolgt von Brasilien. Wir haben uns die Butter vom Brot nehmen lassen. Die ständig wechselnden politischen Rahmenbedingungen haben unsere Innovationen aus dem Land getrieben. Die Branche der erneuerbaren Energien ist ein Paradebeispiel vertaner Chancen. Der gegenwärtige Stand der Energiewende ist verheerend.

Die ständig wechselnden politischen Rahmenbedingungen haben unsere Innovationen aus dem Land getrieben.

Claus Sauter, Vorstandsvoritzender von Verbio

Was läuft aus Ihrer Sicht bisher falsch?

Claus Sauter: Wo soll ich anfangen? Ich gebe Ihnen ein Beispiel zu den "vertanen Chancen": Wir produzieren Biomethan aus Reststoffen und Stroh. Das könnte zu grünem Wasserstoff veredelt werden. Die Kosten dafür sind günstig, die Technologie ist verfügbar. Das Bundesumweltministerium unter Führung der damaligen Bundesumweltministerin Svenja Schulze wollte aus ideologischen Gründen diese kostengünstige Lösung für grünen Wasserstoff nicht haben – und zwar nur, weil eine andere Technologie bevorzugt werden sollte. Das Handelsblatt bekam im Rahmen seiner Recherchen für einen Beitrag, der am 16. April 2021 erschienen ist, vom Bundesumweltministerium dazu folgende Antwort: "Die Herstellung von Wasserstoff aus biogenen Quellen ist sehr günstig." Doch Ziel der Nationalen Wasserstoffstrategie sei es, "den umwelt- und industriepolitisch vorteilhafteren Hochlauf von Elektrolysekapazitäten zu fördern". So funktioniert Wirtschaft nicht! Wo kommen wir hin, wenn Ideologie an die Stelle von Marktwirtschaft tritt? Das ist brandgefährlich und gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, wenn Minister vorschreiben, was die richtige Technologie sein soll.


Was muss anders werden?

Claus Sauter: Unser größtes Problem ist, dass es für die Energiewende keinen Plan gibt. Und wenn wir heute einen Plan haben, sieht er morgen schon wieder ganz anders aus. Auch hier habe ich ein passendes Beispiel für Sie: Am 1. Januar 2022 wurde das Gesetz zur Weiterentwicklung der Treibhausgasminderungsquote wirksam. Danach sollten die Einsparungen von CO2-Emissionen im Verkehr von fünf Prozent in 2021 auf 25 Prozent in 2030 gesteigert werden. Das war für uns DIE Gelegenheit, mehr klimafreundliche Biokraftstoffe in den Markt zu bringen. Doch dann kam die Kehrtwende: Am 29. April 2022, also nicht einmal vier Monate später, verkündete die neue Bundesumweltministerin, Steffi Lemke, dass Deutschland nach dem Atom- und Kohleausstieg auch aus den klassischen Biokraftstoffen aussteigen will. Obwohl Verbio an diesem Tag eine Erhöhung des zu erwartenden Gewinns um 40 Prozent meldete, stürzte unsere Aktie um 40 Prozent ab. Die Aussage von Frau Lemke kostete uns zwei Milliarden Euro Marktwert.

Deutschland ist zum Tollhaus geworden! Die Chinesen haben einen Plan, einen Plan mit mindestens zehn Jahren Planungshorizont. Die Amerikaner haben einen Plan, auch die Franzosen, die Italiener – jede Nation vertritt ihre eigenen Interessen. Wir können aus Deutschland heraus nicht die Welt retten. Wir brauchen Germany first! Die deutsche Politik muss dringend Anreize schaffen, um Investitionen in Erneuerbare Energien im Land zu halten. Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingen. Es geht um Vertrauen. Das zurückzugewinnen ist nicht einfach, denn die energiepolitisch verlorene Zeit der Merkel-Jahre kann man nicht zurückholen. Allerdings haben die (Ost-)Deutschen schon einmal bewiesen, dass eine Transformation gelingen kann – mit einer klaren politischen Linie und schnellem Handeln können Investitionen auch wieder in Deutschland stattfinden.

 Unser größtes Problem ist, dass es für die Energiewende keinen Plan gibt.

Claus Sauter, Vorstandsvoritzender von Verbio

Was fordern Sie?

Claus Sauter: Es geht um Geschwindigkeit für eine neue, nachhaltige Form bezahlbarer, erneuerbarer Energie. Die Amerikaner haben es mit dem "Inflation Reduction Act" (IRA) vorgemacht. Der ist fast wie die einstige Investitionszulage für den Aufbau Ost: Gefördert wird, was das Land voranbringt. Dem müssen wir etwas entgegensetzen: mit einfachen Förderinstrumenten, einem Abbau bürokratischer Hürden und mit wirklicher Technologieoffenheit – wir brauchen ein Transformationserleichterungsgesetz, ein Gesetz, das Investitionen in signifikanten Größenordnungen ermöglicht.

Was bringt denn der Inflation Reduction Act Investoren in den USA?

Claus Sauter: Die Regeln des IRA sind einfach und gelten für jeden. In den USA gibt es keine EU-Beihilferegeln und auch keine Einschränkungen für KMUs (Anmerkung der Redaktion: KMU bezeichnen mittelständische Unternehmen). Die Regierung sagt nicht, welche Technologien erfolgreich sein sollen, gibt aber im IRA ein klares Ziel vor: Die Treibhausgasemissionen sollen im Vergleich zu 2005 um 40 Prozent reduziert werden. Wie dieses Ziel erreicht wird, bleibt den Unternehmern überlassen. Jeder mit einem guten Plan wird unterstützt. Und wenn morgen Frau Lemke Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika werden würde, dann ändert das an diesem Gesetz gar nichts. So funktionieren Verlässlichkeit und Planungssicherheit. Nicht umsonst haben wir bei Verbio neben unserem Standort in Iowa kürzlich eine weitere Anlage in Indiana übernommen und investieren maßgeblich in deren Umbau zur Bioraffinerieanlage nach deutschem Vorbild. Der IRA ist für uns wie gemacht!

Beim Aufbau Ost gab es durch die Investitionszulage auch schon eine sehr einfache Möglichkeit, Investitionen steuerlich geltend zu machen. Besonders deutlich wurde das im Wohnungsbau durch die sogenannte Sonder-AfA, mit der Investoren in relativ kurzer Zeit 50% der Investitionssumme von der Steuer absetzen konnten. Was erhoffen Sie sich von der Wiedereinführung solcher Instrumente in Deutschland

Claus Sauter: Natürlich braucht es steuerliche Anreize, wie attraktive Abschreibungsmöglichkeiten für Investitionen in erneuerbare Energien. Es geht aber nicht nur um Steuervorteile. Wir brauchen schnelle, unbürokratische Genehmigungsverfahren. Wir brauchen Planungssicherheit – die Politik muss klare Linien vorgeben und darf nicht ideologiegetrieben heute dies und morgen das entscheiden. Wer will, dass Deutschland langfristig den Weg Richtung Klimaneutralität einschlägt, kommt um mutige Weichenstellung nicht herum. Und hier können wir von den angewandten Instrumenten aus den Jahren nach der Wiedervereinigung durchaus lernen. 

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Was würde das für Ihre Branche, der Bioenergie, beziehungsweise für Ihr Unternehmen bedeuten?

Claus Sauter: Wenn ich heute zu meinen Investoren gehen würde und für Investitionen in Deutschland Geld haben wöllte, würden sie mich auslachen. Deutschland ist am Kapitalmarkt verbrannt. Ein Umdenken hin zu zielorientierter Politik würde echte Technologieoffenheit bedeuten und vorhandenen Lösungen in meiner Branche eine echte Chance geben.

Sie haben Produktionsstandorte in den USA und in Indien – läuft es für Sie da besser, was z.B. Rahmenbedingungen für Investitionen betrifft und wenn ja, was läuft besser? 

Claus Sauter: Wir haben glücklicherweise schon früh die Entscheidung getroffen, im Ausland zu investieren – in Märkte, die nicht nur eine gute Infrastruktur bieten und aufgrund der großen landwirtschaftlichen Flächen Rohstoffverfügbarkeit in großen Mengen garantieren, sondern uns wirklich wollen. Die USA haben, wie wir auch, zum Ziel, Treibhausgasemissionen zu senken. Im Unterschied zu uns haben sie mit dem IRA entsprechende Anreize für Investitionen geschaffen. Für Verbio ein echter Wachstumsmarkt, in dem wir mit unserer Technologie willkommen sind. Alles was Rang und Namen hat, tummelt sich im Moment in den USA

In Indien zeichnet sich das Bild etwas anders: Das Land hat erkannt, wie groß das Potenzial an ungenutzter Biomasse ist. Dabei sprechen wir ausschließlich von Reststoffen, wie Reisstroh. Indien hat auch verstanden, dass es mit unseren regional erzeugten Biokraftstoffen unabhängiger von globalen Preisentwicklungen bei Mineralöl und Erdgas werden kann. Indien hat erkannt, dass unsere Technologie das klima- und gesundheitsschädliche Abbrennen des Reisstrohs beenden kann. Und Indien schätzt, dass wir Wertschöpfung und Beschäftigung in den ländlichen Raum bringen. Allerdings nimmt die indische Regierung sehr starken Einfluss auf den Energiemarkt. Wir sind zurzeit mit der höchsten Regierungsebene im Gespräch, um den regulatorischen Rahmen für den Ausbau fortschrittlicher Biomassenutzung mitzugestalten.

Sie waren jüngst mit Bundeswirtschaftsminister Habeck in Brasilien. Das Land nutzt in weit größerem Maße Bioenergie als Deutschland. Was läuft denn in Brasilien besser und ließe sich das Beispiel Brasilien auf Deutschland übertragen?

Claus Sauter: Brasilien hat andere Voraussetzungen – das ist ein riesiges Land mit sehr großen Ackerflächen. Schon allein aufgrund des dortigen Klimas wächst alles vier- bis fünfmal schneller als bei uns. Mit dieser Biomasse können sie natürlich mehr machen. Auf der Reise haben die beiden Minister Habeck und Özdemir gelernt, dass dort noch viel mehr Biomasse produziert werden kann – ohne, dass nur ein Baum im Regenwald gefällt werden muss. Gerade für Bioenergieproduzenten wie uns, die landwirtschaftlichen Reststoffe nutzen, ist das ein sehr attraktiver Markt. Allerdings spielt die Musik im Moment in den USA!

Bioenergieproduzenten wird vorgeworfen, sie würden Monokulturen fördern, weil immer die gleichen Pflanzen zur Energiegewinnung angebaut werden würden. Außerdem würden oft auch Pflanzen genutzt, die man eigentlich für die Lebensmittelgewinnung benötigt – also die bekannte Tank– oder Teller-Diskussion. Was entgegnen Sie diesen Argumenten?

Claus Sauter: Auch diese Diskussion ist ideologisch. Wir müssen aufhören, immer alles aus unserer deutschen Brille sehen zu wollen. In den USA wandern jedes Jahr 150 Millionen Tonnen Mais in die Herstellung von Ethanol. Das ist doppelt so viel wie die gesamte europäische Maisproduktion. In Brasilien wiesen Vertreter von NGOs darauf hin, dass die Biomasseproduktion noch verdoppelt werden könnte, ohne dass ein Baum fällt, wenn es dafür einen Markt gibt. Deutschland ist nicht der Nabel der Welt. Im Vergleich zu USA und Brasilien sind wir ein landwirtschaftlicher Zwerg. Wir brauchen nicht weniger, sondern wir brauchen mehr Biokraftstoffe, wenn wir den Klimawandel endlich ernst nehmen


Welches Potential hat denn Deutschland für die Gewinnung von Bioenergie?

Claus Sauter: Deutschland hat die Technologie und die Rohstoffe für eine prosperierende Bioenergie. Allerdings sind die Möglichkeiten begrenzt, so dass wir auf jeden Fall auch Importe benötigen. Es braucht endlich den Willen, diesen Weg konsequent zu gehen. Wenn es der Ampel gelingt, die richtigen Weichen zu stellen, muss die deutsche Energiewende kein Wunschtraum bleiben.

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MDR (cbr)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 22. März 2023 | 06:00 Uhr

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