Effekte der Ansiedlung Wie Wirtschaft und Arbeitnehmer im Magdeburger Umland von Intel profitieren könnten

20. Januar 2023, 18:07 Uhr

Mehr Einwohner, zusätzliche Steuereinnahmen und bessere Bedingungen für Arbeitnehmer: Die Intel-Ansiedlung könnte sich auch im Magdeburger Umland positiv bemerkbar machen. Manche Unternehmer befürchten allerdings eine Verschärfung des Fachkräftemangels, wenn der vermeintlich übermächtige Konzern in der Nachbarschaft seine Chipfabrik eröffnet.

Lucas Riemer
Bildrechte: MDR/Tilo Weiskopf

Glaubt man seiner E-Mail-Signatur, ist Danny Schonscheck Beauftragter für strategische Gewerbeansiedlungen des Landkreises Börde. Doch seit knapp zehn Monaten kümmert sich der Sülzetaler nur noch um ein Thema: Die Intel-Ansiedlung am Magdeburger Stadtrand und ihre Auswirkungen auf den Bördekreis. "Intel-Beauftragter ist eigentlich der passendere Titel", sagt Schonscheck, dessen Aufgabe nun ist, dafür zu sorgen, dass sein Landkreis ein Stück vom zu erwartenden Intel-Kuchen abbekommt.

Dass sich der westlich von Magdeburg gelegene Bördekreis berechtigte Hoffnungen macht, in besonderem Maße von der Intel-Ansiedlung zu profitieren, liegt an dem sogenannten Supplier-Park. Der soll auf dem Gebiet der Gemeinde Sülzetal entstehen und diversen Zulieferunternehmen für Intels Chipfabrik eine Heimat bieten.

Schon jetzt gebe es Anfragen von regionalen und internationalen Unternehmen, die Interesse an Flächen in dem künftigen Supplier-Park bekundet hätten, sagt Schonscheck – obwohl für den neuen Gewerbepark bislang nicht ein Kabel verlegt und keine einzige Straße gebaut wurde. "Derzeit", sagt Schonscheck, "arbeitet die Gemeinde noch an dem Bebauungsplan."

Studie soll Klarheit bringen

Die Prognosen, wie stark welcher Kreis und welche Gemeinde tatsächlich von Intel profitieren wird, sind derzeit noch vage. Es gebe Schätzungen, die von bis zu 20.000 Menschen ausgehen, die durch Intel zusätzlich in die Region Magdeburg kommen werden, sagt Danny Schonscheck. Eine Studie soll diese Annahmen bis Ende des Jahres konkretisieren. Erst dann mache es Sinn, festzulegen, wo es sich etwa lohnen könnte, neue Baugebiete auszuweisen, so der Intel-Beauftragte des Bördekreises.

Nichtsdestotrotz spekuliert man in seinem Landkreis bereits jetzt auf einen Teil der zu erwartenden Neuankömmlinge in der Region. "Es werden sicherlich nicht alle nach Magdeburg ziehen. Deshalb denken wir schon, dass wir profitieren werden. Die Leute bringen ja auch Lebenspartner mit, die vielleicht Arzt sind und hier eine Landarztstelle besetzen können oder Lehrer, die hier in der Grundschule unterrichten können. Das sind Synergien, die wir uns versprechen", sagt Schonscheck.

Perspektivisch soll es eine Art Welcome Center geben, idealerweise digital, in dem sich die zukünftigen Arbeitnehmer informieren können, wo etwa welche Schulen in der Region sind, welche Sprachangebote es gibt, und in dem sich auch ihre Partner mit ihren Qualifikationen registrieren können, um dann von der Arbeitsagentur mit passenden Stellen in der Region versorgt zu werden.

Kommunen sollen trotz knapper Kassen attraktiver werden

Um Menschen davon zu überzeugen, ihren Lebensmittelpunkt in den Bördekreis zu verlegen, dürfte ein attraktives Umfeld allerdings entscheidender sein als digitale Beratungsangebote. Das zu schaffen, sei eine Aufgabe der Kommunen, die angesichts knapper Kassen nicht ganz einfach zu lösen sei, sagt Schonscheck. Denn: "Viele Kommunen sind nach wie vor in der Konsolidierung. Das heißt, auf Reserve eine Kita oder Schule auszubauen gestaltet sich schwierig."

Lösen könnten dieses Problem künftig zusätzliche Steuereinnahmen. Zwar wird die Gewerbesteuer von Intel selbst voraussichtlich in die Magdeburger Stadtkasse fließen. Doch durch Ansiedlungen im Supplier-Park sollen die Gemeinde Sülzetal und über die Kreisumlage letztlich auch der Landkreis profitieren. "Wir stellen guten Grund und Boden zur Verfügung, dann sollen im Idealfall auch die Steuerquellen sprudeln, damit man eine Infrastruktur wie Schulen, Straßen und Kitas vorhalten kann", sagt Danny Schonscheck.

Unternehmer befürchten Abwanderung von Fachkräften

Doch nicht überall überwiegt die Vorfreude auf die Intel-Ansiedlung. Manch Unternehmer in der Börde blickt auch mit Sorge auf den schier übermächtigen Konzern, der sich in der Nachbarschaft ansiedeln will. Hiesige Fachkräfte, die ohnehin schon rar sind, könnten zum Chiphersteller abwandern, und heimische Firmen in die Röhre gucken, fürchten einige. Auch im benachbarten Salzlandkreis gibt es diese Sorgen, sagt Anja Huth, die Chefin der Arbeitsagentur in Bernburg.

Was die Region um Magdeburg eint, ist die demografische Situation mit Blick auf die die alternden Belegschaften in den Betrieben.

Anja Huth, Chefin der Arbeitsagentur in Bernburg

"Was die Region um Magdeburg eint, ist die demografische Situation mit Blick auf die die alternden Belegschaften in den Betrieben. Wir müssen davon ausgehen, dass in den nächsten fünf bis sieben Jahren 30 Prozent der Mitarbeitenden in Rente gehen. Das zu decken ist eine enorme Herausforderung, und da ist Intel noch gar nicht mit eingepreist", sagt Huth.

Für Arbeitnehmende sei das eine gute Nachricht: "Beschäftigte können sich heute schon meistens aussuchen, wo sie arbeiten wollen. Das wird sich sicher verstärken", so die Chefin der Arbeitsagentur. Die Attraktivität der Arbeitsplätze in der Magdeburger Region werde insgesamt zunehmen, weil sich alle Unternehmen an Intel orientieren müssten.

Auch kleinere Unternehmen können gegen Intel bestehen

Das sei für die hiesige Wirtschaft aber durchaus zu schaffen, glaubt Anja Huth. "Das Gehalt ist nicht immer das Ausschlaggebende. Arbeitszeiten und Arbeitswege werden zum Beispiel eine immer größere Rolle spielen." Kleinere Unternehmen müssten verstärkt auf die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden eingehen, dann könnten sie ihre Arbeitsplätze im Wettbewerb mit einem Konzern wie Intel attraktiv halten.

Auch Automatisierung, Digitalisierung und Zuwanderung seien Themen, mit denen sich Unternehmen künftig ernsthaft auseinandersetzen müssten, um ihren Fachkräftebedarf decken zu können.

Die Skepsis manch alteingesessener Unternehmer teilt Anja Huth allerdings nicht. "Intel bietet eine gute Chance, dass sich Sachsen-Anhalt deutlich verjüngt und ein wahnsinniges Knowhow aufbaut. Das Land wird sicherlich sehr bunt werden, das wird Diversität mit sich bringen, und darauf freuen wir uns."

Das Land wird sicherlich sehr bunt werden, das wird Diversität mit sich bringen, und darauf freuen wir uns.

Anja Huth, Chefin der Arbeitsagentur in Bernburg

Danny Schonscheck, der Intel-Beauftragte des Landkreises Börde, sieht das ähnlich. "Letztlich kann jeder Unternehmer dafür sorgen, dass seine Arbeitsplätze so attraktiv sind, dass niemand ihn verlässt", sagt er. Die Wertschöpfungskette rund um Intel werde sehr lang und böte auch für heimische Unternehmen viele Chancen, darin einen Platz zu finden.

MDR (Lucas Riemer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 19. Januar 2023 | 17:00 Uhr

39 Kommentare

Micha R am 22.01.2023

@ kleinerfrontkaempfer

"...Im Saarland ist die nächste US-Chipfabrik im Kommen.
Zur Abwechslung hat man hier mal nicht nur auf Politik gesetzt. Der dt. Automobilausrüster/zulieferer "ZF" ist hier mit im Boot..."

Eine gute Entscheidung!
P.S.: Aber so ganz ohne Politik geht es auch dort nicht, wie der Saarländische Rundfunk zu berichten wußte: "...Bereits seit einigen Monaten wird über die Ansiedlung spekuliert. Die Verhandlungen laufen nach SR-Informationen bereits seit über einem Jahr. Auch die Bundesregierung hält es offenbar für sehr bedeutend... Geplant ist nach SR-Informationen, dass bei einem Termin Anfang Februar der Kanzler und Vizekanzler gemeinsam mit der saarländischen Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) und Vertretern des Managements von Wolfspeed und ZF das Projekt im Saarland offiziell vorstellen..."
https://www.sr.de/sr/home/nachrichten/politik_wirtschaft/wolfspeed_zf_ansiedlung_chipfabrik_kraftwerk_ensdorf_100.html

steka am 22.01.2023

Die Bundesanstalt für Landwirtschaft (BLE) ist eine Bundesbehörde und hat sicher auch das schönzureden, was die politik beschließt. Die Zahlen klingen eher wie DDR-Statistik.

MDR-Team am 22.01.2023

Wie Sie richtig anmerken, steht dort "flieht vor dem Terror". Der besagte Programmierer Herr Abdullahi ist über das Mittelmeer geflohen und wurde nicht "eingeflogen". Bitte halten Sie sich an die Netiquette und sehen Sie von der Verbreitung irreführender Formulierungen ab.

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