EU-Check - Was bringt uns die EU? Thema: Energie und Klima 8 min
Was bringt das EU-Förderprogramm EFRE den Menschen in Sachsen-Anhalt? Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg, pixabay

Energie und Klimaschutz Wie die EU Unternehmen in Sachsen-Anhalt bei ihren Klimazielen unterstützt

19. Mai 2024, 17:14 Uhr

Der 9. Juni ist auch in Sachsen-Anhalt der Termin für die Europawahl. MDR SACHSEN-ANHALT geht der Frage nach, wie Menschen beim Klimaschutz und der Energieversorgung von der Europäischen Union profitieren. EU-Gelder fließen nicht nur in Projekte von Kommunen oder Großunternehmen. Auch kleine und mittelständische Unternehmen werden gefördert – unter anderem die Kösener Spielzeugmanufaktur. Das Unternehmen kann dadurch ab 2025 CO2-neutral produzieren.

Eine junge Frau mit blonden Haaren lächelt in die Kamera
Bildrechte: Sarah-Maria Köpf

Einhörner, Plüschaffen und Teddybären: Etwa 3.000 bis 4.000 Kuscheltiere werden in der Kösener Spielzeugmanufaktur jeden Monat hergestellt. Das Familienunternehmen setzt auf Qualität und Handarbeit. Bis 2025 will man am Standort zudem CO2-neutral produzieren. Der Weg bis dahin sei nicht mehr weit, meint Helmut Schache. Der 79-Jährige hat die Spielzeugmanufaktur in Bad Kösen 1992 gekauft und war bis 2001 Geschäftsführer, bevor er die Leitung an seine Tochter Constance Schache übergab.

Helmut Schache, ehemaliger Geschäftsführer der Kösener Spielzeugmanufaktur
Helmut Schache kaufte die Kösener Spielzeugmanufaktur 1992 und ist heute für die Nachhaltigkeit im Familienunternehmen verantwortlich. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

CO2-neutrale Produktion dank EU-Förderung

Nun kümmerte er sich vor allem um das Thema Nachhaltigkeit – für ihn eine Herzensangelegenheit. Schon vor 14 Jahren installierte er erste Solaranlagen auf dem Gelände. Der Denkmalschutz der alten Gebäude stellte ihn dabei zunächst vor Herausforderungen. 2022 erhielt die Kösener Spielzeugmanufaktur eine Förderung von 385.000 Euro vom Land Sachsen-Anhalt, die vollständig aus dem "Europäischen Fond für regionale Entwicklung" (EFRE) finanziert wurde.

Die klimafreundliche Heizanlage der Kösener Spielzeugmanufaktur.
Die neue Heizanlage der Spielzeugmanufaktur wurde durch EFRE-Mittel finanziert. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Durch das Programm konnte die fossile Heizungsanlage der Gebäude durch eine Hackschnitzel-Heizung mit 16.000 Liter Pufferspeicher ersetzt werden. Auf einem der Dächer entstand eine kleine Solaranlage mit Batteriespeicher. Leuchtstoffröhren und Glühlampen wurden ausgetauscht, LED-Lampen eingesetzt. Zwei kraftstoffbetriebene Fahrzeuge durch Elektrofahrzeuge ersetzt. Insgesamt können so 274 Megawattstunden Energie gespart und der CO2-Ausstoß pro Jahr um 134 Tonnen gesenkt werden, heißt es im dazugehörigen Projektbericht der Landesenergieagentur Sachsen-Anhalt.

Die Förderung sei ein großer Fortschritt für die Nachhaltigkeit im Unternehmen, der sonst nicht möglich gewesen wäre, erzählt Schache. Dass es so etwas gebe, halte er für extrem wichtig. Ohne Förderungen werde es mit den Klimazielen nicht klappen, meint er.

Heizen mit Hackschnitzeln in der Kösener Spielzeugmanufaktur
Die Hackschnitzel für die Heizungsanlage werden in einem Speicher vor dem Gebäude gelagert. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

EU-Check: Klima & Energie

  • Das überweist die EU nach Sachsen-Anhalt: Bis 2027 stehen insgesamt rund 286 Millionen Euro aus dem EFRE zur Verfügung. Dazu kommen rund 65 Millionen Euro aus dem EU-"Fonds für einen gerechten Übergang" ("Just Transition Fund", kurz "JTF").
  • Wer profitiert davon: Sowohl Kommunen, als auch kleine, mittelständische und Großunternehmen. Die Fördermittel werden beispielsweise für Energie-Effizienzmaßnahmen oder die energetische Sanierung öffentlicher Gebäude und Infrastrukturen genutzt.
  • Das überrascht: Selbst kleine Unternehmen können sich über hohe Fördersummen freuen. So wurde die Kösener Spielzeugmanufaktur insgesamt mit 385.000 Euro unterstützt.

Jede Maßnahme, die betrieben wird, ist sinnvoll, weil sie insgesamt einen Beitrag zur CO2-Einsparung leistet.

Dominik Möst, Professor für Energiewirtschaft

Viele kleine Projekte positiv für CO2-Einsparung

Selbst die Förderung vieler kleiner Projekte könne sich positiv auf das Gesamtklimaziel auswirken, sagt Dominik Möst, Professor für Energiewirtschaft an der Technischen Universität (TU) Dresden. "Jede Maßnahme, die betrieben wird, ist sinnvoll, weil sie insgesamt einen Beitrag zur CO2-Einsparung leistet." Die EU hat es sich zum Ziel gesetzt, der erste klimaneutrale Kontinent bis 2050 zu werden. Mit dem Projekt "European Green Deal" werden diese europäische Klimaziele in nationale Energie- und Klimaschutzpläne der EU-Mitgliedsstaaten überführt.

Auch Großstromverbraucher will klimaneutral sein

Die Förderungen sind Teil dieses Maßnahmenkatalogs. Doch nicht nur kleine und mittelständische Unternehmen profitieren. Auch Kommunen oder Großunternehmen können sich auf Gelder bewerben. Die KSM Castings Group betreibt international Werke für Gussprodukte aus Leichtmetall, die später in Autos von BMW, Volkswagen und Daimler verbaut werden. Einer der Standorte befindet sich in Wernigerode.

Mit rund 550 Mitarbeitenden ist das Werk eines der größten Arbeitgeber in der Region. Pro Tag werden hier 85 Tonnen Aluminium verarbeitet, es entsteht ein Stromverbrauch von 25 Gigawattstunden im Jahr, teilt das Unternehmen mit. Bis 2035 soll hier CO2-neutral gearbeitet werden, dabei ist das Werk im Harz einer der Großstromverbraucher.

Ein Mann gießt Aluminium im Werk in Wernigerode
Das Werk der KSM Castings Group in Wernigerode ist ein Großstromverbraucher in der Region. Bildrechte: MDR/Roland Jäger

Energiepreise machen Unternehmen weiter Sorgen

Damit das Vorhaben trotzdem gelingen kann, habe KSM Castings neben langfristigen Klimamaßnahmen einen Drei-Jahresplan. "Das sind hauptsächlich Themen, die wir selber technologisch beeinflussen können", so Dietmar Kampmann, Geschäftsführer der KSM Castings Group. Man habe zum Beispiel schon auf energieärmere Schmelzprozesse umgestellt, die die Schmelzenergie um 30 Prozent reduzieren. Mithilfe der Fördergelder soll unter anderem ein Zusammenschluss mit einem Energieversorgungsunternehmen gelingen, um die Abwärme, die bei den Prozessen entsteht, sinnvoll zu nutzen.

Geschäftsführer Kappmann von KSM in Wernigerode
KSM-Geschäftsführer Dietmar Kampmann zeigt sich besorgt über die Energiepreise. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Größere Sorgen bereiten der KSM Castings Group aber die Energiepreise. Die waren aufgrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine 2022 sprunghaft angestiegen und pendeln sich nur langsam wieder ein. "Solange wir keine Vorschau haben, wo sich der Preis hinbewegt, werden wir weiter in der Verlustzone arbeiten", meint Kampmann. In Europa, speziell in Deutschland habe man da einen Kostennachteil. "Der europäische Energiemarkt ist ein Flickenteppich", kritisiert er. Professor Möst von der TU Dresden kann für die Lage auf dem Strommarkt ebenfalls keine Entwarnung geben. Das Preisniveau werde auch in Zukunft nicht abnehmen, sagt er.

Ich bin überzeugt, dass die Umwelt uns jeden Tag prügeln wird.

Helmut Schache, Ehemaliger Direktor Kösener Spielzeugmanufaktur

Kösener Spielzeuge: CO2-neutral über die eigene Produktion hinaus

Der Kösener Spielzeugmanufaktur machen die höheren Energiepreise dagegen bislang nicht zu schaffen. Die Produktion des eigenen Stroms durch Photovoltaik schaffe Sicherheit und ein gutes Gewissen, meint Helmut Schache. "Wir produzieren im Moment mehr Strom, als wir verbrauchen können." Den Entscheidungen der EU sei er zudem weit voraus, so der 79-Jährige. "Alles, was ich gezwungen bin, in 20 Jahren zu machen, habe ich schon erfüllt. Ich lehne mich aber nicht zurück, weil ich noch nicht am Ende meiner Ideen bin. Wir können noch mehr machen."

Solaranlage auf dem Dach der Kösener Spielzeugmanufaktur.
Die Bad Kösener Spielzeugmanufaktur produziert aktuell mehr Strom, als sie verbrauchen kann. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Zukünftig wolle Schache auch die externen Prozesse absichern und kompensieren. "Das mache ich in Zukunft mit Solarenergie, aber auch mit der Hackschnitzel-Heizung, indem ich Wärme abgebe", sagt er. Im nächsten Schritt wolle er auf seine Lieferanten zugehen und deren Nachhaltigkeitsstrategie prüfen. Als Familienunternehmen denke man immer an die nächste Generation. "Ich bin überzeugt, dass die Umwelt uns jeden Tag prügeln wird." Deshalb sei jetzt die richtige Zeit zum Handeln und nicht erst in zwanzig Jahren, kurz vor Ende des Pariser Abkommens.

Die Fabrik der Kösener Spielzeugmanufaktur
Die Beleuchtung in der Spielzeugproduktion wurde durch LED-Lampen ersetzt. Künftig sollen noch die Motoren der Nähmaschinen ausgetauscht werden. Bildrechte: MDR/Sarah-Maria Köpf

Alles, was ich gezwungen bin, in 20 Jahren zu machen, habe ich schon erfüllt. Ich lehne mich aber nicht zurück, weil ich noch nicht am Ende meiner Ideen bin.

Helmut Schache, Ehemaliger Direktor Kösener Spielzeugmanufaktur

An Konzepten mangelt es nicht. Eine von Schaches Ideen: Ein Blockheizkraftwerk mit Holzschnitzeln, um die umliegenden Gebäude versorgen zu können. Auch Wasserkraft aus der Saale zu ziehen, sei etwas, dass ihn interessiere, meint der Unternehmer. Eine weitere Solaranlage könne er sich ebenfalls vorstellen. Er sagt: Mit der CO2-Neutralität in der Produktion sei es noch lange nicht getan.

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MDR (Sarah-Maria Köpf)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 19. Mai 2024 | 19:00 Uhr

45 Kommentare

Anita L. vor 3 Wochen

"Apropos Reisen - die viel gelobte Reisefreiheit der EU finde übrigens nicht nur ich recht teuer bezahlt."

@Maria A., vielleicht ist es Ihnen entgangen, aber Sie sind die erste und damit bisher einzige, die das Reisen hier zum Thema machen... aber wenn wir schon einmal dabei sind: Dass Reisefreiheit nicht automatisch betreutes FDGB-Reisen zu Nullpreisen bedeutet, hätte ich Ihnen bereits 1989/90 sagen können. So wie Demokratie nicht dasselbe bedeutet wie weiter sitzen bleiben und Bananen geschenkt bekommen.
Natürlich können Sie völlig nostalgisch über "etwas mehr Papieraufwand" schwärmen; das macht den Vergleich mit der Vor-EU-Zeit nicht richtiger. Allein die aktuelle Diskussion über die Zölle zum Beispiel aus nicht-EU-Ländern könnten Ihnen einen Anreiz geben, darüber nachzudenken, wie das wirtschaftliche "Miteinander" innerhalb Europas ohne EU aussah und aussehen würde.

Maria A. vor 3 Wochen

Ach ja, die moderne Variante "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen", oder? Wir geben es gern den Anderen mit vollen Händen (egal, dass man mittlerweile am Zustand der Infrastruktur merkt, dass das Verteilte fehlt)... Handel und Wandel gab es vor der EU auch, zwar mit etwas mehr Papieraufwand, aber dafür nicht die Finanzierung des kostspieligen Wasserkopfs in Brüssel, keinen Teuro und, schaut man seit einigen Jahren ohne rosarote Brille hin - mehr Lebensqualität. Auf den ersten Blick erkennbar an schmucken Städten und Ortschaften. Glücklich der, der bis vor ca. 15 Jahren Deutschlands Sehenswürdigkeiten bereist hat. Apropos Reisen - die viel gelobte Reisefreiheit der EU finde übrigens nicht nur ich recht teuer bezahlt.

Wessi vor 3 Wochen

Daß ein ach so "patrotischer" User und AfD-Befürworter hier postet, daß sein Geld "im Ausland" sei...spricht ganz sicher für die AfD...(Ironie aus)!Mancher von denen hat sein Geld im Ausland, andere bekommen es daher...

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