Balkanroute Wie Flüchtlinge über Prag nach Deutschland kommen

Über das Mittelmeer bis nach Griechenland weiter nach Serbien – über die Balkanroute versuchen immer mehr Menschen in die EU zu kommen. Viele landen dann in Tschechien, um von dort weiter nach Deutschland zu fahren. MDR exakt war mit der Bundespolizei unterwegs, die zwei Geflüchtete aus dem Irak im Zug aufgegriffen hat.

Viele Geflüchtete sitzen in Prag vor dem Hauptbahnhof.
Den Großteil der Strecke von der Türkei nach Tschechien hätten sie zu Fuß zurückgelegt, sagt einer der Männer, die auf einer Bank vor dem Hauptbahnhof in Prag sitzen. Er hebt drei Finger und sagt, dass er drei Monate dafür gebraucht hätte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie sitzen auf Bänken vor dem Hauptbahnhof in Prag. Dorthin – in die Hauptstadt von Tschechien – kommen seit dem Sommer immer mehr Migranten und Flüchtlinge über die westliche Balkanroute. Wohin sie wollen? "Nach Almanya", antwortet ein junger Mann. Er will nach Deutschland – so wie viele der Männer, die Reporter von MDR exakt in der vergangenen Woche dort angetroffen haben.

Viele kommen aus dem Nahen und Mittleren Osten. Mehr als 2.000 Kilometer liegen hinter ihnen. Den Großteil der Strecke hätten sie zu Fuß zurückgelegt, sagt einer der drei Männer, die auf einer der Bänke sitzen und hebt drei Finger: "Drei Monate. Von der Türkei bis nach Tschechien." Sie sind Syrer und ein Teil von ihnen hat seit Ausbruch des Krieges in der Türkei gelebt.

Geflüchtete kommen aus Syrien, Irak oder Afghanistan

Balkanroute: Von Serbien gibt es zwei große Ströme - nach Tschechien und nach Österreich.
Balkanroute: Von Serbien gibt es zwei große Ströme - nach Tschechien und nach Österreich. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Flüchtlinge und Migranten kommen vor allem aus drei Ländern, die von Krieg oder Bürgerkrieg geprägt sind: Syrien, Irak und Afghanistan. Sie haben den Weg über die Türkei genommen. Von der Türkei geht es über das Mittelmeer oder den Landweg nach Griechenland. Ab dort führt der Weg über einen der Nachbarstaaten nach Serbien.

In Serbien kommen nicht nur Flüchtlinge über die Landesgrenzen an. Es gibt auch Migranten aus Ländern wie Tunesien oder Indien, die aufgrund der Visafreiheit mit dem Flugzeug nach Serbien reisen. Von Serbien gibt es zwei große Ströme: Nach Österreich und nach Tschechien. Von Prag wollen die meisten Migranten und Flüchtlinge mit dem Zug nach Deutschland – um dort Asyl zu beantragen. Einige zieht es auch in andere Länder Westeuropas.

Polizei: Kaum ein Flüchtling hat in Tschechien Asyl beantragt

In Tschechien will kaum jemand bleiben. "Natürlich bieten wir den Migranten an, Asyl zu beantragen.", erklärt der Sprecher der Polizei Tschechien, David Schön. "Ich habe aber keine Information darüber, dass irgendein Migrant in der Tschechischen Republik Asyl beantragt hätte."

Ich habe aber keine Information darüber, dass irgendein Migrant in der Tschechischen Republik Asyl beantragt hätte.

David Schön Sprecher der Polizei Tschechien

Im laufenden Jahr hat die tschechische Polizei mehr als 15.000 illegale Migranten aufgegriffen – so viele wie nie zuvor. Neuerdings kontrolliert Tschechien die Grenze zur Slowakei und schickt Migranten zurück, erklärt Polizeisprecher David Schön. Wer es nach Tschechien schafft, wird nicht lange festgehalten. Für den Fall, dass nicht klar ist, woher der Migrant nach Tschechien eingereist ist, wird ihm eine Ausreiseaufforderung ausgestellt, die ihn dazu verpflichtet, das Gebiet der Tschechischen Republik innerhalb von 30 Tagen zu verlassen.

Syrer flüchten aus Türkei wegen zunehmenden Rassismus?

In Prag hilft die "Initiative Hauptbahnhof" den Geflüchteten – oft ist das die erste medizinische Behandlung seit langem. Studierende versorgen etwa die Wunden an den Füßen. Andere schenken dampfenden Tee in Bechern aus, verteilen Lebensmittel oder frische Kleidung.

"Ich habe neun Jahre in der Türkei gelebt. Früher war es dort besser", erklärt Abdullah seine Gründe für seine erneute Flucht.
"Ich habe neun Jahre in der Türkei gelebt. Früher war es dort besser", erklärt Abdullah seine Gründe für die erneute Flucht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Viele Flüchtlinge haben die Türkei verlassen, weil es dort für Syrer immer schwerer wird. "Ich habe neun Jahre in der Türkei gelebt. Früher war es dort besser", erklärt Abdullah gegenüber MDR exakt. Doch jetzt, wo in der Türkei Wahlen bevorstehen, sei alles anders geworden. "Der Rassismus hat zugenommen. Türkische Bürger diskriminieren Syrer. Es gab Situationen, wo Syrer ohne jeden Anlass mit Messern angegriffen wurden." Deshalb hat Abdullah nun die Türkei verlassen. Das Land, in das er als Kind mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen war.

Der Rassismus hat zugenommen. Es gab Situationen, wo Syrer ohne jeden Anlass mit Messern angegriffen wurden.

Abdullah

"Es war ungefähr Anfang bis Mitte August, als wir bemerkt haben, dass jeden Tag die Zahl der Ankömmlinge steigt", berichtet Hana Ďurajková von der Hilfsorganisation "Initiative Hauptbahnhof". "Die Spitze war vor etwa zwei Wochen erreicht, als hier am Hauptbahnhof 260 Leute übernachtet haben." Doch nachdem Tschechien die Grenzkontrollen zur Slowakei eingeführt habe, würden die Zahlen beständig abnehmen. "Aber wir haben jeden Abend immer noch 20 bis 70 Leute, die kommen und denen wir helfen."

Österreich: So viele Asylanträge wie seit 2015 nicht mehr

Während Tschechien nur als Transitroute für die Migranten fungiert, ist das benachbarte Österreich sowohl Station als auch Ziel: Die Alpenrepublik meldet für 2022 so viel Asylanträge wie seit 2015 nicht mehr – 56.000. Allerdings stammt ein Drittel von Menschen aus Indien und Tunesien. Ihre Chancen auf Asyl sind gering.

Von Österreich bewegen sich wiederum viele Menschen nach Bayern. Ein anderer Teil macht sich von Tschechien meist nach Sachsen auf. Bis September wurden rund 16.000 illegale Einreisen über die Balkanroute nach Bayern festgestellt – in Sachsen waren es etwa 7.500. Die Zahl der Asylanträge in Deutschland lag von Januar bis September 2022 bei circa 135.000. Das ist ein Anstieg gegenüber den Vorjahren, aber deutlich weniger als 2015 und 2016.

Migranten im Zug nach Deutschland

In einem Frühzug von Prag nach Berlin hat ein Reporter von MDR exakt Muhammad und Rachman aus dem Irak getroffen. Die Beiden sind aufgeregt, als der Zug gegen 7.30 Uhr Ústí nad Labem erreicht und damit gleich die Grenze überqueren wird.

Rachman kam 2015 übers Mittelmeer, kehrte wegen eines kranken Kindes zurück, sagt er. Diesmal bezahlte er für den Landweg: 1.500 Euro an die Schlepper für die Autofahrt nach Griechenland, von dort noch einmal 1.100 Euro für die Schleusung nach Serbien. Muhammad, ein 14-Jähriger aus Syrien, will zu seinem Bruder in Deutschland. Er hat einen kleinen, weißen Zettel in der Hand auf dem steht: "Rheine". In der Stadt in Nordrhein-Westfalen lebt sein Verwandter.

Kurz hinter der tschechischen Grenze – in Bad Schandau – steigt ein Dutzend Beamte der Bundespolizei in den Zug. Kontrolliert werden Passagiere, die als illegal Einreisende in Frage kämen. Muhammad und Rahman sind die einzigen Migranten, die im Frühzug festgestellt werden. Häufig sind mehr unterwegs.

Bundespolizei kontrolliert Strecke an Grenze zu Sachsen

Die Bundespolizei kontrolliert per Schleiherfahndung Züge, die aus Tschechien nach Deutschland kommen.
Die Bundespolizei kontrolliert Züge, die aus Tschechien nach Deutschland kommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir führen eine so genannte Schengen-Binnen-Grenzkontrolle durch, mitunter nennt man das auch Schleierfahndung", erklärt der Sprecher der Bundespolizei Pirna, Holger Uhlitzsch. Dabei würden stichprobenartig Reisepass, Personalausweis oder Aufenthaltsdokument kontrolliert – insofern vorhanden. "Was wir in den letzten Monaten aber festgestellt haben, ist, dass hauptsächlich männliche Personen einreisen. Junge Männer, so im Alter zwischen 18 und 30 Jahren, meistens allein reisend, wenig Gepäck oder auch nicht witterungsgerecht angezogen." Darauf hätten die Beamten ihren Fokus gerichtet.

Muhammad wird schließlich am Hauptbahnhof in Dresden durch die Bundespolizei durchsucht, anschließend werden seine Fingerabdrücke geprüft. Der Abgleich mit den europäischen Datenbanken ergibt, dass ihn noch kein anderes Land erfasst hat. Dann darf der Jugendliche sich ausruhen. Später wird Muhammad noch zur Vernehmung gebracht, bevor ihn das Jugendamt übernimmt.

Bundespolizei Dresden: Es ist nicht wie 2015 oder 2016

Die meisten Migranten und Flüchtlinge überqueren die Grenze nach Sachsen mit dem Zug. 2.400 wurden im September von der Bundespolizei aufgegriffen – so viel wie im gesamten Vorjahr. "Also die Situation ist mit 2015 und 2016 nicht vergleichbar", sagt der Chef der Bundespolizei Dresden, Rico Reuschel. "Wir haben eine hohe Anzahl an unerlaubt Eingereisten. Wir registrieren aber alle Personen hier, die wir feststellen. Das ist der große Unterschied zu 2015/2016: "Wir haben ein geordnetes Verfahren."

Aktuell nimmt die Migration wieder ab – inzwischen ist der Weg nach Deutschland teilweise versperrt. Hauptgrund: Tschechien hat dichte Kontrollen an der Grenze zur Slowakei eingeführt. Künftig wird es schwerer für Migranten und Flüchtlinge, über die Balkanroute in die EU zu gelangen.

Serbien hat angekündigt, die Visa-Freiheit für Staaten wie Indien und Tunesien wieder zurückzunehmen. Ungarn will den Grenzzaun zu Serbien um einen Meter auf fünf erhöhen und verlängern. Außerdem gibt es aktuell Grenzkontrollen zwischen Österreich und der Slowakei sowie Österreich und Deutschland.

Qelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 19. Oktober 2022 | 20:15 Uhr

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