Fachkräftekongress Fachkräftemangel trifft den Osten härter als den Westen

27. Februar 2023, 05:00 Uhr

Die Ministerpräsidenten der ostdeutschen Bundesländer beraten am Montag über den Fachkräftemangel. Bei dem Treffen in Schwerin soll über Strategien diskutiert werden, wie Berufnachwuchs gewonnen werden kann. Der Vizechef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Oliver Holtemöller, sagte MDR AKTUELL die hohe Zahl der Schulabbrecher sei das Problem. Die Quote sei in den neuen Ländern ungefähr doppelt so hoch wie im Westen.

Wir stünden gerade erst am Anfang des Fachkräftemangels, sagt Oliver Holtemöller vom Halleschen Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung. Zum Ende dieses Jahrzehnts werde sich die Lage noch deutlich zuspitzen, was nicht nur dem demografischen Wandel in Ostdeutschland geschuldet sei.

Schulabbrecherquote doppelt so hoch wie im Westen

Eines der größten Probleme, sagt Holtemöller, seien die ostdeutschen Schulabbrecher: "In Ostdeutschland ist die Schulabbrecherquote ungefähr doppelt so hoch wie in Westdeutschland und wer keinen Schulabschluss hat, kann auch keine Berufsausbildung machen."

Schulabbrecher würden praktisch das gesamte spätere Berufsleben schlechter gestellt, sagt Holtemöller weiter. Und das sei ein Problem, dass in vielen Bereichen auch schon mal den Fachkräftemangel lösen könnte, gerade im Handwerk aber auch in vielen anderen Bereichen.

Hier würde es sich lohnen, erklärt Holtemöller, die Kinder und Jugendlichen besser dabei zu unterstützen, zu einem Schulabschluss zu kommen.

Dass sich die Ministerpräsidenten auf der Fachkräftekonferenz intensiv mit dem Thema Fachkräftemangel beschäftigen, sei schon mal ein Fortschritt, findet Joachim Ragnitz, der am Ifo Institut Dresden zur regionalen Entwicklung in Ostdeutschland forscht.

Modernisierungsschub für Ostdeutschland

Aktuell liege ein Lohngefälle von 20 Prozent bei nicht tariflicher Bezahlung zwischen Ost- und Westdeutschland vor. Ein Problem, dass sich aufgrund des Fachkräftemangels ändern wird, prognostiziert Ragnitz. Dadurch, dass die Löhne steigen würden, sei das natürlich gut für die Beschäftigten.

Sie würden dann ein höheres Einkommen bekommen und es werde auch dazu führen, dass die Unternehmen gezwungen seien, sich zu modernisieren. "So gesehen wird man durch diesen Fachkräftemangel einen Modernisierungsschub in ganz Deutschland aber eben auch in Ostdeutschland erleben, der dazu führt, dass eine höhere Produktivität erreicht wird."

Unter anderem soll die Digitalisierung weiter vorangetrieben werden, um Abläufe mit weniger Personal umsetzen zu können. Wirtschaftsforscher Joachim Ragnitz erwartet eine neue Wirtschaftsstruktur und neue Produktionsweisen.

Er hofft außerdem auf Fachkräfte aus dem Ausland. Die Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen müsse unbürokratischer umgesetzt werden, aber das werde nicht reichen. "Viel größer scheint mir das Problem zu sein, dass gerade der Osten nicht so attraktiv ist, um herzukommen. Zum einen, weil die Löhne gering sind, zum anderen, weil teilweise auch Vorbehalte gegen Zuwanderung von Ausländern bestehen."

Dass man auch an diesen Punkten ansetzen müsse, um Arbeitskräfte und Zuwanderung generieren zu können, dass habe man irgendwie noch nicht so richtig begriffen, sagt Ragnitz.

Ostdeutschland noch wenig attraktiv

Hier sieht auch Oliver Holtemöller Handlungsbedarf. Zahlen des Innenministeriums träfen hier eine eindeutige Aussage: "Es gibt einfach, je Einwohner, deutlich mehr rechtsextreme Straftaten in Ostdeutschland als in Westdeutschland und das sind Dinge, die wahrgenommen werden."

Insbesondere bei gut qualifizierten Zuwanderern, die sich informierten, wie die Situation vor Ort sei. Da könne man sicherlich noch ansetzen, um die Situation zu verbessern, erklärt Holtemöller.

Ausbau der Willkommenskultur, das Lohngefälle Ost-West und die hohe Zahl der Schulabbrecher – das sind drei Themen, die auf der ersten Fachkräftekonferenz Ost am Montag im Fokus stehen werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. Februar 2023 | 06:00 Uhr

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