Demonstrierende Lehrer Warum ein Lehrer aus Halle gegen die geplante Mehrarbeit ist

16. Februar 2023, 11:24 Uhr

Um den Personalmangel auszugleichen, sollen Lehrer ab März eine Stunde mehr pro Woche unterrichten. Dagegen protestierten zahlreiche Lehrer am Montag in Magdeburg und am Dienstag in Halle. Dazu aufgerufen hatte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Warum sich ein Berufschullehrer aus Halle für andere Lösungen stark macht.

MDR San Mitarbeiterin Annekathrin Queck
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Mit Trillerpfeifen, Rasseln und Fahnen haben sich am Dienstagnachmittag Hunderte Lehrer auf dem Marktplatz in Halle versammelt. Einige von ihnen halten Plakate mit Sprüchen wie "Burnout ist erst der Anfang!" oder "Lehrer mit Frustrationshintergrund" hoch. Neben einem Zelt der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) steht Malte Gerken. Er arbeitet seit 25 Jahren als Berufsschullehrer und ist stellvertretender Landesvorsitzender der GEW.

Die Gewerkschaft hatte Anfang der Woche zu Protesten gegen die Pläne der Landesregierung aufgerufen, den Lehrermangel durch Mehrarbeit auszugleichen. Ab März sollen alle Lehrer in Sachsen-Anhalt jede Woche eine Stunde mehr unterrichten. Bereits am Montag hatten Tausende Lehrer in Magdeburg zu einer Kundgebung auf dem Domplatz versammelt.

Das bedeutet die zusätzliche Schulstunde pro Woche auf ein Jahr gerechnet:

Viele Lehrkräfte bereits am Limit

Malte Gerken glaubt nicht, dass die neue Regelung wirklich etwas gegen den Lehrermangel ausrichten kann. "Wir haben ja schon das Modell der freiwilligen Zusatzstunden." Das seien bis zu zehn Arbeitsstunden mehr pro Woche. Dieser Ansatz ist nach Aussage von Gerken aber nicht gut angenommen worden. Viele Lehrkräfte hätten ihr Limit bereits erreicht.

Die eine Stunde ist jetzt das, was das Fass zum Überlaufen bringen könnte.

Malte Gerken, Berufsschullehrer und stellvertretender Landesvorsitzender der GEW

"Die eine Stunde ist jetzt das, was das Fass zum Überlaufen bringen könnte", so Gerken. Als der Berufsschullehrer später für einen Redebeitrag auf der Bühne steht, fordert er die Landesregierung auf, nicht auf Zwang, sondern auf Freiwilligkeit zu setzen. Land und Lehrer müssten gemeinsam einen Weg finden, mit dem Personalmangel umzugehen. Außerdem sei die Annahme, dass der Mangel statistisch gleich verteilt ist, falsch. Während manche Schulen die zusätzliche Stunde gar nicht bräuchten, sei sie an anderen lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein, erklärt der Berufsschullehrer.

Gerken: Schüler liegen uns am Herzen

Wenn die Stunden willkürlich erhöht würden, sei es auch schwieriger, guten Unterricht zu machen. "Im Gegensatz zu dem, was viele behauptet, weiß ich, dass wir Lehrkräfte uns sehr um unsere Schülerinnen und Schüler kümmern". Deshalb ist Gerken froh, dass die meisten Eltern Verständnis für den Protest der Lehrer haben.

Ähnlich sieht das auch eine junge Lehrerin, die mit ihrem kleinen Sohn am Rande der Kundgebung steht. Sie erzählt, dass sie die Perspektive der Eltern, die sich weniger Unterrichtsausfall für ihre Kinder wünschen, verstehen kann. "Ich habe selbst eine Tochter im Grundschulalter und da ist letztes Jahr auch viel Unterricht ausgefallen. Aber das wird nicht besser, wenn wir die Lehrer noch mehr überlasten." Es gebe ja jetzt schon eine Krankheitswelle, die mit der neuen Regelung sicher nicht kleiner werde. "Und Kollegen, die eh schon ausgefallen sind, werden dadurch auch nicht schneller wieder gesund", ergänzt sie.

Lehrerberuf wieder attraktiver machen

Auch Gerken findet, dass es mehr Entlastung für die Lehrer braucht. So fordere man zum Beispiel schon lange Unterstützung bei bürokratischen Aufgaben wie der Planung von Elterngesprächen, Projekttagen und Klassenfahrten. Solche Aufgaben kosteten unglaublich viel Zeit, die dann an anderer Stelle fehle. Nach Aussage von Gerken wäre es möglich, Assistenten an die Schulen zu holen, die den Lehrern bei diesen Aufgaben zur Hand gehen. Doch so etwas gebe es bislang kaum. Dabei würde genau das die Bereitschaft, mehr zu unterrichten, wahrscheinlich erhöhen, glaubt Gerken.

Um den Lehrermangel langfristig zu bekämpfen, ist es Gerken zufolge wichtig, junge Lehrer dafür zu begeistern, in Sachsen-Anhalt zu arbeiten. Außerdem müsse das Land die Einstellungsbedingungen für Seiteneinsteiger verbessern.

Feußner sieht kaum Spielraum für Kompromisse mit GEW

Bildungsministerin Eva Feußner (CDU) zeigte sich nach den Protesten in Magdeburg enttäuscht. Es sei bedauernswert, dass die Lehrkräfte kein Verständnis für die zusätzliche Stunde aufbringen könnten. Feußner betonte, dass die Arbeitszeit der Lehrer mit der geplanten Regelung nicht erhöht, sondern nur verlagert wird. Es sei möglich, die Stunde auf einem Arbeitszeitkonto gutzuschreiben und später in Freizeit abzugelten. Angesichts der Forderungen der GEW sieht sie wenig Spielraum für Kompromisse.

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MDR (Annekathrin Queck) | Zuerst veröffentlicht am 14.02.2023

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 14. Februar 2023 | 17:30 Uhr

31 Kommentare

8vhy185v4a am 17.02.2023

Die Politik hat's über Jahrzehnte verbockt!

deshalb kurz gesagt - So läßt man den Lehrern KEINE Wahl.

Sie werden wie alle in der Vergangenheit und Zukunft MIT IHREN FÜẞEN abstimmen!

Shantuma am 16.02.2023

Natürlich kann man sich gut vorbereitet die Arbeit als Lehrer vereinfachen.

Die wechselnden Lehrpläne werden nach 1-2 Jahrzehnten im Dienst auch kein Problem mehr sein.
Bleiben weiterhin kleinere Problem. Denn nicht jeder Jahrgang ist gleich stark.
Man kann natürlich Unterricht am Schüler vorbei machen, doch dann sollte man auch anerkennen, dass dies nicht für Begeisterung bei den Schülern sorgt.

steka am 16.02.2023

Als Lehrer mit Berufserfahrung wiederholt sich doch der Stoff jedes jahr im Großen und ganzen, die Vorbereitungszeit verringert sich dementsprechend. "Burnout ist erst der Anfang!" Was bei einem Freiberufler ? Kein Geld, Therapie und leben aus dem Eigemachten.Das Land und die Kommunen scheinen die zu melkenden Kühe zu sein, die man ausquetschen kann bis zun gehtnichtmehr. Elterngesprächen und Klassenfahrten gibt es auch im Sport, nur daß sie ehrenamtlich gegen eine geringe Aufwandsentschädigung nach der Arbebeit von den Übungsleiter durchgeführt werden. Das Land und die Kommunen sind aber auch die Institutionen ,die wissen müßten, wieviel Lehrer im Jahr in Rente gehen, wie die krankenstatistik aussieht und wieviele kinder im Jahr eingeschult werden sollen, also wieviele Lehrer im Vorlauf ausgebildet werden müssen. Mein Eindruck ist, bisher hat die Bundesrepublik hier im Osten von dem Lehrerpotential der Ex-DDR gelebt, nun gehen die Letzten in rente und die "Kacke ist am Damfen".

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