Grafik zur Illustration der ungleichen Geschlechterverteilung im Fernsehen
Bildrechte: MEDIEN360G

MaLisa-Studie Verzerrtes Rollenbild im Kinderfernsehen

Frauen sind im deutschen Fernsehen unterrepräsentiert. Das zeigt die Studie "Audiovisuelle Diversität - Geschlechterdarstellung in Film und Fernsehen in Deutschland", die von der Universität Rostock durchgeführt wurde. Sie ist nach eigenen Angaben die bislang umfassendste Studie zur Ermittlung von Geschlechterdarstellungen. Alarmierend: Besonders im deutschen Kinderfernsehen herrscht ein signifikantes Geschlechterungleichgewicht.

Grafik zur Illustration der ungleichen Geschlechterverteilung im Fernsehen
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Die Studie

Über 3.000 Stunden TV-Programm aus dem Jahr 2016 und über 800 deutschsprachige Kinofilme aus den letzten sechs Jahren wurden dafür detailliert ausgewertet. Es wurde nicht nur die Rolle von Frauen und Männern in fiktionalen und Unterhaltungsformaten untersucht, sondern auch deren Platzierung und Darstellung als Experten bzw. Expertinnen bei journalistischen und dokumentarischen Beiträgen. Initiiert wurde die Untersuchung von der Schauspielerin Maria Furtwängler und ihrer MaLisa-Stiftung:

Es ist wichtig zu verstehen, welches Geschlechterbild mit der enormen Wirkungsmacht des Fernsehens und Kinos transportiert wird. In anderen Ländern wird schon viel getan, um die Darstellung von Frauen und Männern auf Bildschirm und Leinwand wissenschaftlich aufzuarbeiten. Hierzulande liegen uns kaum valide Zahlen vor.

Dr. Maria Furtwängler

Gefördert wurde die Studie unter anderem von ARD, ZDF, ProSiebenSat.1 und RTL.

Ergebnisse

Die Zahlen, die die Studie aufzeigt, sind eindeutig: Männer beherrschen die Fernsehwelt. Frauen sind durchweg unterrepräsentiert: Über alle Fernsehprogramme hinweg kommen auf eine Frau zwei Männer. Und wenn Frauen vorkommen, dann häufig im Kontext von Beziehung und Partnerschaft.

Wie die Macher der Studie ebenfalls herausgefunden haben, entsteht das Ungleichgewicht erst ab einem Alter von Mitte 30. Bis zum Alter von 50 Jahren kommen auf eine Frau zwei Männer, darüber hinaus sogar drei. Dies ist in allen Sendern, Formaten und Genres zu beobachten und gilt auch für den Kinofilm.

Besonders deutlich wird der Unterschied bei Informationsformaten: Nur jeder dritte Akteur in Nachrichten und nonfiktionaler Unterhaltung ist eine Frau. Sowohl Moderatoren, Journalisten und Sprecher, als auch Experten sind überwiegend männlich.

Lediglich in Telenovelas und Daily Soaps scheint das Geschlechterverhältnis ausgeglichen zu sein.

Kinderfernsehen

Schauspielerin und MaLisa-Gründerin Maria Furtwängler im Gespräch mit Verantwortlichen des KiKA zum Thema Diversität im Kinderfernsehen
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Im deutschen Kinderfernsehen ist das Ungleichgewicht sogar noch größer: Nur eine von vier Figuren ist weiblich. Imaginäre Figuren oder Tiere werden fast ausschließlich durch Jungen und Männer besetzt.

Um zu diskutieren, was das für das Kinderfernsehen bedeutet und was dagegen getan werden könnte, hat KiKA die Beteiligten der Studie nach Erfurt eingeladen. Zusammen mit Maria Furtwängler und der Leiterin der Studie, Elizabeth Prommer, diskutierten ARD-Vorsitzende Karola Wille und KiKA-Programmgeschäftsführer Michael Stumpf, was getan werden müsse, um die Geschlechterverteilung im KiKa ausgeglichener zu gestalten.

Dass dies dringend nötig sei, um der Verantwortung gegenüber Kindern gerecht zu werden, darüber waren sich alle Beteiligten einig.

Bilder wirken. Und ein bestimmter Mangel an Bildern, vor allem an diversen Frauenbildern, wirkt auch.

Dr. Maria Furtwängler

Einen möglichen Grund für das Ungleichgewicht sehen die Beteiligten in der gesellschaftlichen Akzeptanz. Mädchen würden eher so erzogen, dass sie Frauen und Männer gleichermaßen als Vorbild akzeptieren, während sich Jungen seltener mit weiblichen Figuren identifizieren könnten, so die Meinung von Maria Furtwängler. KiKA-Programmgeschäftsführer Michael Stumpf gibt sich selbstkritisch:

Diese inneren Bilder müssen wir verändern, da können wir nicht sagen, nur weil die Gesellschaft so ist, sind wir auch so und bilden ab, sondern da müssen wir wirklich aktiv gegensteuern und andere Bilder säen.

Michael Stumpf

In Zukunft wolle man versuchen, bei der Auswahl von Experten und Sprechern auf mehr Ausgeglichenheit zu achten, so Michael Stumpf. Insbesondere Erklärformate und Fremdproduktionen sollen genau unter die Lupe genommen werden. Inwiefern sich dann tatsächlich etwas verändert, dazu plant Maria Furtwängler, nach etwa zwei Jahren eine Folgestudie anzufertigen. Diese werde man gern auch finanziell unterstützen, verspricht ARD-Vorsitzende Karola Wille. Sie könne aber in einem Veränderungsprozess nur einen Zwischenschritt illustrieren.

Das Ganze ist ein gesellschaftlicher Prozess, in dem viele Faktoren eine Rolle spielen, aber in dem wir als mediale Vermittlungsinstanz schon ein Stück in der Verantwortung stehen.

Prof. Dr. Karola Wille

Zuletzt aktualisiert: 09. Juli 2018, 11:49 Uhr

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