Medienkompetenz Kinder müssen lernen, Falschinformationen zu erkennen

08. April 2024, 05:00 Uhr

Zwei Drittel der Menschen in Deutschland haben Angst vor der Verbreitung von Desinformation. Besonders im Internet und in sozialen Medien ist man damit immer wieder konfrontiert. Vor allem sind dabei Jugendliche und Kinder gefährdet, die häufig ihre Nachrichten über TikTok, Instagram oder Whatsapp beziehen. Wie können Kinder gegen diese Gefahren gewappnet werden?

Auf TikTok sollen über 1.000 Videos pro Sekunde hochgeladen werden, auf Youtube sollen es pro Minute etwa 500 Stunden an Video-Material sein und auf Instagram auch schon mal über 200.000 Videos pro Stunde gewesen sein. Genau überprüfen lassen sich diese Zahlen nicht, aber feststeht: Jeden Tag werden Millionen Posts, Artikel oder Bilder im Internet und auf Sozialen Netzwerken veröffentlicht. Darunter befinden sich auch viele Des- und Falschinformationen. Doch wie sollen gerade Kinder da den Durchblick behalten?

Vermeintliche Warnmeldung über gefährliche Drogen an Schulen
Dieses Bild wird zusammen mit einer Warnung für Kinder vor einer neuen Droge immer wieder geteilt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vor Julian Hilgers sitzen Schüler der achten Klasse an den Bänken der 88. Oberschule in Dresden. Der Journalist arbeitet ehrenamtlich für den Verein "Lie Detectors" und versucht die Jugendlichen aufzuklären, wie sie Fake-News erkennen können. Er projiziert das Bild eines Facebook-Posts auf die Leinwand über der Tafel. Es zeigt eine Hand, auf der scheinbar bunte Süßigkeiten liegen. Darüber steht: "Eilmeldung Neue Drogen in Schulen…"

"Hier wird gesagt, und gewarnt werden Kinder vor einer Droge, die soll irgendwie 'Erdbeere schnell' heißen, und an einer Schule verteilt worden sein", erklärt Hilgers. Auf sozialen Plattformen wird dieser Kettenbrief bereits seit Jahren massenhaft geteilt und verunsichert so manche Eltern. Dabei ist er gar nicht echt. Um die Kinder auf Unstimmigkeiten solcher Posts hinzuweisen, wurde Hilgers von Lehrerin Olga Samoilenko eingeladen. Etwa, dass als Bildquelle "Screenshot" dasteht.

Jeder dritte Schüler informiert sich über Soziale Netzwerke

Die Schulen müssen seit sechs Jahren Medienkompetenzen wie das Erkennen von Desinformationen vermitteln. Das hat die Kultusministerkonferenz bereits 2016 beschlossen. Dafür lässt sich die Gemeinschaftskundelehrerin Samoilenko regelmäßig fortbilden. Stößt sie auf eine Falschmeldung, erkenne sie diese meist. "Aber spontan im Unterricht kann ich darauf eigentlich nicht reagieren. Und da stehen wir halt und wissen nicht weiter."

In einer repräsentativen Studie von 2022 gaben fast 40 Prozent der Schüler in Deutschland an, dass das Thema im Unterricht nicht behandelt wird. Obwohl jeder Dritte Soziale Medien nutzt, um sich über das Weltgeschehen zu informieren. Dabei bekommen sie auch gefälschte und manipulierte Inhalte zu sehen.

Über 60 Prozent der Jugendlichen verbringen gut dreieinhalb Stunden pro Tag im Internet. Schülerin Valentina nutzt auf ihren Smartphone hauptsächlich WhatsApp, Instagram und Tiktok. Dass die Nachricht über die Drogen an Schulen nicht wahr ist, hat die 14-Jährige überrascht: "Ich fand es gut, dass es nicht echt ist. Aber ich hätte auch gedacht, dass es echt ist."

Durch den Workshop erhofft sich Lehrerin Samoilenko, dass ihre Schüler lernen, reflektierter mit Informationen im Netz umzugehen. Ihr ist klar, dass eine Unterrichtseinheit alleine auf Dauer dafür nicht ausreicht. Vor allem engagierte Lehrer wie sie versuchen das Thema überhaupt anzusprechen, weiß Journalist Hilgers: "Diese gesellschaftliche Dimension von Falschnachrichten: Da haben, glaube ich, die wenigsten eigentlich eine Ahnung von oder viele erkennen es auch als nicht so schlimm an."

"Leider kommen zu uns nicht die Lehrkräfte, die Digitalisierung ablehnen oder Angst davor haben", sagt Medienexperte Udo Lihs. Er ist Referent für "Digibits", ein Projekt vom Verein "Deutschland sicher im Netz". Deutschlandweit bildet er Lehrer zum Thema Falsch- und Desinformationen aus. Einige Lehrer seien auch unsicher, gerade bei politischen Themen und Desinformationen. "Weil sie eben doch Angst haben vor den Reaktionen der Schüler, vor den Reaktionen der Eltern oder vielleicht sogar vor der Redaktion der Schulleitung."

Hinzu kommt laut Lihs, dass das Thema auch durch vollgepackte Lehrpläne im Unterricht zu kurz komme: "Ein großes Problem ist der Lehrermangel." Zum einen fehle es an Lehrkräften für dieses Thema, zum anderen würden thematisch oft andere Schwerpunkte gesetzt.

Ein eigenes Schulfach in Thüringen und Sachsen-Anhalt

Sachsen will kein eigenes Schulfach einführen. Sachsen-Anhalt erprobt derzeit ein eigenes Fach für Medienbildung an Gymnasien und in Thüringen wird im kommenden Schuljahr das neue Fach Medienbildung und Informatik ab der fünften Klasse zur Pflicht. Das Albert-Schweitzer-Gymnasium in Ruhla ist eine der geplanten 25 Pilotschulen, die das neue Fach bereits erproben.

Das unterrichtet etwa in einer elften Klasse Informatiklehrerin Judith Lorbeer-Faerber. Um Falsch- und Desinformationen zu erkennen, braucht es laut der Lehrerin ein tieferes informatisches Verständnis. Dies zu vermitteln sei ihr in dem neuen Fach erstmals möglich: "Bisher war es eben so, dass das Ganze auf Fächer ja ausgelagert war und eben nur ganz spezifische Inhalte in Anwendungsbereichen gelehrt wurden."

Konkret bedeutete dies laut Lorbeer-Faerber, das etwa in der fünften Klasse Powerpoint oder Word angeschaut wurden. "Und die Chance ist jetzt eben so, dass wir eben nicht bei diesen Anwendungen bleiben, sondern dass wir den Schülern wirklich in die Tiefe gehen können und ihnen erklären können, wie funktioniert das, was du da machst", so die Lehrerin. "Und damit können wir natürlich auch deutlich besseres Verständnis ausbilden."

Es fehlt mal wieder an Lehrkräften

Bis zur kompletten Einführung des Faches braucht Thüringen circa 200 Informatiklehrer zusätzlich. Doch bereits der Probelauf war wegen Lehrkräftemangel nicht an allen Pilotschulen erfolgreich. Auf die Frage, ob es in Zukunft ausreichend Lehrer gäbe, teilt das thüringische Bildungsministerium MDR Investigativ mit: "Die Zahl der Lehrkräfte mit Unterrichtserlaubnis bzw. Lehrbefähigung ist konstant. Für die schrittweise Einführung des neuen Faches […] bis zur Klassenstufe 10 im Jahr 2029 werden folglich ausreichend Lehrkräfte bereitstehen."

Am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Ruhla hat Schulleiter Denny Jahn zwei seiner Lehrkräfte frühzeitig ausbilden lassen. Das neue Fach soll die restlichen Lehrer entlasten. Denn bisher sollten Medienkompetenzen quasi nebenbei, zusätzlich zum eigentlichen Stoff vermittelt werden.

"Das Hauptproblem bei dem integrativen Ansatz war eigentlich die Absprache der Kollegen untereinander", sagt Jahn. "Es gab zwar einen schulinternen Lehrplan, der auch allen bekannt war, aber trotzdem ist es natürlich immer die individuelle Komponente entscheidend, wie ich mich an bestimmte Themen heranwage." Das habe dazu geführt, dass man die Ergebnisse verschiedener Klassen kaum miteinander vergleichen konnt

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