Deutsche Einheit Wie kann das Zukunftszentrum in Halle zum Erfolg werden?

02. April 2023, 16:14 Uhr

Halle ist als Standort für das neue Zukunftszentrum Deutsche Einheit ausgewählt worden. Das neue Bauwerk soll ein Ort der Wissenschaft und Kultur sowie Begegnungsstätte werden. Was das inhaltlich konkret bedeutet, ist noch offen. Dass sich das Zentrum jedoch in die Vielzahl bereits existierender kultureller und wissenschaftlicher Angebote einfügen muss, könnte zur Herausforderung werden.

Seit Mitte Februar ist klar: Halle bekommt das "Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation". Fest steht auch, dass die Eröffnung des 200-Millionen-Euro-Neubaus am Riebeckplatz für 2028 geplant ist. Das Ziel: die Erfahrungen und Leistungen der Menschen im Osten in den vergangenen dreißig Jahren sichtbar machen, die Leistungen der deutschen Vereinigung würdigen und nicht zuletzt die gesammelten Erfahrungen nutzbar machen. Aber wie genau das Zukunftszentrum mit Inhalt gefüllt wird, das muss noch entwickelt werden.

Zukunftszentrum darf als Kulturort nicht Konkurrenz werden

Das Zukunftszentrum soll ein Ort für wissenschaftliche Auseinandersetzung und museale Präsentation sein. Zudem soll es ein Kultur- und Veranstaltungsort werden. Deshalb müsse man im Blick behalten, dass Halle schon viele Kulturakteure hat, sagt die Verwaltungsdirektorin Kirsten Haß von der Kulturstiftung des Bundes. Es mache viel Sinn, sich mit der Region zu vernetzen, auch auf der Veranstaltungsebene.

Museen, Theater oder auch das Literaturhaus seien Akteure, die sich mit ähnlichen Themen wie das Zukunftszentrum beschäftigen. "Es soll Wissenschaft geben und es soll Kultur geben. Und bei der Kultur bin ich insofern skeptisch, weil ich denke, das Zukunftszentrum kommt in eine Kulturstadt, in der sehr viele Kultureinrichtungen agieren. Da muss man klug schauen, dass man sich verbindet und sich nichts doppelt."

Das Zukunftszentrum müsse sich als Akteur der Versammlung und des Dialogs verstehen. Dazu muss es Netzwerke knüpfen und nutzen. Es müsse mit Bürgerbewegungen geredet und sich auf bürgerliches Engagement konzentriert werden. Es gebe viele Initiativen. "Für alle die ist das Thema Transformation – wie verändert sich unsere Gesellschaft? Wie ist Zusammenhalt zu sehen? Was sind die Themen, die uns spalten und einigen?"

Das Zukunftszentrum kommt in eine Kulturstadt, in der sehr viele Kultureinrichtungen agieren. Da muss man klug schauen, dass man sich verbindet und sich nichts doppelt.

Kirsten Haß, Verwaltungsdirektorin der Kulturstiftung des Bundes

Zukunftszentrum darf kein Fremdkörper in Halle werden

Halle ist mit der Martin-Luther-Universität, den außeruniversitären Forschungsinstituten und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina schon heute ein starker Wissenschaftsstandort. Mit dem Zukunftszentrum gibt es die Chance, diesen weiter auszubauen, sagt der stellvertretende Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) Oliver Holtemöller.

Prof. Dr. Oliver Holtemoeller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle posiert für ein Portrait
Oliver Holtemöller, stellvetretender Präsident des des IWH, sieht im Zukunftszentrum die Möglichkeit, Halle als Wissenschaftsstandort zu stärken. Bildrechte: imago/photothek

Das Zukunftszentrum dürfe kein Fremdkörper in der Stadt werden, sondern müsse mit anderen Akteuren zusammenwirken und sich vernetzen, um die Sichtbarkeit der Stadt national und international zu erhöhen. "Wir erzielen Fortschritte, wenn wir verschiedene Akteure an einen Tisch bringen. Das gilt für wissenschaftliche Akteure, aber auch für den Dialog von Wissenschaft und Gesellschaft. Erkenntnisse aus der Forschung müssen auch in die gesellschaftliche Debatte eingebracht werden, so dass die Menschen verstehen, was seriöse wissenschaftliche Aussagen sind und was Fake News sind. Da kann so eine Einrichtung einen wichtigen Beitrag leisten."

Neben dem Thema "Deutsche Einheit" soll es auch um die europäische Transformation gehen. Deshalb sollten europäische Partnereinrichtungen frühzeitig mit ins Boot geholt werden, um gemeinsam Formate für den zukünftigen Dialog zu entwickeln. Menschen müssten an verschiedenen Orten zusammenkommen und in der gemeinsamen Arbeit Zukunftsvisionen entwickeln, so Oliver Holtemöller.

Am Ende lasse sich der Erfolg des Zukunftszentrums zum einen an den Besucherzahlen und Übernachtungen messen, aber auch am Erkenntnisfortschritt, der helfen soll, den Strukturwandel und die Transformation der Wirtschaft weiter zu verstehen.

Die Suche von Fachkräften wird zur Herausforderung

Neben der Herausforderung, alle Akteure im Kulturbereich und im Bereich der Wissenschaft mit dem geplanten Zukunftszentrum gut zu vernetzten, ist die erfolgreiche Suche nach Arbeitskräften eine weitere Hürde. Für den Aufbau des Zukunftszentrums werden Kommunikationswissenschaftler, Pädagogen, Kuratoren, Politologen, Sozialwissenschaftler, aber auch Techniker, Verwalter und Controller gebraucht.

Die 2020 gegründete Cyberagentur des Bundes hat zurzeit eine Situation, die das Zukunftszentrum in wenigen Jahren erwartet. Aus dem Nichts aufgebaut, müssen alle Arbeitskräfte erst rekrutiert werden, damit die Cyberagentur arbeitsfähig ist. Nach zweieinhalb Jahren werden immer noch Mitarbeiter gesucht. Vom Ziel, 100 Leute einzustellen, habe man bisher 70 einstellen können, sagt Personalleiter Matthias Strauß. Eine ganze Reihe an Maßnahmen sei nötig, um erfolgreich Arbeitskräfte zu finden. Dazu gehöre, auf Job-Plattformen und in der Presse präsent zu sein, ebenso auf Social-Media-Plattformen, sowie die Kooperation mit Hochschulen und Universitäten der Region. Letztendlich sei es mittelschwer, geeignete Fachkräfte mit wissenschaftlichem Hintergrund zu finden. Übertragen auf das Zukunftszentrum stehen die Chancen, geeignetes Personal zu finden, also gar nicht so schlecht, zumal die Arbeitskräfte nicht auf einen Schlag gebraucht werden, weil das Zukunftszentrum erst wachsen und sich entwickeln muss.

Neue Wege bei der Rekrutierung von Fachkräften

Bis zu 200 Stellen sollen geschaffen werden. Würde man das nahe Umfeld mit Gaststätten, Hotel und Handel hinzurechnen, würde sich der Arbeitskräftebedarf noch verdreifachen, schätzt die Chefin der Agentur für Arbeit Sachsen-Anhalt Süd, Simone Meißner. Die Arbeitskräfte zu rekrutieren ist eine große Herausforderung. Job-Plattformen, Eigeninitiative und private Arbeitsvermittler seien eine wichtige Möglichkeit, und die Arbeitsagentur sei ein weiterer Baustein, Arbeitskräfte zu rekrutieren.

Wir müssen den Radius, um Arbeitskräfte zu finden, deutlich ausdehnen, auch weit über Sachsen-Anhalt Süd hinweg.

Simone Meißner, Chefin der Agentur für Arbeit Sachsen-Anhalt Süd

"Aus eigener Kraft werden wir das nicht schaffen können, weil wir Fachkräftemangel in allen Bereichen haben. Das betrifft die Wirtschaft, das Handwerk. Deshalb müssen wir den Radius, um Arbeitskräfte zu finden, deutlich ausdehnen, auch weit über Sachsen-Anhalt Süd hinweg. Wir sind über die Arbeitsagenturen und Unternehmen sehr stark vernetzt. Und da werden wir unseren Beitrag leisten, um Beschäftigung zu generieren." Halle sei durch den Personennahverkehr, Autobahnen und Flughafen gut erreichbar und damit auch für Menschen aus den Nachbarbundesländern interessant. Wird der Radius der Suche groß genug gezogen, dann sei es schaffbar, genügend Arbeitskräfte zu finden, sagt Simone Meißner.

MDR (Andreas Manke, Sarah-Maria Köpf)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 01. April 2023 | 20:52 Uhr

4 Kommentare

nasowasaberauch am 03.04.2023

Wer das Projekt "Zukunftszentrum Deutsche Einheit" nennt, der sagt mit anderen Worten, die Enheit ist unvollendet und trägt zur Spaltung bei. Stimmt ja auch, aber mit dem Alibibau wird die Einheit auch nicht vollendeter. Für mich ist die Einheit dann vollendet, wenn die Teilhabe in allen Bereichen der Gesellschaft entsprechend der Bevölkerungsanzahl Realität ist und dazu brauche ich kein Mahnmal

AlexLeipzig am 03.04.2023

"Erkenntnisse aus der Forschung müssen auch in die gesellschaftliche Debatte eingebracht werden, so dass die Menschen verstehen, was seriöse wissenschaftliche Aussagen sind und was Fake News sind. Da kann so eine Einrichtung einen wichtigen Beitrag leisten." Also wenn das für Sie sinnfrei ist...? Ich finde das sehr sinnvoll.

nilux am 02.04.2023

Wenn man mal die Meldungen der letzten Wochen ansieht ist es schon irgendwie witzig, dass sich ausgerechnet das IWH so ein schöngeistiges und teures "Zukunftszentrum in Halle" schön redet. Es wird sich wirtschaftlich nie und nimmer rentieren. Meiner Meinung nach muss es das ja auch nicht, aber der Maßstab der Herren beim IWH ist doch äußerst befremdlich.
Halle ist im Übrigen ähnlich fremdenfreundlich oder feindlich wie Magdeburg. Insgesamt aber nicht dramatisch. Fachkräfte für eine Cyperagentur hat Halle eigentlich auch keine. Scheint beim IWH aber keine Rolle zu spielen. Man will ja ohnehin lieber unter sich bleiben, Hauptsache in der Presse, irgendwie.
Holtemöller und sein Chef haben sich in der Provinz mit ihren Bezügen offenbar gut eingerichtet: In alle Richtungen austeilen aber schön im warmen Geldregen sitzen.

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