Filmstill aus "Die Zukunftsmaler" von Kurt Pöschl. Jama spannt Folien. 6 min
Im Film "Die Zukunftsmaler" von Kurt Poeschl ist unter anderem auch Jama zu sehen, wie er Folien spannt. Bildrechte: Kurt Poeschl
6 min

Der Film "Die Zukunftsmaler" dreht sich um die Entwicklung des Stadtviertels Freiimfelde in Halle. Filmemacher Kurt Poeschl hat vor der Premiere mit MDR KULTUR gesprochen.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 05.02.2024 06:00Uhr 06:20 min

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Interview Doku "Die Zukunftsmaler" zeigt den Wandel in Halle-Freiimfelde

05. Februar 2024, 16:13 Uhr

In den 10er-Jahren standen viele Häuser im Viertel Freiimfelde in Halle leer. Lange war die Gegend vernachlässigt worden – also wurden die Einheimischen selbst aktiv. Durch Bürgerinitiativen entstand ein Bürgerpark, der den Deutschen Nachbarschaftspreis bekam. Auch die "Freiraumgalerie", große Graffiti im Straßenbild, sind überregional bekannt. Den Wandel in Freiimfelde hat Kurt Poeschl, Anthropologe und Filmemacher, in der Doku "Die Zukunftsmaler" festgehalten. Darüber spricht er im Interview.

MDR KULTUR: Kurt Poeschl, Sie stammen aus Graz und haben in Göttingen studiert. Wie sind Sie nach Freiimfelde in Halle gekommen?

Kurt Poeschl: Ich habe mich in Graz während meiner Studienzeit schon mit der sozialen Rezeption von Kunst auseinandergesetzt. Kunst im öffentlichen Raum hat mich sehr interessiert und wie die wahrgenommen wird. Ich bin auf das Projekt in Halle aufmerksam geworden, weil dort so etwas Ähnliches gemacht wurde. Dort hat man nämlich versucht, durch Graffiti und Street-Art Leerstand zu bekämpfen. Das hat mich einfach sehr interessiert, wie man diese Kunstmethode nutzt, um partizipativ ein Stadtviertel voranzubringen.

Graffitis in Halle/S. (Freiraumgalerie)
Im Jahr 2012 entstand die "Freiraumgalerie", bei der internationale Künstlerinnen und Künstler und auch Bewohnerinnen und Bewohner des Stadtteils die leerstehenden Häuser mit Graffiti gestalteten. Bildrechte: Imago-Stock

In ihrem Film begleiten Sie fünf sehr unterschiedliche Protagonistinnen und Protagonisten. Welche Perspektiven eröffnen die auf ihren Stadtteil? Wie sehen sie dessen Zukunft?

Im Endeffekt war es mir wichtig, Biografien zu zeigen, die sehr unterschiedlich sind. Das sind Personen, die beruflich und auch privat in diesem Viertel zu tun haben, die dort arbeiten und auch dort wohnen oder gewohnt haben. Und teilweise haben sie sehr unterschiedliche Ideen und Visionen, was mit diesem Viertel passieren müsste oder passieren könnte. Mir war wichtig, diesen Personen Raum zu geben – dass sie sich wohlfühlen, dass sie erzählen, dass sie auch gehört werden. Dass man Geschichten hört, die man sonst nie hört.

Eine der Personen in dem Film ist zum Beispiel Miguel, ein ehemaliger Gastarbeiter aus Mosambik, der als 16-jähriger Lehrling in die damalige DDR kam und dann nach der Wende aufgrund von Bürgerkrieg in seinem Heimatland in Deutschland geblieben ist. Diese Geschichte ist natürlich ein Schicksal, das für viele Menschen spricht. Ich denke, das sind Dinge, mit denen viele Leute nie in Berührung kommen.

Und so ging es mir bei allen Perspektiven. Ich kann dadurch, dass die Leute selbst zu Wort kommen, sehr intime Details erzählen. Das sind wahrscheinlich Leute, die in der klassischen Stadtplanung sonst so nicht berücksichtigt werden.

Filmstill aus "Die Zukunftsmaler" von Kurt Kurt Poeschl. Miguel, ein ehemaliger Gastarbeiter aus Mosambik, erzählt im Film seine Geschichte.
Szenenbild aus "Die Zukunftsmaler": Die persönliche Biografie von Miguel ist ein Schicksal, das für viele Menschen spricht, die aus Mosambik als Gastarbeiter in die DDR kamen. Bildrechte: Kurt Poeschl

Sie waren seit 2016 immer wieder in Freiimfelde. Wie hat sich denn der Stadtteil in dem Zeitraum verändert? Was ist aus den Plänen geworden, die in Ihrem Film zur Sprache kommen?

Ein sichtbarer Effekt war, dass eine ehemalige Brache jetzt zu einem Bürgerpark umgebaut wurde. Das ist entstanden aus diesen Nachbarschaftsprojekten. Generell würde ich sagen, dass sich Freiimfelde verändert hat. Als ich 2016 das erste Mal dort war, waren sehr viele der Häuser in einem maroden Zustand. Die Sachen mit Street-Art und Graffiti und diesen kommunalen Projekten, die die Freiraumgalerie dort initiiert hat, liefen schon sehr gut.

Aber diese Projekte, in denen man mehr Bürgerinnen und Bürger ins Boot holt, hatten gerade erst begonnen. Und das fange ich mit diesem Film ein: Dass das Ganze größer wird, in dem Viertel bekannt wird, sich die Leute beteiligen. Seitdem ist mir aufgefallen, dass viele der Häuser renoviert wurden. Das Viertel macht baulich und optisch einen anderen Eindruck.

Filmstill aus "Die Zukunftsmaler" von Kurt Poeschl.
Die Änderungen im Viertel Freiimfelde in Halle liegen vor allem am Engagement der dortigen Bewohnerinnen und Bewohner. Bildrechte: Kurt Poeschl

Kann man sagen, dass die Entwicklung von Freiimfelde ein Phänomen von Stadtteilentwicklung ist, das man überall beobachten kann?

Ich denke, dass man sehr viele der Phänomene, die ich im Film eingefangen habe, auch in anderen Städten sieht. Gleichzeitig war für mich, auch mit meinem Arbeitshintergrund, Freiimfelde schon etwas Besonderes. Denn diesen massiven Leerstand und die Bevölkerungsabwanderung, zu der es nach der Wende gekommen ist, gab es in anderen Städten wie Leipzig oder Dresden in dieser Größenordnung nicht. Das hat Halle schon sehr im Besonderen getroffen.

Insofern können die Entwicklungen dort exemplarisch gesehen werden – für Stadtentwicklung, die kritische Betrachtung von Gentrifizierung und wie weit Bürgerinnen und Bürger sich beteiligen, wenn die Stadt keinen Masterplan hat. Aber natürlich gibt es regionale Besonderheiten.

Eine andere Rolle, die dieser Film hoffentlich haben wird, ist, dass mir sehr wichtig wäre, diese Innenperspektive aufzuzeigen: Welche Bedeutung hat Stadtplanung wirklich für Bewohnerinnen und Bewohner, die dort leben?

Mehr Informationen zum Film Die Zukunftsmaler – Ein Porträt des halleschen Stadtviertels Freiimfelde
von Kurt Poeschl

Vorstellungen:

5. Februar, 19:30 Uhr im Programmkino Ost in Dresden

6. Februar, 18:30 Uhr im Zazie Kino in Halle

7. Februar, 18:30 Uhr in den Passage Kinos in Leipzig

Der Eintritt ist jeweils kostenlos.

Das Interview führte Annette Mautner für MDR KULTUR. Redaktionelle Bearbeitung: as

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Februar 2024 | 08:10 Uhr

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