Wandersaison startet Gipfelglück: Wie kommt eigentlich das Bier auf die Bergbaude?

02. April 2023, 13:04 Uhr

Ein weiter Blick über die Berge, laue Frühlingsluft, Vogelzwitschern und Kilometer in den Beinen. Was gibt es Schöneres, als ein Sitzplatz am Gipfel und ein kaltes Getränk? Auf Sachsens Höhen und Aussichtspunkten locken Bergwirtschaften als Schlüssel zum Glück. Doch wie kommt eigentlich das Bier auf die Baude? MDR SACHSEN hat zwei Bergwirtschaften in der Sächsischen Schweiz und in der Lausitz besucht.

David hat Stress. Das heißt, eigentlich hat er keinen Stress, denn er arbeitet am wahrscheinlich schönsten Arbeitsplatz in Sachsen. Hoch oben auf dem Papststein kann der Blick weit wandern auf die Tafelberge der Sächsischen Schweiz, auf die darum drapierten Wälder, die saftigen Wiesen, die kleinen Dörfer und die malerische Weite. Es sind nicht die Alpen, nein. Trotzdem. Hier oben schiebt sich das Schwere zu einem Stecknadelkopf zusammen und das Leichte entsteigt wie aus einem Flaschenhals fröhlich gen Himmel. Apropos Flasche – das ist ein Punkt, an dem Davids Stress beginnt.

Wer bringt das Bier ohne Auto auf 451 Meter?

Gerade noch bugsiert er zwei Tassen Café vom Wirtschaftshaus in die Bergwirtschaft, sein leichtestes Spiel. Komplexer wird es, wenn sich der Flaschenvorrat im Kühlschrank dem Ende neigt. Oder auch das Bierfass. Gibt das Lager auch nichts mehr her, beginnt spätestens jetzt die schwere Logistik. Denn ein Bier auf dem Papststein hat keinen leichten und keinen konventionellen Weg, ehe es bei bester Aussicht prickelnd im Glas landet.

Der Papststein ist ein 451 Meter hoher Tafelberg in der Sächsischen Schweiz. Es führt keine Straße auf den Gipfel, auch kein noch so kleiner Anfahrtsweg. Kein Motorrad, kein Auto, kein Roller, nichts mit Motor hat eine Chance, auf den Papststein zu fahren. Das ist ja das Schöne! Doch auch die Schwierigkeit für das Bier und alle anderen prickelnden, kalten und saftigen Getränke. David bringt nicht nur die Getränke auf den Tisch, sondern auch auf den Berg.

Bier nur aus dem Fass

Natürlich gibt es Lastenaufzüge – erfahrene Bergsteiger kennen die Prozedur aus den Alpen zur Genüge. Trotzdem: Es bleibt ein kleines Wunder, erst recht in Sachsen. David muss also die Lastwagen der Getränkelieferanten zur Talstation des Aufzugs begleiten, ihnen dort die heiße Ware abnehmen, alles schön verpacken - niemand möchte, dass sich das gute Bier und die Limo im Wald verteilt - und auf den Anhänger der Gondel drapieren. Per Knopfdruck und mit Strom erklimmt der wertvolle goldene Saft dann langsam Höhenmeter für Höhenmeter. Damit ist es längst nicht getan.

Hinweis zur interaktiven Karte: Die Online-Kollegen von MDR SACHSEN, MDR SACHSEN-ANHALT und MDR THÜRINGEN haben einige Bergbauden und Wanderhütten zusammengetragen. Ihnen fehlen Hinweise oder Bergwirtschaften? Dann schreiben Sie uns gern.

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300 Liter Bier an Feiertagen

Brit Kaulfuß ist Kellnerin am Papststein. Sie weiß um die Brisanz der Warenlieferungen. "An Feiertagen verbrauchen wir hier mindestens zehn Fässer Bier und 30 Kästen Getränke", erklärt die Gastronomin, die 2003 bereits das erste Mal Bier auf dem Papststein servierte. "Das muss alles transportiert und eingeräumt werden." Hier kommt wieder David ins Spiel. Bei jeder Lieferung hievt er gemeinsam mit den anderen Männern die Fässer von der Bergstation auf die Schubkarre, fährt sie über den Gipfel und transportiert sie mit dem kleinen Lastenaufzug direkt vor das Wirtschaftshaus. Da ist jeder Tropfen Bier hart erarbeitet. Überhaupt jedes Getränk sowie das gesamte Essen. Denn alles, was oben auf dem Papststein gebraucht wird, muss entweder getragen oder per Lastenaufzug transportiert werden. Nach oben und nach unten.

Die Tücken des Gewichts

"Die 50-Liter Fässer bestellen wir schon lange nicht mehr", erklärt Brit Kaulfuß lachend. "Viel zu schwer. Wir arbeiten nur noch mit 30-Liter-Fässern. Natürlich werde bevorratet, einmal in der Woche komme eine große Lieferung. Doch was passiert, wenn das Bier alle ist? Brit Kaulfuß muss wieder lachen: "Wenn das Bier alle ist, ist es alle", erklärt sie belustigt. "Doch meistens ist nur eine Sorte alle. Wir saßen hier noch nie auf dem Trocknen. Dass wir auf dem Berg keinen Tropfen Bier mehr hatten, gab es noch nie."

Wir saßen hier noch nie auf dem Trocknen. Dass wir auf dem Berg keinen Tropfen Bier mehr hatten, gab es noch nie.

Brit Kaulfuß Kellnerin auf dem Papststein

Es ist Donnerstag 15:30 Uhr. Ein neuer Trupp Wanderer trudelt herein. David eilt langsamen Schrittes an den Tisch und nimmt die Bestellung auf. "Die Nachfrage ist sehr gut", sagt Brit. Dabei huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. "Wir können uns nicht beschweren." Doch weniger die Gäste als das Personal sei das Problem. "Wie überall suchen auch wir händeringend Köchinnen oder Köche", erklärt sie. "Hier ist der größte Engpass." Der Markt sei leergefegt.

Neue Köchinnen und Köche braucht das Land

Bei diesem Thema schlägt auch Gegror Ladusch die Hände über dem Kopf zusammen. "Köchinnen und Köche sind überall heiß begehrt", erklärt er. "Wir suchen dringend Verstärkung." Gregor Ladusch ist Junior-Betreiber der Czorneboh-Baude bei Cunewalde südlich von Bautzen. "Viele sind während der Corona-Pandemie in Alten- und Kinderheime abgewandert", erklärt er. Das kann ich auch verstehen, ein Job dort ist einfach weniger Schwankungen unterworfen." Die Czorneboh-Baude auf 560 Meter Höhe wurde 1850 bis 1852 von der Stadt Bautzen gebaut und gehört ihr bis heute. Nach der Sanierung in den Jahren 2014 bis 2016 haben Ladusch und Familie die bekannte Bergwirtschaft übernommen.

Alle helfen in der Küche

Ladusch ist selbst gelernter Koch und schmeißt die Küche gerade allein. Doch wenn die Gäste in Scharen kommen, reicht auch die beste Organisation nicht. "Wird es draußen eng, helfen alle mit. Dann schnippeln die Kellner in der Küche", erklärt Ladusch, der auch vegetarisches und veganes Essen auf der Karte hat und nach eigenen Angaben vor allem bei den Bauern der Region kauft.

Czorneboh-Baude: Bier kommt mit dem Laster

Doch zurück zum Bier. Wie bringt Gegor Ladusch das Bier auf seine Baude? Der Koch muss lachen. "Die Czornebohbaude liegt zwar 530 Meter hoch, doch hierher führt eine ganz normale Straße", erklärt der Bergwirt. "Die Fässer Bier und auch alle andern Getränke kommen im Transporter und Laster direkt vor die Tür." Die Zufahrtsstraße sei im Rahmen der Sanierung der Baude erneuert worden und können natürlich jetzt genutzt werden. Nur im Winter, wenn Schnee liegt, kämpfen sich die Laster nicht bis hoch an Gipfel. "Dann kaufen wir auf Vorrat und packen das Lager voll."

1 Kommentar

Lyn am 02.04.2023

Sehr interessant, toller Aufzug am Papststein.
Als da hätte ich noch eine impertinente Frage.
Wie wird die Klärgrube geleert?
Es gibt doch eine Toilette?
Wird per Hand abgepumt und im Spezialeimer via Aufzug befördert? Anders kann ich mir das spontan nicht vorstellen.

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