Zugausfälle zwischen Halle und Kassel Deutsche Bahn und Abellio offenbaren Hilflosigkeit auf allen Ebenen

Ein Mann mit Brille und blauem Sacko lächelt in die Kamera.
Bildrechte: MDR/Gaby Conrad

Zwischen Halle und Kassel ist es in den vergangenen Wochen immer wieder zu Zugausfällen und Verspätungen gekommen. Schuld ist wieder einmal die Bahn: Es gibt nicht genug Personal für die Stellwerke. Abellio hat den schwarzen Peter - und kann nicht fahren. Die Situation zieht sich seit Wochen. Mansfeld-Südharz' CDU Landrat André Schröder sprach von einem "Armutszeugnis für die Bahn". Ein Kommentar.

Entschuldigung steht auf einem Fahrgastinformationssystem der Deutschen Bahn
Mit einer einfachen Entschuldigung lassen sich die Versäumnisse der Deutschen Bahn nicht aus der Welt schaffen, findet der Autor. Bildrechte: imago images/Michael Gstettenbauer

"Reisende werden gebeten, auf andere Verkehrsmittel umzusteigen" - schreibt Abellio in der jüngsten Pressemitteilung, weil die Bahn wieder kein Personal für die Stellwerke auf der Strecke zwischen Halle und Kassel findet. Es ist, als würde ich sagen: "Der MDR kann nicht senden, nutzen Sie doch einfach mal die Konkurrenz."

Landrat André Schröder hat recht. Es ist ein Armutszeugnis. Und wo wir schon bei Zeugnis sind: In Inkompetenz, Ignoranz und Empathielosigkeit gibt es von mir eine glatte "Eins".

Reisende werden sich selbst überlassen

Lapidar heißt es ebenfalls von Abellio: Fahrgäste werden gebeten, das Gebiet zu umfahren, etwa über Erfurt. Klar, was will Abellio anderes raten? Aber auf eine teure, lange Umleitungsstrecke zu verweisen, die nur einem Bruchteil der Bahnreisenden etwas bringt, die etwa Ziele auf dem platten Land in Mansfeld-Südharz ansteuern, offenbart große Hilflosigkeit. Denn Abellio ist letztlich ein Opfer der Personalpolitik der Deutschen Bahn.

In Hilflosigkeit werden auch all diejenigen gestürzt, die kein Auto oder keinen Führerschein haben. Hilflosigkeit, in die etwa Arbeitnehmer geworfen werden, die keine Möglichkeit haben, auf andere Verkehrsmittel auszuweichen und auf Langmut ihrer Vorgesetzten hoffen müssen, wenn sie wiederholt nicht oder viel zu spät zum Dienst erscheinen – bestenfalls noch Freunde und Verwandte als Fahrer in Sippenhaft nehmen.

Hilflose Realität bei Abellio

Hilflos auf allen Ebenen wirkt auch die Ankündigung, die schon mehrfach Realität wurde, dass kein Schienenersatzverkehr möglich sei. Zu kurzfristig sei die Ankündigung der Bahn, zu viele Busfahrer krank, heißt es von Abellio. Dass trotz der wochenlangen Serie an Ausfällen die Ankündigung eines neuen Personalmangels beim Streckenbetreiber Deutsche Bahn kurzfristig erfolgt, ist ein Unding.

Es fällt allerdings auch und gerade aufgrund der geographischen Lage von Mittel-Deutschland schwer zu glauben, dass national kein Busunternehmer zu finden ist, der diesen Schienenersatzverkehr abwickeln kann.

Weltkonzern scheitert in der Provinz

Die Bahn präsentiert sich gern als Weltkonzern – ist aber nicht nur unfähig, Weitsicht in der Personalplanung walten zu lassen, sondern kennt keine kreativen Lösungen etwa durch Personalabordnungen aus anderen Regionen, um eine sichere ÖPNV-Versorgung hinzukriegen.

Wasser auf die Mühlen derer, die Energie- und Mobilitätswende ohnehin als nicht umsetzbaren Unfug sehen. Gift für die Gesellschaft. Die Bahn rühmt sich jetzt, neue Stellwerksmitarbeiter zu schulen. Einen konkreten Zeitplan bleibt sie aber schuldig. Das lässt den Verdacht aufkommen, dass es diesen möglicherweise gar nicht gibt.

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MDR (Marc Weyrich, Thomas Tasler)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | MDR SACHSEN-ANHALT | 14. Oktober 2022 | 10:00 Uhr

26 Kommentare

Bahnfahrer1804 vor 16 Wochen

Von Bahn her, natürlich draurig! Aber Abellio als Opfer hin zu stellen! Ich weiß nicht!

Abellio ist auch nicht gerade ein vorzeige Modell in Sachen Personalplanung und Finanzen!!!

Oder hat man das schon alles vergessen???

Christoph_Strebel vor 16 Wochen

Da ist eine absichtliche Lücke im allgemeinen Eisenbahngesetz. Fehler dieser Art müssten sich eigentlich als Rote Zahl in der Bilanz bemerkbar machen. Etwa jeder wegen Stellwerkmangel ausgefallene Zugkilometer mit 20fachen entschädigt werden.

Knut1979 vor 16 Wochen

Leider wachsen Fahrdienstleiter nicht auf Bäumen, und jahrelang wurde das Berufsbild des Bahners verunglimpft, und ich kann auch nicht den Fahrdienstleiter aus Wernigerode bspw. einfach auf einem dieser Bahnhöfe einsetzen. Wir sehen stellwerksausfälle auf ganz anderen Strecken und Knotenpunkten, Ursachen gibt es viele, aber keins der Probleme ist gestern entstanden, sondern diese sind viel älter. Kern des Themas ist die verschleppte Sanierung und Umrüstung des Schienennetzes, und dieses Verschleppen ist älter als die Wende - auf beiden Seiten der Grenze. Und lange Zeit konnte diese Mentalität auf den Regelbetrieb zusammen sparen versteckt werden, und wurde durch die Kollegen der Bahn im Betrieb gepuffert. Nur der Puffer wird kleiner, die diese Aufgabe wahrnehmen wollen, und dann gibt es dazu gesetzliche Regelungen, die die ohnehin angespannte Situation dann zum Kippen bringen.
Wieviel Geld ist in den vergangenen Jahren auf der Strecke in die Bahn gegangen, wieviel in die Straße?

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