Zwei Frauen und ein Kind sitzen an einem Tisch
Schulleiterin Janine Scheller, Schülersprecher David Borrell und Elternsprecherin Yvonne Meinhardt sorgen sich wegen der vielen ausgefallenen Stunden. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Lehrermangel Unterrichtsausfall: Regelschüler in Ranis sorgen sich um Abschlussprüfungen

27. Oktober 2023, 05:00 Uhr

In der Regelschule Ranis fielen schon zu Beginn des Schuljahres rund zwanzig Prozent des Unterrichtes aus. Jetzt sind zwar neue Lehrerinnen an der Schule. Trotzdem gibt es keinen Grund für Entwarnung.

Für die Klasse 8a an der Regelschule Ranis beginnt der Tag mit einer Chemiestunde bei Herrn Pfeffer. Die Schüler arbeiten in Gruppen und tragen Informationen über Metalle zusammen. "Ich bin froh, dass ich in den 7. bis 10. Klassen jede Woche zwei Stunden Chemie geben kann", sagt der Fachlehrer. "In Natur und Technik reicht die Zeit im Moment nur für die zehnten Klassen."

Wenn wir jetzt zum Beispiel gar keine Physik haben, was ja ein Prüfungsfach ist, dann macht das schon Angst.

David Borrell Schülersprecher

Kein Einzelfall, wie Schulleiterin Janine Scheller erzählt. Fast täglich muss sie den Stundenplan anpassen, weil Kollegen fehlen. Von eigentlich 19 Pädagogen sind in dieser Woche neun nicht verfügbar. Sie sind krank oder auf Klassenfahrt. Für die Schülerinnen und Schüler an der Regelschule heißt das, dass sie statt sechs oder sieben Stunden nur drei bis vier Unterrichtseinheiten am Tag haben. Oder, dass Unterricht ganz ausfallen muss.

Sorge um Ausfall in Prüfungsfächern

"Am meisten klemmt's in Deutsch, Mathe und Englisch", sagt Janine Scheller. "Da sind zwar Lehrer da, aber die reichen nicht, um die volle Stundenzahl zu geben." Ab dem nächsten Jahr könnte es auch in Biologie und Chemie eng werden.

Auch der stellvertretende Schülersprecher David Borrell sorgt sich um die naturwissenschaftlichen Fächer. "Wenn wir jetzt zum Beispiel gar keine Physik haben, was ja ein Prüfungsfach ist, dann macht das schon Angst."

Eine Schulklasse während des Unterrichts
Die Klasse 8a muss ab April wahrscheinlich auch auf den Chemieunterricht verzichten. Der Fachlehrer geht in Rente. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Hoffnung auf Quereinsteiger

Seit fast zwei Jahren kämpft Janine Scheller um mehr Lehrer für ihre Schule. Bisher leitete sie das Haus kommissarisch, seit ihre Amtsvorgängerin an das Schulamt nach Gera wechselte. Mit viel Einsatz versucht sie, Bewerbern die Schule im ländlichen Ranis schmackhaft zu machen, lockt mit dem Blick aus dem Lehrerzimmer hinüber zur Burg.

Einige Neue konnte sie schon gewinnen, auch Studenten, die allerdings nach einiger Zeit weiterziehen mussten. Viele Hoffnungen setzt die Schulleiterin in Quereinsteiger. Zwei davon haben Anfang Oktober in Ranis angefangen. Sie müssen aber nun erst einmal eingearbeitet werden, bevor sie selbstständig vor der Klasse stehen können.

Eine Frau schaut auf einen Computerbildschirm
Schulleiterin Janine Scheller muss fast täglich den Stundenplan ändern. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Auf Quereinsteiger hofft auch das Thüringer Bildungsministerium. Im letzten Schuljahr konnten rund 1.000 Lehrer neu eingestellt werden, allerdings gingen im gleichen Zeitraum auch 900 in Rente. Aktuell sind 800 Lehrerstellen ausgeschrieben, auf die sich Interessenten digital bewerben können.

Außerdem will das Ministerium 100 Pädagogische Assistentinnen und Assistenten einstellen. Bewerber für Regionen mit besonders hohem Lehrermangel wie in Ostthüringen erhalten Sonderzulagen. Zukünftig soll es auch ein Duales Studium für das Regelschullehramt geben, so die Erfurter.

Klassenstufen 7 und 8 besonders betroffen

In Ranis sorgen die beiden neuen Lehrerinnen nur bedingt für Entlastung. Durch die vielen kranken Lehrer an der Schule fällt vor allem in den 7. und 8. Klassen viel Unterricht aus. Zugunsten der jüngeren Regelschüler, die täglich bis 13 Uhr betreut werden müssen. Auch die Abschlussklassen neun und zehn sollen möglichst wenig Ausfall haben, wie Janine Scheller erzählt.

Sie geben sich hier alle viel Mühe, aber es sind eben zu wenig Köpfe.

Yvonne Meinhardt Schulelternsprecherin

Für die verbliebenen Pädagogen bedeutet der Mangel an Kollegen zum Teil viele Überstunden. Die Schulleiterin ist froh, dass sie sich auf ihr Team verlassen kann. Und auch Schulelternsprecherin Yvonne Meinhardt sieht das Engagement der Schule. "Sie geben sich hier alle viel Mühe, aber es sind eben zu wenig Köpfe", sagt sie.

Ein Schulgebäude in Ranis
In der Regelschule Ranis lernen aktuell fast 340 Schülerinnen und Schüler. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Appell an Landesregierung

Die Eltern machen sich vor allem um die Abschlussprüfungen Sorgen. Seit diesem Jahr gibt es keine Sonderregelungen mehr wie noch zu Corona-Zeiten. Heißt: die Schüler müssen den gesamten Lehrstoff können. Auch, wenn er wegen Lehrermangel gar nicht vermittelt werden konnte.

Die meisten können sich gar nicht mehr über einen ganzen Tag konzentrieren. Sie haben es ja auch nie gelernt.

David Borrell Schülersprecher

Die Elternsprecherin fordert deshalb von der Landesregierung, die Situation nicht weiter zu ignorieren und die Prüfungen zu verändern. Die naturwissenschaftliche Prüfung könnte zum Beispiel mündlich erfolgen. "Dann könnte der Lehrer die Themen prüfen, die auch wirklich behandelt wurden", sagt Yvonne Meinhardt.

Bessere Technik kein Allheilmittel

Janine Scheller ist froh, dass inzwischen wenigstens die technische Ausstattung der Regelschule besser geworden ist. Wegen fehlender Steckdosen in dem DDR-Bau der 1980er-Jahre gab es lange kein Wlan und keine Bildschirme an den Wänden. Mit der neuen Technik könnten die Schüler jetzt bei Ausfall eines Lehrers in eine andere Klasse geschaltet werden.

Doch das scheint noch Zukunftsmusik zu sein und die Raniser müssen wohl auch weiter mit drei oder vier Stunden pro Tag auskommen. Darin sieht auch der Schülersprecher ein großes Problem. "Die meisten können sich gar nicht mehr über einen ganzen Tag konzentrieren", sagt David Borrell. "Sie haben es ja auch nie gelernt." Spätestens in der Ausbildung könnte sich das rächen.

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MDR (cfr)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 27. Oktober 2023 | 19:00 Uhr

8 Kommentare

Ray vor 24 Wochen

Vor ein paar Jahren hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer angehenden Lehramtsstudentin, u.a. für das Fach Mathematik....sie erzählte mir,sie müsse für ihr Refendarium ins Nachbarbundesland, da hier der Numerus Clausus zu hoch wäre...den hat sie nur knapp verfehlt... natürlich ist sie nicht mach Thüringen zurück gekehrt....wer wundert sich hier also...ich selbst habe mich vor vier Jahren über meine Möglichkeiten zum Quereinstieg informiert, da kam ich mir als Sozialpädagogin mit Masterabschluss nicht ernstgenommen vor...da ich ja kaum Fächer unterrichten könne...auch Personen aus anderen Fachbereichen ging es so...auch heute wird einem ein Einstieg schwer und kompliziert gemacht...viele scheitern schon, wenn sie Antrag und Bedingungen sehen...meiner Meinung nach ein selbst erschaffenes Problem...

Hennery vor 24 Wochen

Ja, da ist sie wieder ... die Unfähigkeit der Verantwortlichen.
Reden schwingen, Versprechungen abgeben wie im Wahlkampf. Nur, dass es hier das echte Leben ist und nicht die politische Traumwelt.

Vielleicht kommentiert ja keiner weiter, weil man einfach nur noch sprachlos ist. Sprachlos darüber, was aus diesem Land geworden ist. Geld ist immer mal nicht da, wenn es für die Zukunft unseres Wohlstands ist ... trägt ja erst viel später Früchte. Dann ist man doch lieber sicher im Wahlsessel.

Frage: Wie groß ist wohl das Interesse an thüringer Kindern, wenn man aus Mecklenburg-Vorpommern kommt.
Wer regiert uns?
Vornehmlich Leute aus den gebrauchten Ländern.

Damit erklärt sich dann schon mal einiges ...

MamaEF vor 24 Wochen

Dazu sei gesagt, das selbst das so digitale Schweden inzwischen wieder in Schulbücher, Stifte und Papier investiert, zumindest bei jungen Schülern...
nicht alles was digital ist ist per se gut....

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