Rechtsextreme Schon wieder droht einem Fußball-Verein der Rauswurf

23. Januar 2024, 10:13 Uhr

Der Fußballverband Sachsen-Anhalt hat Eintracht Gladau im November vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Der Grund: Um den Verein in der Kreisoberliga hat es immer wieder Ärger gegeben. Besonders im Blick ist dabei ein Mann, der bereits bei einem anderen Verein im Jerichower Land aufgefallen war. Nach einem Widerspruch gegen den Ausschluss darf Gladau derzeit unter strengen Auflagen spielen.

Einem Verein im Jerichower Land droht der Rauswurf aus der Kreisoberliga. Laut Verfassungsschutz spielen in der Mannschaft von Eintracht Gladau Rechtextremisten und die sorgen offenbar auf und neben dem Fußballplatz immer wieder für Ärger. Einer, der dabei oft im Mittelpunkt steht, ist der Rechtsextremist und Ex-Hooligan Dennis Wesemann. Der spielte früher bei einem anderen Verein in Sachsen-Anhalt, dem schließlich die Spielerlaubnis entzogen worden war.

Bei Ostelbien Dornburg hatte Wesemann bis einschließlich 2015 noch auf dem Rasen gestanden. Der Verein war für sein gewalttätiges Auftreten und rassistische Entgleisungen berüchtigt. Der Verfassungsschutz ordnete damals zehn Spieler der rechtsextremistischen Szene zu. Einige von ihnen waren auch Mitglieder der Blue White Street Elite (B.W.S.E) – einer gewalttätigen Hooligan-Vereinigung, bei der Wesemann als Führungsperson galt.

Ostelbien Dornburg: Entzug der Spielerlaubnis

Seit 2016 spielt Wesemann bei Eintracht Gladau. Der Fußballverband Sachsen-Anhalt hat den Verein im November 2023 aus dem Spielbetrieb ausgeschlossen. Der Verein legte per Eilantrag Widerspruch ein und darf seitdem unter unter strengen Auflagen spielen und steht unter Beobachtung. Nach Hinweisen hat der Verband Belege wie Facebook-Einträge der Spieler von Glaudau und Zeugenaussagen zusammengetragen.

Ein Mann sitzt neben einem Schreibtisch mit Monitoren.
Der Präsident des Fußballverbandes Sachsen-Anhalt, Holger Stahlknecht Bildrechte: MDR exakt

"Die Dichte hat mich schon überrascht, das kann ich nicht anders sagen", erklärt der Präsident des Fußball-Landesverbandes, Holger Stahlknecht. "Aus meiner Sicht eine unheilvolle Melange, die sich da zusammengefunden hat. Es gibt ja dann auch Bilder, aus welcher Szene die Fans dann gekommen sind. Die sind ja der rechtsextremen Szene zuordenbar."

Der ehemalige CDU-Innenminister von Sachsen-Anhalt sagt: Rechtsextremismus dürfe im Sport nicht geduldet werden. Hinzu komme die Gewalt, die von einzelnen Spielern ausgehe. "Das zeigt eigentlich, dass es denen gar nicht so sehr um den Sport geht, sondern um Ausübung von Macht gegenüber anderen", so Stahlknecht. "Ich weiß das auch von Vereinen, die sich dann an uns gewendet haben, möchten aber nicht genannt werden, weil sie eben Angst haben vor den handelnden Personen. Das ist die Realität."

Vorwürfe gegen Gladau von anderen Vereinen

Neben Eintracht Gladau spielen elf weitere Vereine in der Kreisoberliga des Jerichower Landes. MDR Investigativ hat alle angefragt, keiner wollte sich vor der Kamera äußern, einige aus Angst vor Vergeltung. Die meisten bestätigen die Vorwürfe gegen Gladau per Mail oder telefonisch, wollen aber anonym bleiben. Auszüge der Aussagen:

Unsere Spieler wurden bedroht, später kam es zu Handgreiflichkeiten. Auch unsere Fans wurden massiv beleidigt.

Eine andere Aussage: "Unseren Spielern wurden während des Spiels Schläge angedroht." Eine weitere Aussage: "Wir haben ausländische Spieler, die Angst haben, gegen Gladau zu spielen." Eine vierte:

Hauptsächlich Herr Wesemann ist verbal sehr aktiv. Drohungen, Beleidigungen, Einschüchterung. Ähnliches geht auch von anderen Mitspielern aus.

MDR Investigativ liegt das Schreiben eines Vereins vor, der vor einem Heimspiel gegen Gladau den Fußballverband um polizeiliche Unterstützung bittet: "…da wir eine erhöhte Gefahr für die öffentliche Ordnung und insbesondere gegenüber den Spielern unseres Vereines sowie den Heimzuschauern sehen."

Schiedsrichter äußert sich anonym zu Wesemann

Der Verein aus Gladau ist in der Region gefürchtet. Auch weil er rechtsextreme und gewaltaffine Zuschauer anziehen soll. So ist es etwa bei einem Spiel zwischen Gladau und der Mannschaft aus Loburg in der zweiten Halbzeit zu einer Rangelei zwischen Spielern gekommen. Gladauer Anhänger stürmten aufs Feld, ein Spieler aus Loburg wurde attackiert und verletzt. Die Gladauer Ordner griffen nicht ein. Das Spiel wurde durch den Schiedsrichter abgebrochen.

Auch Schiedsrichter erheben Vorwürfe gegen Gladau. Einer ist bereit sich vor der Kamera zu äußern – doch auch das nur anonym. Er hat ebenfalls Angst vor Repressalien. Seine Erfahrungen: "Wenn Gladau verliert, kommt Unzufriedenheit bei einigen Spielern auf. Und deren Frust schlägt dann in Aggressivität um."

Als Schiedsrichter würde man hin und wieder bedroht, wenn man nicht das tue, was Gladauer Spieler möchten: "Und dann verzichtet man zum Beispiel auf das Zeigen einer roten Karte. Aus Angst um seine Gesundheit." Das betreffe vor allem eine Person: Dennis Wesemann.

Der lange Arm von Dennis Wesemann?

"Ich glaube, dahinter steht die Angst, vielleicht aber auch die Erfahrung, dass der Arm von Dennis Wesemann unter Umständen lang sein kann", sagt David Begrich vom Miteinander e.V. aus Magdeburg. Er kennt die rechtsextreme Szene im Jerichower Land bestens und weiß, warum sich Opfer oder Zeugen nicht offen äußern möchten. "Und im ländlichen Raum ist man in einem überschaubaren Sozialraum. Man begegnet sich immer mal wieder, man trifft sich immer zweimal im Leben. Lange Rede, kurzer Sinn: Man kann sich in dieser Region nicht aus dem Weg gehen."

Für die Jugend vor Ort gäbe es kaum Alternativen. Fußball sei deshalb ein wichtiger gesellschaftlicher Faktor. "Das nutzt Wesemann, in dem er einfach darüber Leute an sich bindet. Er ist ja nicht irgendwer", so Begrich. "Man muss sich klarmachen: Er ist im Fußball verankert, er ist kommerziell aktiv und er ist ein guter sozialer Netzwerker. Im Sinne von: Ich habe persönliche Kontakte, die in alle Himmelsrichtungen der Region gehen.

Früher Betreiber eines Corona-Testzentrums

Während der Corona-Pandemie beteiligte er sich mit anderen Rechtsextremisten an Demonstrationen gegen staatliche Maßnahmen. Parallel betrieb er damals mit seiner Frau ein Corona-Testzentrum in seinem Heimatort Stresow. Mit seiner Marke "UglyShirt 87" vertreibt er seit Jahren im Internet Kleidung und Utensilien, die rechtes Klientel und Hooligans ansprechen sollen.

Im Verein hat der Rechtsextremist kaum Gegenwind zu befürchten. Im letzten Jahr wurde der Vorstand abberufen. Max Kuckuck, sein Cousin, der ebenfalls Teil der Mannschaft ist, ist seitdem neuer Vorstandsvorsitzender des Vereins. Der Bruder von Wesemann ist auch Vereinsmitglied und vertreibt ebenfalls szenetypische Kleidung und wohnt in Stresow. Dort leben etwa 100 Menschen. Bei der letzten Bundestagswahl gaben hier knapp 52 Prozent ihre Zweitstimme der AfD an der Urne, die NPD kam auf fast neun Prozent.

Was sagt Wesemann zu den aktuellen Vorwürfen? Als MDR Investigativ ihn in Stresow zu kontaktieren versucht, will er keine Antwort geben. Neben dem Fußball-Landesverband hat auch der Landessportbund inzwischen ein Ausschlussverfahren eingeleitet.

Was sagt der Verein und der Vorstand zu den Vorwürfen? Schriftlich heißt es: Dass die von MDR Investigativ vorgebrachten Vorwürfe nicht konkret genug wären und dass man zu Gerüchten keine Stellung beziehen wolle. Ob es wirklich zu einem Ausschluss kommt, soll in den nächsten Wochen entschieden werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 17. Januar 2024 | 20:15 Uhr

9 Kommentare

MDR-Team vor 17 Wochen

Quellenschutz ist ein übliches journalistisches Vorgehen, an das wir uns halten, wenn Betroffene bzw. Zitatgeberinnen und -geber aus nachvollziehbaren Gründen nicht genannt werden wollen.

Erna vor 17 Wochen

MDR der Artikel besteht zum überwiegenden Teil aus Aussagen/Behauptungen von bzw. gegenüber MDR Investigativ. Dies ist Hören Sagen. Oder gehört MDR Investigativ zum Verfassungsschutz?

Fakt vor 17 Wochen

@Erna:

Es wurde seitens des MDR doch mit Betroffenen gesprochen. Wie kommen Sie da auf "anonymes" Hörensagen? Dass die Betroffenen aus Angst vor dem rechten Mob nicht genannt werden wollen, ist nachvollziehbar - und dass der MDR dieser Bitte nachkommt zeigt, dass vom MDR journalistische Standards eingehalten werden.

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