Zwei Jugendliche stehen im Dunkeln unter einer Straßenlaterne.
Konstantin und Pepe haben beide Erfahrungen mit kriminellen Jugendbanden gemacht. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Hunderte Ermittlungsverfahren laufen Wie Stadt und Polizei gegen Jugendkriminalität in Halle vorgehen wollen

12. Dezember 2022, 10:59 Uhr

In Halle (Saale) häufen sich Überfälle von Jugendbanden auf Gleichaltrige. Zwei Jugendliche erinnern sich an die Nacht, als sie selbst Opfer eines Überfalls wurden. Die Polizei hat mittlerweile eine spezielle Ermittlergruppe auf die Beine gestelllt und hat Präventivmaßnahmen an Schulen begonnen. Doch die Realität sieht meist anders aus als die Theorie.

Über der Pauluskirche in Halle regnen sich dicke Wolken ab. Unweit von dieser, im dunstigen Schein einer Straßenlaterne, stehen Konstantin und Pepe (Namen geändert). Die beiden 15- und 17-Jährigen sind oft dort unterwegs – spielen Bierball, quatschen mit Freunden und wollen den Schulalltag vergessen, sagen sie MDR SACHSEN-ANHALT. Und vor allem fühlten sie sich in ihrem Viertel sicher – eigentlich.

Doch vor einigen Wochen wurden Konstantin und seine Clique abends von anderen Jugendlichen in der Nähe der Kirche überfallen. Er erinnert sich: "Wir haben wie immer draußen gesessen und dann kamen plötzlich sieben Typen. Die haben angefangen, Leute von uns zu schubsen und auch versucht, Geld abzuziehen. Irgendwann wurden welche auf den Boden geschubst, getreten und mit Messern bedroht. Am Ende wurde auch noch ein Fahrrad geklaut."

Konstantin selbst, erzählt er, wurde geschubst und einige Male auf den Kopf geschlagen. Das Fahrrad fand man später an einer Straßenecke wieder. Laut Pepe wollte die Gruppe nur "Stress machen und ihre Maskulinität bestätigen".

Überfälle und Gewalttaten in Halle keine Einzelfälle

Was Konstantin und Pepe erlebt haben, ist in Halle kein Einzelfall. Seit gut einem Jahr häufen sich die Medienberichte über die steigende Jugendkriminalität der Stadt. Laut Aussagen der Polizeiinspektion Halle gibt es seit Oktober 2021 rund 392 Ermittlungsverfahren, die mit Jugendkriminalität zu tun haben. Vorwiegend kommt es hier zu Raub- und Körperverletzungsdelikten, heißt es.

Täter und Opfer sind hierbei meistens fast gleich alt. Laut Polizei sind die Tatverdächtigen überwiegend im Alter zwischen 14 und 18 Jahren alt – gleiches gilt für die Opfer. In den meisten Fällen haben es die Täter auf Bargeld, Smartphones, Kopfhörer oder Markenkleidung abgesehen. Die Überfälle und Angriffe verteilen sich dabei über die gesamte Stadt, so die Polizei weiter.

Angst nach Überfällen ist bei Jugendlichen da

Wenn Konstantin jetzt durch die Straßen geht, scannt er die Straße ab, sagt er. Er schaut dann, wie sich die Leute, die ihm begegnen, verhalten. Ein paar Tage nach dem Überfall hatte der 15-Jährige mehr Angst davor, abends rauszugehen, erzählt er MDR SACHSEN-ANHALT. "Mittlerweile ist es wieder relativ okay, weil ich auch mitbekomme, dass es nicht nur mir passiert ist, sondern das passiert öfter mal", sagt er.

Seinem Kumpel Pepe sind manche Angriffe mittlerweile bekannt: "Man erinnert sich an die Leute, man kennt die Geschichten dazu. Natürlich kriegt man so ein kleines Kribbeln im Bauch und denkt sich, ja gut, vielleicht passiert es mir jetzt auch mal." Doch er selbst hatte bis jetzt immer Glück, die richtigen Freunde dabei gehabt zu haben, sagt der 17-Jährige.

Ermittlungsgruppe gegen Jugendkriminalität

Die beiden Jugendlichen bewegt das Thema, sie wirken aber gleichzeitig etwas abgebrüht, weil diese Überfälle öfter passieren. Doch es sollte sich hier keine "Selbstverständlichkeit" einschleichen. Aus diesem Grund hat MDR SACHSEN-ANHALT mit Michael Ripke gesprochen. Er ist Polizist und Pressesprecher der Polizeiinspektion Halle.

Ripke erklärt, dass im April extra für diese Fälle eine eigene Ermittlungsgruppe unter dem Namen "Cornern" gegründet wurde. "Ziel ist es, einen schnellen Verfahrensabschluss zu erreichen, damit wir sehr zeitnah zu einer Sanktionierung kommen. Das ist bei Jugendkriminalität sehr wichtig", so Ripke.

Ihmzufolge wird aktuell gegen 135 Tatverdächtige ermittelt, gegen acht Personen wurden Haftbefehle erwirkt. Klingt erstmal nach wenig, doch die meisten Täter sind Jugendliche unter 18 Jahren. Laut dem Pressesprecher setzt das deutsche Recht hohe Hürden, was entsprechende Strafen angeht. Die Jugendlichen vor Gericht stellen und einfach wegsperren – das geht nicht.

Diese Aufgabe hat das Jugendstrafrecht

Das Jugendstrafrecht hat als Hauptzweck den Erziehungsgedanken, im Gegensatz zum allgemeinen Strafrecht. Daher bestehen vielfältigere Möglichkeiten der Einwirkung auf den jugendlichen Täter als im Erwachsenenstrafrecht. Es findet auf strafmündige Jugendliche Anwendung, wenn diese die notwendige Unrechtseinsicht zum Tatzeitpunkt hatten (Wusste er/sie, was gut und böse ist?).

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Michael Ripke fordert deswegen dazu auf, diese Überfälle auch anzuzeigen. Er sagt: "Das ist für die Ermittler wichtig und das ist auch für die Folgemaßnahmen ganz wichtig, um nämlich zu wissen, wo haben wir die Schwerpunkte, wo verlagern sie sich möglicherweise hin." Nur so, sagt er weiter, können sie unmittelbar reagieren.

(K)ein Sicherheitskonzept für die Stadt Halle

Um effektiv gegen Jugendkriminalität vorzugehen, arbeiten die Stadt Halle und die Polizei zusammen. Im Juni beschloss der Stadtrat, nach langer Diskussion, dass es eine Art Sicherheitskonzept geben soll, als Antwort auf die steigenden Straftaten.

Damals hieß es, dass mehr Beleuchtung an Orten, die von Bürgerinnen und Bürgern als unsicher empfunden werden, angebracht werden soll. Außerdem sollte das Ordnungsamt an Problemstellen rund um die Uhr im Einsatz sein.

Was davon wurde bislang umgesetzt?

Tobias Teschner, Fachbereichsleiter für Sicherheit der Stadt Halle, sträubt sich gegen den Begriff "Sicherheitskonzept". Halle sei kein Weihnachtsmarkt, den man absperren könne und dann mehr Security vor den Eingang stelle. "Das eine Sicherheitskonzept der Stadt Halle", sagt er, "wird es nicht geben." Dafür sei die Stadt zu groß.

Mehr Polizeistreifen und Aufklärungsarbeit an Schulen

Laut Teschner muss die Lage objektiv betrachtet werden, aus denen sich dann konkrete Maßnahmen für die Stadt und die Polizei ableiten. Aktuell werde die polizeiliche Präsenz in der Stadt erhöht, so Michael Ripke von der Polizei Halle. "Wir arbeiten auch ganz eng mit der Stadt mit dem Ordnungsamt zusammen. Da gibt es gemeinsame Streifen", so der Pressesprecher weiter.

Das eine Sicherheitskonzept der Stadt Halle wird es nicht geben. Dafür ist die Stadt zu groß.

Tobias Teschner Fachbereichsleiter für Sicherheit der Stadt Halle

Auch wird an Schulen in Halle Aufklärungsarbeit betrieben. Den Jugendlichen soll dann gezeigt werden, wie sie sich in im Fall eines Überfalls verhalten sollen, so Teschner. "Denn ob man zum Opfer wird und ob sich Taten sozusagen 'lohnen', ist natürlich auch vom Geschädigten oder einem potenziellen Opfer beeinflussbar", so der Fachbereichsleiter für Sicherheit.

Die Besuche an Schulen sind allerdings nicht ausschließlich für Aufklärungsarbeit da, sondern sollen den Jugendlichen auch die Möglichkeit geben, sich an die Beamten als Ansprechpartner zu wenden. So können sich die Jugendlichen, aber auch Lehrkräfte, gegenüber der Polizei öffnen, wenn sie selbst schlechte Erfahrungen mit dem Thema gemacht haben.

Theorie und Realität sehen anders aus

Zurück bei Konstantin und Pepe im Paulusviertel. Dass die Polizei verstärkt unterwegs ist, haben die beiden noch nicht wahrgenommen. "Man merkt ab und zu, dass mal ein Polizeiwagen an einem vorbeifährt, aber so richtig geholfen hat es jetzt nicht", sagt Pepe. Denn die Streife fährt laut dem 15-Jährigen in gewissen Zeitabständen durch die Viertel. Dazwischen sei genug Zeit für einen Überfall, sagt er.

Erst kürzlich war an Pepes und Konstantins Schule ein Polizeibeamter da, der zu dem Thema mit den Jugendlichen gesprochen hat. Auch da wurde über das Verhalten in diesem Fall gesprochen. "Teilweise waren da gute Sachen dabei", sagt Pepe, "Abstand halten, direkt, die Polizei rufen zum Beispiel. Im Optimalfall kann man das machen. Aber in meinem Fall hat das nicht geklappt. Abstand einhalten ging nicht, weil die Typen direkt auf uns zukamen. Es ging einfach alles viel zu schnell."

Wunsch nach Jugendclubs und Rückzugsort

Ob die vermehrte Polizeistreife ausreichend ist, können die beiden Jugendlichen nicht genau sagen. Sie wünschen sich eher geschützte Räume wie Jugendclubs, in die sie sich auch mal zurückziehen können, so Konstantin. "Es gibt an nur wenige Orte in Halle und die sind auch nicht immer zugänglich", sagt er weiter.

Auch Pepe könnte sich vorstellen, dass solche Orte die Lage entspannen könnte. "Da weiß man, da sind nicht unbedingt Leute, die Stress wollen, sondern es gibt einfach eine nette Atmosphäre, wo man einfach ein bisschen reden und sich zusammen hinsetzen kann", findet der Jugendliche.

MDR (Maximilian Fürstenberg)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 11. Dezember 2022 | 19:00 Uhr

26 Kommentare

Reuter4774 am 13.12.2022

ABV hatte nichts mit Stasi zu tun??? Wie man sein Unwissen auch noch stolz kund tut? Wer nie DDR Bürger war sollte nicht über solche Themen schwätzen.

hilflos am 13.12.2022

Das jugendstrafrecht stammt aus einer Zeit, als man für die Familie manchmal noch paar Kartoffeln klaute, damit nicht verhungert wird. Bundesdeutsch aufgeweicht und naja...

steka am 12.12.2022

Nee ABV kannste vergessen, der is keine Streife gelaufen, hat höchstens für die Stasi rumgeschnüffelt. Mußte hier in Halle arbeitsbedingt öfter nachts durch die Stadt nach Hause laufen, weil keine Bahn mehr fuhr und bin dabei oft mindestens einmal einer Streife begegnet. Bei Euch hat da sicher der Dorfcherrif tief und fest geschlafen.

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