Digital Immigrants Parental Control – Alles zum Schutz der Kinder?

Ein typisches Eltern-Dilemma: Da gibt es einerseits eine Aufsichtspflicht für die eigenen Kinder. Andererseits, selbst wenn man wollte, könnte man seine Kinder gar nicht immer im Auge behalten. Schließlich müssen die meisten Eltern arbeiten gehen. Und doch nagt an vielen die Ungewissheit: Wie kann ich mein Kind schützen, wenn ich nicht da sein kann – sowohl in der realen als auch in der digitalen Welt? Für dieses Problem scheint es eine einfache Lösung zu geben: sogenannte Parental-Control-Apps.

von Katharina Pritzkow für MEDIEN360G

Mädchen mit Regenschirm. 8 min
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Digital Immigrants Parental Control

Parental Control

So 22.04.2018 14:27Uhr 07:56 min

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"Schützen Sie Ihre Liebsten Online!"

Sie versprechen ein Höchstmaß an elterlicher Kontrolle und Gleichzeitig den "Schutz der Liebsten". Die Programme werden in der Regel auf den Smartphones von Kindern und Eltern installiert und bringen dann, je nach Anbieter, ein umfangreiches Paket an Funktionen mit.

Ortung

Auf einer Karte, die in der App integriert ist, können Eltern sehen, wo das Smartphone ihres Kindes gerade ist. Im Grunde wird hier die gleiche Ortungsfunktion genutzt wie bei Navigations-Apps. Am genauesten ist dabei GPS, allerdings ist der Akku mit permanenter GPS-Verbindung schnell alle. 

Alternativ funktioniert auch die Ortung über WLAN oder das Mobilfunk-Netz. Hier wird aber lediglich der ungefähre Standort angezeigt.

Geo-Zaun

Die sogenannte Geo-Zaun-Funktion ist eine Erweiterung der herkömmlichen Ortung. Hier legen Eltern auf einer Karte einen Bereich fest, in dem sich das Kind aufhalten darf, bzw. den es nicht verlassen sollte. Wenn die festgelegten Punkte überschritten werden, meldet die App bei der Kontroll-App der Eltern, dass das Kind den erlaubten Bereich verlassen hat. 

Allerdings, so empfiehlt es Experte Alexander Spier vom Computermagazin c’t, sollten sich Eltern nicht gänzlich auf die Programme verlassen. Bei der Geo-Zaun-Funktion sei es beim Test immer wieder zu Fehlalarmen gekommen oder der Alarm sei viel zu spät losgegangen, weil beispielsweise gerade keine Datenverbindung aktiv war.

Ein kleines Mädchen mit Smartphone.
Bildrechte: IMAGO

Zeitvorgaben für die Gerätenutzung

Eltern können festlegen, wie intensiv ihr Kind die Programme des Smartphones benutzen darf, zum Beispiel nach welcher Zeit auf dem Kinder-Smartphone keine Spiele mehr gespielt werden können.

Allerdings, so Computer-Experte Spier, sind die Geräte dann kaum mehr benutzbar. Eltern sollten darauf achten, bestimmte Nummern freizugeben, die das Kind mit dem Gerät im Notfall noch anrufen kann. Auch SMS können bei den meisten Programmen von der Sperre ausgenommen werden.  

Schutz im Internet

Nicht nur zum Tracken der Kinder sind die Programme gedacht – auch für den Schutz im Internet. Das heißt, Webseiten können blockiert werden, die Eltern für nicht kindgerecht halten. Hier gibt es meist vorgefertigte Profile, auf die Nutzer zurückgreifen können, z.B. für ein siebenjähriges Kind. 

Die App sperrt dann automatisch bestimmte Inhalte. Seiten auf denen pornografische Inhalte, Glücksspiel oder Dating stattfinden, können dann nicht mehr aufgerufen werden. Allerdings können sich die gesperrten Inhalte je nach Anbieter unterscheiden. Eltern sollten sich also genau anschauen, welche Seiten freigegeben bzw. blockiert werden und gegebenenfalls nachjustieren.

Einige Apps schicken auch einen täglichen Aktivitätsbericht zur Nutzung des Kinder-Smartphones an die Eltern oder eine Benachrichtigung, wenn ein voreingestelltes Tempolimit überschritten wurde. So können Eltern auch sehen, wenn der Schulbus zu schnell unterwegs war.

Eine Illusion von Sicherheit

Doch Eltern sollten sich nicht zu sicher fühlen. Denn Kinder können äußerst kreativ werden, weiß c’t-Experte Alexander Spier:

Es gibt Spiele, die eine Chat-Funktion haben. Das heißt, Kinder suchen sich einfach ihre Freunde in dem Spiel und chatten dort mit ihnen, wenn sie zum Beispiel WhatsApp nicht erlaubt bekommen.

Hier sollten Eltern also genau darauf achten, dass ihre Kinder nur ganz bestimmte Apps nutzen können. Und sie sollten sich innerhalb dieser wenigen Apps bestens auskennen, um mögliche Schwachstellen zu kennen.

Der Preis der Daten

Wer sich so eine App anschaffen möchte, hat die Wahl zwischen einigen wenigen kostenlosen Apps, die bis zu 10 Euro pro Monat kosten. Experte Spier rät aber dazu, beim App-Kauf lieber einen kleinen monatlichen Betrag zu bezahlen. 

Ein Mann sitzt in einem dunklen Raum an einem Tisch
Alexander Spier Bildrechte: Heise Gruppe

Die meisten Apps, die kostenlos sind und solche Kontrollfunktionen nutzen, müssen einen Server bezahlen, über den die Dienste laufen. Der Anbieter hat also auch Kosten. Die Frage ist: Wie kriegt er diese Kosten wieder rein? Indem er die Daten auswertet und weiter verkauft? Oder indem er Werbung schaltet? 

Das Problem sieht auch der Landesbeauftragte für Datenschutz in Thüringen, Lutz Hasse. Allerdings nicht nur bei den kostenlosen Versionen:

Ein Mann in einem gläsernen Gebäude
Dr. Lutz Hasse Bildrechte: MEDIEN360G

Man sollte auf jeden Fall in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen schauen, in was man da einwilligt. In den AGBs finden sich Hinweise, was mit den Daten passiert. Und wenn man Hinweise darauf erhält, dass die Daten weiter veräußert und weiter verarbeitet werden können, sollte man die Finger davon lassen. Sonst weiß man nicht, was mit den Daten des Kindes passiert.

Außerdem, so Datenschützer Hasse, lasse sich die Langzeitwirkung der Überwachung heute noch nicht überschauen. Wer ständig kontrolliert werde, gewöhne sich möglicherweise so sehr an derartige Prozesse, "dass man sich dann auch an staatliche Überwachung oder Überwachung am Arbeitsplatz, private Überwachung, gewöhnt hat, und gar nicht mehr darüber nachdenkt, dass hier ein Grundrecht massiv eingeschränkt wird."