Schulorganisation Seiteneinsteiger auf Probe: Wenn plötzlich die Unterrichtsversorgung gefährdet ist

von Julia Heundorf, MDR SACHSEN-ANHALT

18. Dezember 2023, 11:01 Uhr

In Aschersleben gibt es an der Albert-Schweitzer-Schule zurzeit acht Seiteneinsteiger, einige von ihnen arbeiten bereits seit Jahren an der Gemeinschaftsschule. Für die Schule wurden Seiteneinsteiger zweimal zum Problem, als sich in der Probezeit herausstellte, dass es nicht passte. Denn die Lehrkräfte waren für das Schuljahr eingeplant.

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Sachsen-Anhalt wirbt um Seiteneinsteiger. 1.546 Lehrerinnen und Lehrer sind in diesem Schuljahr im Dienst, die eigentlich nicht Lehramt studiert haben, sich aber nun doch für diesen Beruf entschieden haben. Das entspricht etwa 11 Prozent aller Lehrkräfte. Aber nicht alle Seiteneinsteiger blühen im Job auf: Etwa ein Drittel von ihnen scheidet nach Angaben des Landesschulamtes wieder aus.

Die Behörde sieht unterschiedliche Gründe dafür: "Manche stellen fest, dass der Beruf doch nicht das Richtige für sie ist und kündigen." Bei anderen beende das Land das Dienstverhältnis, wenn es während der Probezeit feststelle, dass die Person nicht für den Beruf geeignet ist.

Aschersleben: Bisher zwei Seiteneinsteiger in der Probezeit gescheitert

An der Albert-Schweitzer-Schule in Aschersleben hat es bisher zweimal den Fall gegeben, dass Seiteneinsteiger die Probezeit nicht überstanden haben. Für die Schulleiterin in Aschersleben, Katrin Jelitte, war das ein großes Problem: "Das reißt natürlich in einen laufenden Schulbetrieb ein Loch rein."

Zwei Frauen sitzen an einem runden Tisch in einem Büro über Plänen auf großen Papieren
Wenn Seiteneinsteiger nach der Probezeit gehen, wird das für Schulleiterin Katrin Jelitte und Stellvertreterin Grit Röhl zum Dienstplan-Problem. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Die zwei Lehrkräfte seien jeweils mit 25 Stunden pro Woche eingeplant gewesen. So seien ihr 50 Stunden weggebrochen: "Und dieses Loch kann bei der Personalsituation auch nicht kurzfristig oder konnte nicht kurzfristig gefüllt werden."

Schulleiterin der Albert-Schweitzer-Schule kritisiert Einstellungsprozess

Die Schulleiterin kritisiert den Einstellungsprozess. Die Bewerbung läuft über das Land Sachsen-Anhalt. Das Landesschulamt prüft zuerst, ob die interessierten Anwärter geeignet sind. Dann können sie sich auf ausgeschriebene Stellen bewerben. Danach teilt das Landesschulamt Bewerberinnen und Bewerber zu. Die Schule hat wenig Mitspracherecht.

Junge Lehrerin schreibt 2016 an eine Schultafel. 4 min
Bildrechte: picture alliance / Julian Stratenschulte/dpa | Julian Stratenschulte

Damit ist Jelitte unzufrieden: "Wenn es dann um die konkrete Zuweisung einer bestimmten Schule geht, würde ich mir wünschen, dass wir genau da auch noch mal wirklich mit beteiligt werden." Man dürfe nicht unterschätzen, dass jede Schule ein anderes Konzept habe. Manchmal passe es einfach nicht. Katrin Jelitte ist sich sicher: Sie hätte im Fall ihrer zwei ausgeschiedenen Kollegen schon in einem Gespräch sagen können, dass es nichts wird.

Die Schulleiterin kritisiert auch, dass die Kurse, die Seiteneinsteiger besuchen müssen, mitten im Schuljahr stattfinden. Eine Seiteneinsteigerin, die erst in diesem Schuljahr begonnen hat, wird so zum Beispiel im Januar bereits wieder mehrere Wochen ausfallen – auch diesen Ausfall wird Katrin Jelitte im Dienstplan wieder auffangen müssen.

Ältere schwarzhaarige Frau in rotem Pullover sitzt in einem Klassenraum und blickt über die Schulter
Sylke Schröder ist mit 62 Jahren aus der Pharmaindustrie ins Lehramt gewechselt. Ihr Grundkurs fällt mitten ins laufende Schuljahr. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Großteil der Seiteneinsteiger bleibt

Im Idealfall, sagt Jelitte, würden sich interessierte Anwärter bei ihr melden, bevor sie sich bewerben. Insgesamt arbeiten mittlerweile an der Gemeinschaftsschule in Aschersleben acht Lehrerinnen und Lehrer, die kein Lehramtsstudium in der Tasche haben. Stattdessen hat zum Beispiel eine der dienstältesten Seiteneinsteigerinnen ein Geografie-Diplom.

Olivia Klingner ist bereits seit 2018 an der Albert-Schweitzer-Schule in Quedlinburg. Sie hat mit Einarbeitung und Unterrichtserfahrung aus einer früheren Anstellung gut in den Job gefunden. Das merkt man an den großen Fragezeichen über den Köpfen ihrer Schülerinnen, wenn es um das Thema Seiteneinsteiger geht.

Denn im Unterricht macht es dann für die Schülerinnen und Schüler doch oft keinen großen Unterschied, ob sie Mathe von einer Seiteneinsteigerin oder Lehramts-Absolventin lernen. Die Teilbarkeitsregeln, die Klingner an einem Dienstag im Winter in der vierten Stunde wiederholt, sitzen jedenfalls bei den meisten Jugendlichen.

Eine Frau mit dunkelblonden langen Haaren und schwarzer Kleidung unterrichtet in einem Klassenzimmer mit größeren Kindern
Olivia Klingner unterrichtet Mathe in der 5c – gerade geht es um Teilbarkeitsregeln. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

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MDR (Julia Heundorf) | Erstmals veröffentlicht am 10.12.2023

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 10. Dezember 2023 | 19:00 Uhr

34 Kommentare

Arbeitslos.2023 vor 10 Wochen

Statt mehr Lehrkräfte auszubilden machte die Otto-von-Guericke Universität folgendes: hier gibt es nur noch das Lehramt für Berufsschulen, alle anderen Lehramtsstudiengänge wurden ja nach Halle verlegt. Nun entspricht diese Universität wieder eher einer technischen und verwaltungswirtschaftlichen Universität. Warum nur. Damit wird das Lehramtsstudium nicht attraktiver. Aber man möchte ja lieber einen IT- Standort und die dazugehörige Bildungsstätte gleich mit. Und wer wird letztendlich dafür ausgebildet?! Vielleicht sollte man bei der Bildung an sich weniger auf technische Hilfsmittel setzen und das Fach Lesen (und mindestens zwei Bücher im Jahr zur Lesepflicht machen, mit dazugehörigen Klassenarbeit wie übrigens in der DDR) und Schönschrift, wie in der DDR zum Standard machen und den Taschenrechner nicht vor der 6. Klasse erlauben. Komisch, wir haben noch das schriftliche Rechnen und das Kopfrechnen gelent und haben auch die Schule geschafft.

Arbeitslos.2023 vor 10 Wochen

In Bezug auf die Ausbildungsqualität der Seiteneinsteiger bin ich der Ansicht, dass eine berufliche Qualifizierung und kontinuierliche Weiterbildung und Aufstiegsqualifizierung gleichgestellt werden sollten. Ich habe in beiden Berufsausbildungen eine vollwertige Ausbildung in Psychologie, Soziologie, Didaktik, Gerontopsyxhiatrie, Gesundheits- und Krankenlehre, Anatomie, Deutsch, Mathematik, Religionspädagigik, Ernährungslehre und Bewegungslehre erhalten (und das jeweils 3 Jahre lang). Dies entspricht wohl einer regulären Studienzeit und sollte deshalb auch gleichgestellt werden und somit könnte man auch über geeignete Ausbilder der anerkannten Ausbildungsberufe fähige Lehrkräfte gewinnen, die sogar über praktische Unterrichtserfahrung verfügen und wenigstens noch ein paar Jahre bis zur Rente in den verschiedenen Schulformen arbeiten. Alle Beteiligten hätten einen positiven Nutzen davon, wie z.B. Schüler, Eltern, die überlasteten Schulen, die Ministerien und Verwaltungen, Ausbilder.


Glasklar7 vor 10 Wochen

Sie sind sich aber schon im Klaren darüber, dass die Gesellschaftswissenschaften ebenfalls von zukünftigen Lehrkräften studiert werden? Lehramtsstudenten sitzen in der gleichen Vorlesung wie jene, die dann eher in der Forschung arbeiten. So einfach, wie man es sich vorstellt, ist es leider nicht.

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