Martin Röthel in einem Klassenraum
Der ehemalige Bürgermeister von Bad Schmiedeberg, Martin Röthel, ist als Seiteneinsteiger Lehrer an der Sekundarschule geworden. Bildrechte: MDR/André Damm

Bad Schmiedeberg Vom Bürgermeister zum Lehrer: "Ich bereue meine Entscheidung nicht"

von André Damm, MDR SACHSEN-ANHALT

27. November 2023, 16:45 Uhr

Martin Röthel aus Bad Schmiedeberg im Landkreis Wittenberg hat einen ungewöhnlichen Wechsel vollzogen. Nach sieben Jahren als Bürgermeister trat der Sozialdemokrat nicht mehr zur Wiederwahl an, sondern machte einen harten Schnitt. Er wurde Lehrer an einer Sekundarschule. Ein Vierteljahr ist nun vorbei – und Seiteneinsteiger Röthel bereut seine Entscheidung nicht.

MDR-Reporter André Damm
Bildrechte: André Damm

In der Stadtverwaltung in Bad Schmiedeberg im Kreis Wittenberg trug Martin Röthel als Bürgermeister meist ein Sakko, hatte eine Sekretärin und ein großes ehrwürdiges Büro mit schönem Blick auf den Marktplatz. Jetzt als Lehrer hat er all das nicht mehr.

Aber der 38-Jährige freut sich, dass ihm in der Sekundarschule der Kurstadt ein eigenes Zimmer zur Verfügung steht. Es liegt unterm Dach. Dort unterrichtet er Geschichte und Wirtschaft in den Klassen 5 bis 9. Ganz salopp trägt er Jeans und Pullover. Er macht den Eindruck, gut in seinem neuen Job angekommen zu sein.

Nahtloser Übergang vom Rathaus zur Schule

"Es war schon aufregend. Ich habe mich gefreut, unterrichten zu können und es hat auch gleich Spaß gemacht", sagt Röthel. Das Umfeld sei aber ganz anders als zu seiner Zeit als Bürgermeister: "Früher hatte ich Kontakt zu Erwachsenen, wollte die Leute überzeugen. Jetzt ist die Generation jünger, da muss man ganz anders rangehen. Kinder bekommen sofort mit: Hat der Lehrer Ahnung, ist er gut vorbereitet, ist er fair – und da fällt das Urteil ziemlich direkt aus."

Kinder bekommen sofort mit: Hat der Lehrer Ahnung, ist er gut vorbereitet, ist er fair – und da fällt das Urteil ziemlich direkt aus.

Martin Röthel, Lehrer in Bad Schmiedeberg

Sekundarschule in Bad Schmiedeberg
Das neue Arbeitsumfeld von Martin Röthel: An der Sekundarschule unterrichtet er die Klassen 5 bis 9. Bildrechte: MDR/André Damm

In Bad Schmiedeberg hatte Martin Röthel einen ziemlich nahtlosen Wechsel vollzogen. Der 31. Juli war sein letzter Arbeitstag als Rathauschef. Am 1. August trat er seinen neuen Job als Lehrer an.

Kurs und Mentorinnen für Seiteneinsteiger Röthel

Martin Röthel in einem Klassenraum
Bevor Martin Röthel unterrichten konnte, musste er einen Kurs über 100 Stunden absolvieren. Bildrechte: MDR/André Damm

"Ich wurde aber nicht gleich auf die Schüler und Schülerinnen losgelassen", erzählt er. Zuerst habe er einen Kurs über 100 Stunden am LISA, dem Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung, in Halle absolvieren müssen. Das seien vier harte Wochen für den Berufs-Neuling gewesen. Andererseits habe er dort alles Wichtige in Sachen Methodik und Didaktik vermittelt bekommen.

Doch der ehemalige Bürgermeister, der an der Fachhochschule einst Betriebswirtschaftslehre (BWL) studiert hat, sagt auch, dass er immer noch am Anfang stehe, ein Lernender sei. "Ich habe hier an der Sekundarschule zwei Mentorinnen, die mich betreuen", sagt Röthel, "Mit allen Fragen kann ich zu ihnen kommen. Sie schauen sich meinen Unterricht an, aber ich kann auch bei anderen Lehrern hospitieren. Das hilft mir enorm."

Drei Seiteneinsteiger unterrichten an Sekundarschule in Bad Schmiedeberg

Martin Röthel ist einer von drei Seiteneinsteigern, die in der Bad Schmiedeberger Bildungsstätte unterrichten. Insgesamt sind dort 20 Pädagogen beschäftigt. Schulleiter Roland Bette fühlt sich beim Thema Seiteneinsteiger hin- und hergerissen. Für die Lehrerschaft sei es eine zusätzliche Belastung, sich um die Neulinge zu kümmern, sagt er: "Es ist eigentlich das, was im Referendariat gemacht wird. Das wird nun den Schulen übertragen. Aber es ist auch eine Notwendigkeit. Wer soll sonst in ein paar Jahren den Unterricht machen?"

Sekundarschule in Bad Schmiedeberg
An der Sekundarschule in Bad Schmiedeberg unterrichten 20 Lehrerinnen und Lehrer, drei von ihnen Seiteneinsteiger. Bildrechte: MDR/André Damm

Tatsächlich sind in Sachsen-Anhalt bereits vergleichsweise viele Seiteneinsteiger verpflichtet worden. Laut Tobias Kühne vom Landesschulamt sind seit Beginn des aktuellen Schuljahres 1.546 berufsfremde im Schuldienst. Ihr Anteil an der gesamten Lehrerschaft liege damit bei elf Prozent. "Das kann aber schwanken", erklärt Kühne, "In den großen Städten unterrichten meist weniger Seiteneinsteiger, in ländlichen Regionen sind es häufig deutlich mehr."

Ein Drittel von ihnen scheide wieder aus, so Kühne weiter. Die Gründe dafür seien unterschiedlich: Entweder würden sie feststellen, dass der Beruf nicht der richtige für sie sei oder sie erwiesen sich als ungeeignet. Dann gehe man noch in der einjährigen Probezeit getrennte Wege.

Martin Röthel: "Meine Entscheidung, Lehrer zu werden, bereue ich nicht."

Der neue Sekundarschul-Lehrer Martin Röthel weiß, dass man den Lehrerberuf nicht unterschätzen darf. "Ich arbeite jetzt rein zeitlich nicht weniger als früher als Bürgermeister", sagt er, "Ich bin in der Schule, muss Stunden vorbereiten, Arbeiten korrigieren, mit Eltern sprechen." Dafür könne er sich seine Zeit jetzt besser einteilen als früher. 

Ich arbeite jetzt rein zeitlich nicht weniger als früher als Bürgermeister.

Martin Röthel, Lehrer in Bad Schmiedeberg

Als Bad Schmiedeberger Rathauschef hatte der verheiratete Vater von vier kleinen Kindern das Problem, dass fast jeder Abend verplant war. Zwischen 18 und 22 Uhr sei er nur ganz selten zu Hause gewesen. Jetzt als Lehrer könne er selbst entscheiden, ob er nachmittags oder spätabends an seinem Schreibtisch sitze. Im Vergleich zum Bürgermeister hätten Lehrer ein besseres Familienleben, findet Martin Röthel: "Meine Entscheidung, Lehrer zu werden, bereue ich nicht."

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MDR (André Damm, Maren Wilczek)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. November 2023 | 07:10 Uhr

6 Kommentare

Tom0815 vor 12 Wochen

@pwsksk
Ich gebe Ihnen größtenteils (persönlich) Recht, würde es aber etwas differenzierter übermitteln.

Handwerksberufe sind wichtig und können erfüllend sein. Auch kann man damit gutes Geld verdienen. Dafür muß man aber auch was tun, sich fortbilden, seinen Meister machen, evtl. in die Selbstständigkeit gehen. Von einfach nur "Ich lerne ein Handwerk" sind die Chancen für goldenen Boden gering und es könnte auch silberner Boden und kaputte Knochen sein.

Familie (im klassischen Stil) kann der Mittelpunkt des Lebens sein, muß es aber nicht. Für manche ist es der Job, für andere das Hobby, für die nächsten gesellschaftliches Engagement oder, oder, oder...

Ein früherer Ausbilder von mir hat immer gesagt: "Stillstand ist Rückschritt" und "man muß auch mal die A...backen zusammenkneifen". Beidem stimme ich zu.

Hr. Röthel wünsche ich alles Gute und weiterhin viel Spaß an seinem neuen Beruf.

Anita L. vor 12 Wochen

"Sagen sie ihnen, das eine Familie im Mittelpunkt des Lebens steht und das nichts mit "alten weißen Männern" zu tun hat."

Stimmt, um Familien zu bilden, braucht es keine weißen alten Männer. Im Gegenteil. Die wollen einem Immer nur erklären, wie diese Familien auszusehen haben.

Altlehrer vor 12 Wochen

Ich bewundere jeden Seiteneinsteiger, der sich in diesem Job mehr oder weniger auf sich allein gestellt durchbeißt. Denn auch hilfreiche Kollegen machen das eigene Unterrichten nicht leichter. Lehrer wird man letztendlich durch Erfahrung und Erfolge in der Arbeit mit Schülern und weniger durch jahrelanges theorielastiges Studium.

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