Shahm Badawi beim Feriencamp des SV Halle
Sporttrainer Shahm Badawi kämpft dafür, seinen Bruder aus dem Erdbebengebiet nach Deutschland zu holen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sporttrainer in Halle Nach Flucht und Erdbeben: Wie ein Syrer für seinen Bruder kämpft

19. Juli 2023, 19:37 Uhr

Das Erdbeben in der Türkei und Syrien hat auch das Leben der 29-jährigen Shahm Badawi erschüttert. Dabei lebt der Syrer seit mehreren Jahren in Halle. Doch sein Bruder und seine Eltern waren im Erdbebengebiet. Die Nachwirkungen der Naturkatastrophe lassen Badawi bis heute nicht zur Ruhe kommen.

André Strobel
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Shahm Badawi ist voll in seinem Element. In den Schulferien leitet der 29-jährige Sporttrainer gemeinsam mit anderen Übungsleitern vom Sportverein Halle ein Feriencamp. Drei Wochen, insgesamt gut 150 Kinder. Die Kinder sind im Grundschulalter und sie sollen im Feriencamp vor allem besser schwimmen lernen.

Shahm Badawi ist seit Oktober 2022 festangestellter Reha- und Kindersporttrainer beim SV Halle. "Es ist superschön, wenn die Kinder da sind und Sport machen. Das ist viel Freude für mich", sagt Badawi. Er lacht, spielt mit den Kindern, scherzt, ermahnt, leitet an – was Trainer eben so machen.

Es ist superschön, wenn die Kinder da sind und Sport machen. Das ist viel Freude für mich.

Shahm Badawi Reha- und Kindersporttrainer beim SV Halle

Nächster Alptraum: Erdbeben in Syrien und der Türkei

Badawi ist im Norden Syriens aufgewachsen. Wer ihn kennenlernt, ahnt kaum etwas von seiner bewegten und bewegenden Geschichte. Shahm Badawi durchlebt den Bürgerkrieg in seiner Heimat, die Flucht 2015 über das Mittelmeer und das anschließende Wirrwarr in Deutschland. Dann kehrt etwas Ruhe in sein Leben ein: Er studiert, bekommt die deutsche Staatsbürgerschaft und beginnt seine Arbeit als Trainer im Sportverein Halle.

Shahm Badawi beim Kindersport
Shahm Badawi inmitten der Kinder beim Feriencamp des SV Halle Bildrechte: MDR Sachsen-Anhalt

Doch 2023 folgt der nächste Alptraum. Im Februar erschüttert ein heftiges Erdbeben die Türkei und Syrien, Badawis Heimat. Nach heutigem Stand sterben bei der Naturkatastrophe mehr als 50.000 Menschen. Auch sein ältester Bruder Tamer und seine Eltern befinden sich damals in dem Gebiet – sie haben Zuflucht gesucht in der türkischen Provinz Hatay an der Grenze zu Syrien.

Eltern sterben beim Erdbeben

Die ersten Nachrichten und Anrufe erreichen Shahm Badawi am frühen Morgen des 6. Februars. Er versucht, seine Eltern zu erreichen. Es klingelt, aber niemand nimmt ab. Doch sein Bruder Tamer geht ans Handy und überbringt schlimme Nachrichten: Ihre Eltern haben es nachts nicht mehr rechtzeitig aus dem zusammenstürzenden Wohnhaus geschafft – sie liegen unter meterdicken Trümmern. Es gibt kein Anzeichen auf Leben unter dem Haufen aus Schutt und Asche.

Shahm trifft seinen Bruder in der Türkei
Wenige Tage nach dem Erdbeben trifft Shahm Badawi seinen Bruder Tamer in der Türkei. Bildrechte: Shahm Badawi

Drei Tage später steht Shahm Badawi neben seinem Bruder Tamer – vor ihnen die Überreste des Hauses. Noch immer konnten die Leichen ihrer Eltern nicht geborgen werden. Als die Bagger endlich kommen, packen die Brüder mit an. Badawi sagt, er habe die Eltern mit seinen Händen rausgeholt. Es sei keine schöne Situation gewesen. "Wir haben viel geweint, das war echt hart."

Wir haben viel geweint, das war keine schöne Situation, das war echt hart. Das war schwer. Damals waren meine Eltern da noch nicht raus, ich habe sie da mit meinen Händen rausgeholt.

Shahm Badawi

Die Leichen ihrer Eltern transportieren die Brüder von der Türkei an die Grenze zu Syrien. Dort übernimmt ein Onkel die leblosen Körper und bringt sie in ihren Heimatort, wo sie heute begraben liegen.

Badawi will Bruder nach Deutschland holen – und stößt auf Hürden

Seit diesen schrecklichen Ereignissen versucht Badawi, seinen Bruder nach Deutschland zu holen. Sie haben ein Visum beantragt, doch bis heute ist nichts passiert. Immer wieder werden neue Unterlagen oder Arztberichte gefordert, Shahm Badawi bürgt sogar für seinen Bruder. Doch Anrufe und Anfragen bleiben unbeantwortet.

Seinem Bruder Tamer gehe es immer schlechter, sagt Badawi. Er verschanze sich inzwischen in Istanbul, traue sich kaum noch auf die Straßen. Er will nicht zurück ins Erdbebengebiet, zu all den schlimmen Erinnerungen. Er will zu seinem Bruder nach Deutschland.

Sportverein Halle hilft Erdbebenopfern

Grit Michalak, die Bereichsleiterin Kinder- und Gesundheitssport beim Sportverein Halle, kann das alles nicht mehr nachvollziehen. Mittlerweile sei sie nur noch wütend, dass man einen Menschen dort verharren lasse. Das tue weh. "Ich hoffe, dass man ihm jetzt einfach mal hilft als reiches Deutschland. Wir alle wissen nicht, wie lange die Bürokratie noch braucht", sagt Michalak.

Grit Michalak vom SV Halle gemeinsam mit Shahm Badawi
Grit Michalak vom SV Halle gemeinsam mit Shahm Badawi Bildrechte: MDR Sachsen-Anhalt

Ich hoffe, dass man ihm jetzt einfach mal hilft als reiches Deutschland. Wir alle wissen nicht, wie lange die Bürokratie noch braucht.

Grit Michalak Bereichsleiterin SV Halle

Der Sportverein Halle hat schnell geholfen: 12.000 Euro sind bei einer Hilfsaktion zusammengekommen. Geld, das auch Tamer Badawi zu Gute kommt – er kann damit noch ein paar Monate Essen und Trinken bezahlen, doch irgendwann ist auch dieses Geld weg.

Wenige Visa für Erdbeben-Betroffene aus Syrien

Nach dem verheerenden Erdbeben in der Türkei und Syrien verspricht die deutsche Bundesregierung schnelle und unbürokratische Hilfe für die Menschen im Katastrophengebiet. Visa-Verfahren sollen vereinfacht werden, damit Betroffene zeitweise bei Angehörigen in Deutschland unterkommen können. In der Realität aber betrifft diese Regelung fast ausschließlich türkische Staatsangehörige. Der Grund: Bei der Beantragung eines Besuchsvisums muss eine sogenannte Rückreiseabsicht dargelegt werden. Bei Menschen aus Kriegsgebieten wird diese grundsätzlich angezweifelt.

Auf Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT heißt aus dem Auswärtigen Amt in Berlin: "Im Zusammenhang mit der Erdbebenkatastrophe haben wir für syrische Staatsangehörige, die von den Erdbeben betroffen sind, Erleichterungen bei den nationalen Visaverfahren zum Familiennachzug geschaffen. Das bedeutet konkret, dass Termine neu priorisiert worden und Personen, die von den Erdbeben betroffen sind, ihre Visa früher beantragen können."

Bis heute wurden laut Auswärtigen Amt 2.888 Visa für syrische Staatsangehörige ausgestellt, die vom Erdbeben betroffen sind – mehr als 13.000 sind es für türkische Staatsangehörige.

Hoffnung schwindet langsam

Was dann aus ihm wird, das weiß auch Shahm Badawi nicht. Täglich telefonieren die Brüder miteinander, doch es ist immer der gleiche verzwickte Stand, nichts passiert – und doch sagt Tamer zu seinem Bruder: "Wenn du anrufst, dann kommt die Hoffnung."

Wenn du anrufst, dann kommt die Hoffnung.

Tamer Badawi Bruder von Shahm Badawi

Doch auch diese Hoffnung schwindet langsam. Shahm Badawi bleibt in diesen Tagen nichts anderes übrig, als seinen Bruder so gut es geht zu unterstützen – mit guten Worten und Geld aus Deutschland. Sein Job im Feriencamp des SV Halle lenkt ihn ab, bringt ihn auf andere Gedanken. Wenn er hier Sport mache mit den Kids, dann habe er gute Laune, sagt er und nimmt einen Fußball, um mit ein paar Jungs zu kicken.

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MDR (André Strobel)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 19. Juli 2023 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

randdresdner vor 48 Wochen

Ein berührende Geschichte.
Es ist schön zu lesen, wie Shahm Badawi geholfen wird und er hier Fuß fasst.
Ich wünsche ihm und seinem Bruder alles Gute.

DanielSBK vor 48 Wochen

Wunderbare Geschichte!

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